Ist das iPad der bessere PC?

Apple nennt das iPad den Computer der Zukunft. Nur schon was die Gegenwart des Tablets angeht, sind sich unsere Digital-Redaktoren nicht einig.

Apple betont, dass das iPad allen professionellen Ansprüchen gewachsen sei: Konzernchef Tim Cook bei der Präsentation des iPad Pro im Oktober 2018. Foto: laif

Apple betont, dass das iPad allen professionellen Ansprüchen gewachsen sei: Konzernchef Tim Cook bei der Präsentation des iPad Pro im Oktober 2018. Foto: laif

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Ja,

findet Rafael Zeier:

Der Digital-Redaktor Rafael Zeier arbeitet seit 2016 fast nur noch am iPad Pro. Foto: PD

Vormittags um 10 auf der Redaktion. Ich wackle mit der Maus, ich tippe wild auf die Tastatur, aber die zwei PC-Monitore an meinem Arbeitsplatz bleiben schwarz. Dann fällts mir auf: Ich habe den PC noch gar nicht hochgefahren.

Das ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten ist mir das schon öfter passiert. Ich steige jeweils um halb 7 oder halb 8 in den Zug, klappe das iPad auf, und los gehts. Auf der Redaktion angekommen, mag ich nicht erst warten, bis der PC hochgefahren ist, und alle Dokumente noch mal öffnen. Ich bleibe lieber am iPad und mache genau dort weiter, wo ich es am Bahnhof zugeklappt habe.

Als ich 2013 für diese Zeitung das Experiment gemacht habe und eine Woche nur mit Tablets gearbeitet habe, war das ein ziemlicher Stunt und mit allen möglichen Kompromissen und Tricks verbunden.

Heute nenne ich das iPad die beste Schreibmaschine, die ich je hatte. Aber natürlich ist es viel mehr. Es ist der persönlichste und zuverlässigste Computer, den ich je hatte. Die Touchbedienung beherrsche ich inzwischen blind. Eine Maus vermisse ich schon lange nicht mehr (obwohl man das iPad inzwischen auch damit bedienen kann).

Das iPad kommt dem Ideal vom Personal Computer näher
denn je.

Das iPad hat mich in den letzten Jahren an stressige Pressekonferenzen begleitet und mich nie hängen lassen. Videos, Podcasts, Fotos, Texte? Alles kein Problem. Selbst in einem rumpligen Bus habe ich damit auf den letzten Drücker schon Artikel fertig geschrieben und Fotos bearbeitet. Mit der eigenen Internetverbindung und dem ausdauernden Akku ist es immer und vor allem für lange Zeit einsatzbereit.

Dank schlauer Apps und dem immer besseren iOS habe ich inzwischen nicht mehr das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen. Am iPad Pro kann ich dank USB-C alle möglichen Geräte anschliessen: Bildschirme, Kameras, Festplatten, Mikrofone usw. Wenn es unbedingt sein muss, kann ich eine Datei auch in einem Ordner speichern oder zwei Apps nebeneinander nutzen.

Das Beste am iPad ist aber, dass es eben nicht nur einem Profi wie mir inzwischen beste Dienste leistet, sondern auch Computeranfängern und Computerverweigerern. Ich staune immer wieder, wie schnell sich Kinder und Senioren mit dem Tablet anfreunden. Natürlich nutzen sie nur einen Bruchteil von dem, was ich mache. Aber für das, was sie an einem Computer machen wollen, reicht es völlig, und ganz wichtig: Man muss sich nicht ständig sorgen, dass etwas kaputtgeht.

So gesehen, ist das iPad nicht nur der bessere PC, es kommt dem Ideal vom Personal Computer näher denn je.

PS: Diesen Text habe ich auf dem iPad geschrieben und fürs Zeitungslayout angepasst.


Nein,

entgegnet Matthias Schüssler:

Der Digital-Redaktor Matthias Schüssler arbeitet seit 1989 mit dem PC und bleibt dabei. Foto: PD

Seit fast genau zehn Jahren versucht Apple, die Frage zu klären, wozu das iPad gut sei. Dabei gibt es ein Problem: Apples Tablet kann nämlich viele Dinge ganz ordentlich. Aber es ist in keiner Disziplin der Champion.

Ja, klar: Man kann surfen und Mails lesen. Aber das geht mit dem Smartphone genauso gut. Das Tablet eignet sich für Videos und Spiele. Doch das gilt auch für smarte Fernseher. Für digitale Bücher wiederum ist ein E-Book-Lesegerät die bessere Wahl. Und wer Notizen machen oder zeichnen will, nutzt dafür ein iPad. Oder aber Papier und einen Bleistift.

Seit zehn Jahren fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Und Apple hat bislang keines herbeizaubern können, obwohl Steve Jobs das iPad doch als «magisches Gerät» vorgestellt hatte. Microsoft hat es schlauer gemacht: Bei Windows-Geräten ist die Bedienung mit Stift und Finger eine Zusatzfunktion, die man bei Bedarf aktiviert: indem man bei seinem Convertible die Tastatur abdockt oder nach hinten klappt, wenn man sie gerade nicht braucht.

Seit zehn Jahren fehlt dem iPad das Alleinstellungsmerkmal.

Um aus dem iPad mehr als ein schickes Kaffeetisch-Accessoire zu machen, ist Apple auf die Idee verfallen, sein Tablet als «Zukunft des Computers» zu positionieren. Der Konzern wird nicht müde, zu betonen, dass das iPad Pro so leistungsfähig wie die meisten PC und allen professionellen Ansprüchen gewachsen sei. Um den Anspruch zu untermauern, hat Apple viele Dinge eingeführt, die Steve Jobs ursprünglich der Einfachheit halber weggelassen hatte: Es gibt nun eine Datei-App. Man hat die Möglichkeit, zwei Apps nebeneinander auszuführen. Und es lassen sich externe Speichermedien anschliessen, ebenso externe Monitore.

Das führt zur absurden Situation, dass Apple das Rad neu erfindet – und in Fan-Kreisen Neuerungen bejubelt werden, die es beim Personal Computer seit 30 Jahren gibt.

Und allen Bemühungen zum Trotz sind mein Mac und mein Windows-PC dem iPad haushoch überlegen: Ich bin nicht auf Apps aus dem Store angewiesen, sondern darf Software aus beliebigen Quellen installieren. Meinen Browser erweitere ich mit Drittmodulen, was meine Produktivität ungemein erhöht. Ich setze nach Belieben Systemprogramme ein, die beim iPad aus Sicherheitsgründen unzulässig sind. Ich darf auch mehrere Benutzerkonten einrichten – oder auch ein anderes Betriebssystem wie Linux, wenn mir Windows oder Mac OS nicht mehr gefällt.

Und etwas schätze ich am PC je länger, je mehr: Er ist ein dediziertes Arbeitsgerät. Das heisst: Ich schalte ihn ein, um zu arbeiten – und wenn ich fertig bin, dann fahre ich ihn herunter. Das fördert die Work-Life-Balance ungemein – anders als dieses iPad, das nie ausgeschaltet wird und mit dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten könnte.

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Erstellt: 05.11.2019, 17:46 Uhr

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