Microsoft will für 7,5 Mia. die Gunst der Softwareentwickler kaufen

Der Konzern will eine wichtigere Rolle bei der Entwicklung von Open-Source-Software spielen und erwirbt zu diesem Zweck die Cloud-Plattform Github.

Entspannt: Links der Github-Chef und Gründer Chris Wanstrath, in der Mitte der Microsoft-CEO Satya Nadella und rechts Nat Friedman von Microsoft, der die Plattform künftig führen wird.

Entspannt: Links der Github-Chef und Gründer Chris Wanstrath, in der Mitte der Microsoft-CEO Satya Nadella und rechts Nat Friedman von Microsoft, der die Plattform künftig führen wird. Bild: Microsoft

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Microsoft hat am Montag 7,5 Milliarden US-Dollar (in Aktien) für eine Webplattform bezahlt, von der die meisten Internetnutzer wahrscheinlich noch nie gehört haben: Github. Das ist ein sogenanntes Software-Repository: eine Website, auf der Entwickler ihre Open-Source-Softwareprojekte verwalten und auch für die öffentliche Mitarbeit zur Verfügung stellen können. 28 Millionen Entwickler nutzen Github, auch Apple, Amazon, Google und viele andere Branchengrössen. Und Microsoft sieht die Investition als Bekenntnis für «Freiheit, Offenheit und Innovation», wie der Konzernchef Satya Nadella in der Pressemeldung zitiert wird.

Die Höhe des Kaufbetrags wirft Fragen auf: «So viel Geld für die Sanitärinstallation?», fragte Microsoft-Kenner Paul Thurrott lakonisch. Github gehört zur Infrastruktur der Softwareentwicklung: wichtig, aber auch unspektakulär. Dennoch anerkennt Thurrott die Bedeutung für die Entwickler: Die können zwar weiterhin die Werkzeuge verwenden, die sie wollen. Doch selbstverständlich wird Microsoft künftig die eigene Entwicklungsumgebung Visual Studio nahtlos mit der Plattform verknüpfen. Microsoft wird dank der Github-Übernahme seine eigenen Werkzeuge mehr Entwicklern vor die Nase setzen können, wie sich Thurrott ausdrückt.

Microsoft hat während Jahren eine Konkurrenzplattform betrieben: Codeplex war 2006 gegründet und im Dezember 2017 eingestellt worden – mit dem Verweis, dass sich die Entwickler für Github entschieden hätten – jene Plattform, die im Kern auf ein Projekt von Linus Torvalds zurückgeht, dem Vater des freien Betriebssystems Linux.

Fehlende Liebe

«The Verge» vermutet hinter der Übernahme auch eine Charme-Offensive: Microsoft brauche «Vertrauen und Respekt» aus der Entwicklergemeinschaft, nachdem die Übernahme von Nokia so gründlich in den Sand gesetzt worden sei. Auch das Scheitern des Mobilbetriebssystems Windows Phone und die Stagnation beim Windows-10-Store führt «The Verge» auf die «fehlende Liebe» der Softwareszene zurück.

Spott auf Twitter: Github im Look von Windows 98.

Ins gleiche Horn stösst die Microsoft-Expertin von ZDnet, Mary Jo Foley. Sie weist darauf hin, dass es noch nicht so lang her ist, seit der damalige Microsoft-Chef Steve Ballmer das quelloffene Betriebssystem Linux als «Krebs» bezeichnet und der Konzern Anbietern von offener Software gedroht hat, sie mit Patentklagen einzudecken. Satya Nadella wisse das genau, meint Foley und zitiert seine Aussage: «Beurteilt uns nach unseren Taten aus der jüngsten Vergangenheit und nach dem, was wir heute und morgen tun.»

Der Chef ist netter, aber...

Ob Microsofts Plan aufgeht, bleibt offen. Einzelne Entwickler haben bereits Skepsis geäussert. Exemplarisch etwa der Entwickler Jacques Mattheij. Er schreibt in seinem Blog, der neue Chef sei zwar «ein netterer Kerl», aber das täusche nicht darüber hinweg, dass der Konzern seine dominante Stellung über Jahre missbraucht habe.

Was ist Github? In diesem englischsprachigen Youtube-Video wird es in knapp 20 Minuten erklärt.

Auch Heise.de wirft die Frage auf, ob die grossen Nutzer, Apple, Google, Amazon und Co., der Plattform die Treue halten werden, wo Microsoft die Hand nach ihr ausstreckt. Eines sei jedenfalls klar: «Redmond wird viel Fingerspitzengefühl brauchen, um die Szene nicht zu vergraulen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2018, 11:24 Uhr

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