«Ihr solltet euch hassen»: Warum Apple so erfolgreich ist

Keine Firma ist wertvoller als Apple. Ein neuer Bericht, der auf Hunderten Mitarbeiter-Interviews beruht, zeigt die Firmenkultur unter Steve Jobs auf.

«Extrem dominierend»: Kranker Apple-Chef Steve Jobs.

«Extrem dominierend»: Kranker Apple-Chef Steve Jobs. Bild: Reuters

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Früher waren es Firmen wie Coca Cola, (in Zeiten der ungezügelten Qualmerei) Marlboro und (mit dem Siegeszug des Web 2.0) Google: Multinationale Unternehmen, die sich mit dem Etikett «wertvollste Firmenmarke der Welt» schmücken dürfen.

Seit heute darf sich Apple zu diesem intimen Kreis zählen: Der iPhone-Hersteller ist laut einer Studie von Millward Brown mit einem Markenwert von 153 Milliarden Dollar die wertvollste Firmenmarke der Welt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

«Faszination der Marke fassbar machen»

Wie erklären sich Markenexperten diesen Erfolg? Laut Bernd Büchner von Millward Brown gibt es dafür vor allem einen Grund: «Apples Erfolg rührt nicht allein von der Produktinnovation her, sondern von der Tatsache, dass Steve Jobs und seine Mitarbeiter die Faszination der Marke fassbar machen», so Büchner gegenüber der «Financial Times Deutschland».

Im Falle von Apple kann man den Zusatz «Mitarbeiter» wohl getrost weglassen - kein Konzern wird dermassen von seinem CEO dominiert wie der kalifornische Hard- und Softwarekonzern, wie ein neuer Artikel von «Fortune» (Artikel online nicht verfügbar) zeigt.

Jobs entscheidet überall mit

Im Bericht, der auf Interviews mit Hunderten von Apple-Mitarbeitern beruht, wird Jobs als «Firmendiktator» und «Haustyrann» beschrieben, der selbst bei noch so kleinen Details wie dem Design des firmeneigenen Shuttle-Busses oder dem Speiseplan der Kantine Einfluss nimmt.

Nach mehreren Pannen beim Start des Maildienstes MobileMe soll Jobs alle Projektverantwortlichen zu sich gerufen haben und sie mit den Worten «Ihr solltet euch gegenseitig hassen» zusammengestaucht haben, da sie das «Ansehen Apple beschädigt» hätten. Während dieser Sitzung habe Jobs auch gleich neue MobileMe-Chefs ernannt. A propos Sitzungszimmer: Laut dem Bericht lässt der auf absolute Verschwiegenheit bedachte Jobs bei wichtigen Besprechungen Konferenzräume nach Wanzen absuchen.

«Fortune» berichtet zudem von einem immer wieder rezyklierten Anspracheritual bei der Ernennung von neuen Vizepräsidenten (VP) . Steve Jobs trichtere jedem neuen VP vor dessen Amtsantritt ein, dass er keine Ausreden dulde. Nur auf dem Level eines Abwarts akzeptiere er Entschuldigungen.

Extrem dominierend

Wer Erfolg hat, hat bekanntlich auch immer Recht. Die absolute Abhängigkeit vom Firmenmitgründer führt laut «Fortune» allerdings dazu, dass viele Mitarbeiter dauernd damit beschäftigt sind, sich oder ihre Chefs auf Treffen mit Steve Jobs vorzubereiten. Eine solche Firmenkultur berge natürlich grosses Frustrationspotenzial.

Kritisch beäugt wird Apples Firmenkultur auch von Gabriel Bartholdi: «Steve Jobs ist extrem dominierend», so der Technologie-Analyst der Zürcher Kantonalbank. Zwar könne ein so grosses Unternehmen wie Apple auch ohne adäquate Nachfolge problemlos seine Marktposition für eine Zeitlang verteidigen, im Technologiebereich könnten sich die Marktverhältnisse aber schnell verändern, wie das Apple selbst vorgemacht habe.

Im Hintergrund wird die Nachfolge vorbereitet

Aufgrund der wiederholten Ausfälle von Steve Jobs infolge seiner schweren Erkrankung - 2011 musste er sich wegen Problemen mit seiner Spenderleber erneut zurückziehen - ist sich Bartholdi sicher, dass im Hintergrund die Nachfolge vorbereitet werde. Der entscheidende Punkt sei aber, dass niemand wisse, ob diese Person dereinst auch die Macht habe, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen wie dies Steve Jobs gelungen sei: «Die Machtkonzentration in den Händen von Jobs ist also ein Klumpenrisiko», folgert er.

Apple ist wertvoller als Google - das ist laut Bartholdi für Steve Jobs nicht nur eine gute Nachricht. Wie man es nicht machen sollte, zeige das Beispiel Nokia. «Früher dominierte diese Marke den Handymarkt total. Leider haben sich die Finnen auf dem Erfolg ausgeruht und wurden genügsam.» Immerhin: Auch Microsoft stehe vor grossen Herausforderungen: «Bill Gates war in der Vergangenheit der grosse Innovator. Er hat voll auf den Nachfolger Steve Ballmer gesetzt, der bis jetzt noch keine grossen Stricke zerreissen konnte.»

Erstellt: 09.05.2011, 11:51 Uhr

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