Hier für 5 Dollar bestellt, in Bangladesh gezeichnet

Brauchen Sie ein Bewerbungsschreiben oder ein Firmenlogo? In fernen Ländern werden sogenannte Mikrojobs für Sie erledigt. Aber, taugen sie auch? Tagesanzeiger.ch/Newsnet machte den Test.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Digitale Arbeit auslagern: Das ist ein Wandel in der Arbeitswelt, den das Internet möglich macht. Dazu bieten Websites Anbietern und Abnehmern einen Markt für Onlinedienstleistungen. Das Versprechen ist immer das gleiche: günstige Preise. Eine der populärsten Seiten ist Fiverr.com. Der Name verrät es bereits, hier bieten die Nutzer Dinge feil, die sie für einen «Fünfer», also eine Fünfdollarnote, tun.

Das Angebot ist breit: einen Bewerbungsbrief schreiben, ein Logo entwerfen, eine Karikatur zeichnen oder eine «professionelle» Anrufbeantworter-Nachricht aufnehmen. Es ist digitale Kleinstware von der Stange. Die Angebote zielen meist auf Privatkunden und KMU. Wer sich auf den Plattformen bewegt, erhält den Eindruck eines virtuellen Einfrankenladens für Dienstleistungen: Angeboten wird viel Ramsch, und es drängt sich die Frage auf, wer an so geringen Preisen etwas verdienen kann. Beziehungsweise, unter welchen Bedingungen hier produziert wird.

Plattform für Kleinstjobs

Das Prinzip der Mikrojob-Plattformen ist eine Spielart von Crowdsourcing. Der Begriff ist ein Zusammenzug aus «Crowd» (Menge) und «Outsourcing» (Auslagern). Private oder Unternehmen können hier Aufgaben an Freiberufler weitergeben, die nicht bei ihnen angestellt sind. Dabei geht es nicht um dauerhafte Arbeitsverhältnisse, sondern eben um «Mikrojobs», Kleinstaufgaben. Einer der Treiber des Prinzips ist der Onlinehändler Amazon mit seiner Onlineplattform Mechanical Turk, benannt nach einem gleichnamigen Schachautomaten aus dem 18. Jahrhundert.

Das Gerät erweckte den Eindruck, ein mechanisches Wunderwerk zu sein, das selbst mittels eines genialen Uhrwerks im Innern wie ein heutiger Schachcomputer spielen könne. Dabei handelte es sich aber um einen Schwindel: In Wahrheit sass ein Komplize des Konstrukteurs in der grosszügig bemessenen Kiste und bewegte die Figuren. Das Prinzip beim Online-Outsourcing mutet ähnlich an: Hinter dem Computer arbeiten Menschen wie von Geisterhand. Mechanical Turk ist nicht allein; zwar ist es einer der prominenteren Anbieter, aber keineswegs der einzige. Dutzende von Onlinediensten buhlen in diesem Feld um Kunden, sie tragen Namen wie Crowdflower, Clickworker, Task Army und so weiter.

Eine gute Kritik für fünf Dollar

In der Praxis eignet sich das Prinzip nur für bestimmte Typen von Aufgaben. Dazu gehören das Erstellen kurzer Texte, Onlinerecherche, das Testen von Webseiten oder Apps. Unternehmen nutzen die Plattformen oft, um Konsumentenumfragen ausfüllen zu lassen. Auch einfache Aufgaben wie das Kategorisieren von Fotos oder das Transkribieren von Tonaufnahmen lassen sich über das Internet auslagern. Je nach Plattform sind auch Angebote zu haben, die sich im legalen Graubereich bewegen. Dazu gehört etwa der Kauf von Facebook-­Likes oder von Website-Klicks, mit denen Betreiber ihren Besucherstatistiken nachhelfen können. Auf praktisch jeder Site lassen sich positive Online­rezensionen bestellen. «I will write a positive review for $5», verspricht etwa eine Nutzerin auf Fiverr.com.

Gemeinsam istall diesen Internetplattformen: Die Angebote lassen sich von geografisch entfernten Arbeitern stets mithilfe eines Computers und einer Internetverbindung erledigen. Das bringt mit sich, dass die Konkurrenz im weltweiten Arbeitsmarkt auf die Entlöhnung drückt. Typische Stundenlöhne für die Kleinstjobs liegen zwischen einem und fünf Dollar. Das ist oft mehr, als Arbeiter in Schwellenländern verdienen, etwa in Indien, wo ein durchschnittlicher Stundenlohn von unter zwei Franken normal ist. Das macht das Clickworking auch attraktiv.

Das Phänomen beschränkt sich aber nicht allein auf Schwellenländer. So gibt es auch in den USA viele selbstständige Clickworker. Dazu passt, dass die Anbieter bislang keinen Mangel an Arbeitskräften fürchten müssen, im Gegenteil. Einzelne Plattformen wie etwa Crowdflower preisen ihren Dienst mit bis zu 100 000 bereitstehenden Arbeitern an, die zumindest einige Stunden pro ­Woche im Nebenverdienst diese Onlinejobs ­annehmen. Wie gut sie dabei lohn­mässig fahren, ist umstritten; systematische Untersuchungen oder Befragungen zu den global verteilten Outsourcing-­Arbeiten fehlen bislang.

Gute und schlechte Resultate

Wenig überraschend haben Mikrojob-Plattformen per se keine gute Reputation. Verschiedene Presseberichte sehen sie als Internetversion des Sweatshops. Die «New York Times» schrieb: Clickworker beuteten sich für geringe Löhne selbst aus, ohne Sozialleistungen oder arbeitsrechtlichen Schutz. Der Vorwurf lautet, solche Onlinedienste etablierten eine Kaste von Clickworkern als neues, digitales Prekariat.

Wer diese Bedenken für einen Moment ausser Acht lässt, kann selbst eine Tour durch die virtuellen Einfranken­läden machen und dort Dienstleistungen verschiedenster Art einkaufen (siehe nebenstehende Texte). Entscheidet man sich für eines der Billigangebote, verläuft das Experiment manchmal zufriedenstellend, aber in manchen Fällen auch zweifelhaft. Und manchmal blieben die Anfragen auch einfach unbeantwortet.

Auf unserer Website finden Sie ebenfalls einen ausführlich dokumentierten Selbstversuch zum Thema (Mikrojobs im Selbstversuch). Der Autor wagt in einem zusätzlichen Experiment, den Schritt auf die andere Seite des Clickworkings, und betätigte sich selbst eine Zeit lang als Mikrojobber. Ein ­frustrierendes Unterfangen.


Mikrojob-Plattformen im Test
Mein Konterfei als Simpsons-Kopf

Eliana93fer aus Uruguay ist ein eigent­licher Star auf Fiverr.com. Sie zeichnet einen nach einem Foto als Simpsons-­Figur, beherrscht aber auch den Stil von «Family Guy» und «Futurama». Mehr als 6000 Porträts hat sie schon erstellt, für Auftraggeber aus aller Welt. Auch 117 Kunden aus der Schweiz schmücken ihre Facebook- und Twitter-Profile mit einem Avatar im Comic-Stil.

Eliana93fer liefert prompt eine hochauflösende Grafikdatei, die auch für grosse Reproduktionen taugt. Der Standard-«Gig» kostet, wie bei Fiverr.com üblich, 5 Dollar. Für 20 Dollar zeichnet die junge Künstlerin Ganzkörperbilder, und für 100 Dollar setzt sie die ganze ­Familie aufs Simpsons-Foto. Sie ist über die Kontaktfunktion auch für Aufträge abseits von Fiverr erreichbar. (schü)


Eine Visitenkarte für 20 Euro

Fiverdeal.de wird von einem Unternehmen aus Rheinland-Pfalz betrieben und hat im Vergleich zu den internationalen Seiten ein spärliches Angebot. Für hiesige Anbieter ist es im Vergleich zu Billiglohnländern weniger attraktiv, 5- oder 10-Euro-Jobs anzubieten.

Petragraphics bietet für 20 Euro ihre Dienste als Gestalterin für Visitenkarten, Flyer und Geschäftsgrafiken an. Für meine Visitenkarte unterbreitet sie zwei Entwürfe, jeweils mit Vorder- und Rückseite. Die gewählte Variante fertigte sie mit zwei kleinen Änderungen innert zweier Tage an – einwandfrei. Die Gestaltung ist nicht so anspruchsvoll, wie man es von einem direkt engagierten Grafiker erwarten würde. Besser, als wenn ich selbst etwas gebastelt hätte, ist das Resultat aber allemal. (schü)


Das verfilmte Firmenlogo

Verglichen mit den Stars auf Fiverr ist der 25-jährige Roqon aus Bangladesh mit etwas über 150 Kunden kein grosser Fisch. Er verspricht, Logos zu malen und ein Video davon zu erstellen. Wir bestellen das TA-Logo und zahlen 5 Dollar zusätzlich, damit das Video innert vier Tagen fertig wird. Das Video trifft fristgerecht ein. Wir sind zufrieden, und Roqon bekommt seinen Lohn. Wie lange er tatsächlich an dem Video gearbeitet hat, will er dem TA nicht sagen. Nur so viel verrät der Freelancer, der Fiverr als Nebenerwerb nutzt: Er liefere normalerweise innert 10 Tagen.

Wie viel an dem Video tatsächlich Handarbeit ist und wie viel Computer-trickserei, ist bei dem Preis zweitrangig. Das Ergebnis kann sich zu dem Preis ­sehen lassen. (zei) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2014, 09:55 Uhr

Artikel zum Thema

Mikrojobs im Selbstversuch

Internet Clickworker-Plattformen versprechen, in vielen Bereichen die Zukunft der Arbeit zu sein. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einige der Mikrojob-Sites ausprobiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...