Plötzlich übernimmt der Computer

Heute erledigen Übersetzungsprogramme, wofür es bis vor kurzem Profis brauchte. Die Branche zittert. Und doch glauben viele an eine Zukunft. Ein Lehrstück in Sachen Digitalisierung.

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Es war ein digitales Pfingstwunder: Plötzlich verstanden Computer Fremdsprachen, plötzlich lieferten Übersetzungsprogramme brauchbare Texte, grammatikalisch korrekt, verständlich.

Der Sprung geschah vor knapp zwei Jahren. «Allen war klar: Nun würde nichts mehr so sein wie früher», sagt Florian Faes, der «Slator» herausgibt, ein weltweites Onlinemagazin für die Übersetzungsbranche.

Bei Roland Zünd ist tatsächlich nichts mehr wie früher. Der 47-Jährige hat praktisch seinen Job verloren (weshalb er seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen will). Bis vor zwei Jahren arbeitete er als freischaffender Übersetzer, oft übertrug er Drehbücher ins Deutsche. «Die Kunden begriffen rasch, was die neuen Programme können. Ich habe fast alle Aufträge verloren», sagt der Familienvater. Er komme sich vor wie ein Kutscher nach der Erfindung des Autos.

DeepL schaffte das Wunder

Lange Zeit funktionierten maschinelle Übersetzungsprogramme erstaunlich schlecht. Ihre Vorschläge bestanden vor allem aus Fehlern und ergaben kaum Sinn. «Mit solchen Textruinen zu ar­beiten, ist mühsam. Viele Übersetzer verzichteten darauf», sagt Faes. Die Computer erleichterten die Arbeit mit Datenbanken bereits übersetzter Beispiele. Viel mehr gelang ihnen nicht.

Dann kam DeepL, ein deutsches Unternehmen, von dem kaum jemand gehört hatte, und schaffte das Wunder. «Die Resultate lassen sich mit schlechten bis mittelmässigen menschlichen Übersetzern vergleichen», sagt Faes. Und DeepL bleibe nicht allein. Die Grossen wie Amazon oder Google hätten ihren Rückstand schon fast aufgeholt.

Damit ist für Übersetzerinnen Wirklichkeit geworden, wovor sich viele Menschen derzeit fürchten: Der Computer wächst zum direkten Konkurrenten. Er macht es schneller, günstiger, in fast gleicher Qualität.

Eine weitere Gefahr kommt dazu. «Internetunternehmen investieren gerade sehr viel in ihre Übersetzungsdienste», sagt Florian Faes. Bald würden sie traditionellen Übersetzungs­firmen die Aufträge streitig machen.

Noch macht der Computer Fehler

Doch bis heute, zwei Jahre nach dem Wunder, ist die Katastrophe ausgeblieben. So hart wie Roland Zünd hat es kaum jemanden getroffen. Er ist Freelancer. Den grossen Anbietern hingegen gehe es gut, sagt Florian Faes. Auch bei der Schweizer Dolmetscher- und Übersetzungsvereinigung weiss man von ­keinen Mitgliedern, die wegen DeepL aufgeben mussten.

Das liegt daran, dass auch die besten Programme weiterhin Fehler machen. Bei einfachen Texten – Ferienkatalogen etwa oder Bedienungsanleitungen – stört das weniger. Bei heikleren Dokumenten hingegen – klinischen Studien, juristischen Gutachten, Gesetzen – verträgt es weder Mängel noch Ungenauigkeiten. Da brauche es weiterhin Menschen, die nachhelfen, sagt Florian Faes. Doch deren Aufgabe ändert sich. Künftig zählt das Kontrollieren, Korrigieren und Verfeinern maschinell übersetzter Texte. Diese Tätigkeit hat bereits einen Namen: «Post-Editing».

An gewissen Texten scheitern die ­Maschinen auch heute fast vollständig. Dazu gehören Slogans, Schlagzeilen, ­Literatur; Texte, die mit Sprache spielen und Regeln brechen. Bisher gelingt es nur Menschen, solche zu übertragen. Auch diese Tätigkeit hat einen englischen Namen: «Transcreation».

Darauf ruht die Hoffnung der Digitalisierungsoptimisten: Bestimmte Aufgaben überfordern Computer grundsätzlich. Auf solche Inseln der Komplexität werden sich die Menschen retten.

Es gibt einen weiteren Grund zur Hoffnung. Die Arbeit nimmt nicht zwingend ab. Auftraggeber von Übersetzungen haben zwei Möglichkeiten, mit den Produktivitätsgewinnen umzugehen, die DeepL und Co. schaffen. Sie können ihr Budget kürzen, weil sie die gleiche Textmenge für viel weniger Geld bekommen. Das ist schlecht für die Übersetzer. Oder aber sie rühren ihr Budget für Übersetzungen nicht an. Dafür lassen sie ihre Texte in mehr Sprachen übertragen als bisher, zum gleichen Preis. «Offenbar haben viele Firmen diese Variante gewählt, vor allem im Marketingbereich», sagt Florian Faes. Mit weiteren Übersetzungen liessen sich neue Märkte erschliessen.

Mehr Sprache, mehr Arbeit

«Es wird sogar zusätzliche Arbeit geben», sagt Yvan Zimmermann. Er ist Chef von Syntax, einer mittelständischen Übersetzungsfirma. Die Digitalisierung hält Zimmermann für eine Chance, man müsse ihr nur mit dem richtigen «Mindset» gegenübertreten. Zimmermann glaubt, dass die Textmenge insgesamt zunehme. Das zeige die Forschung. Auf den sozialen Medien würden viel mehr Texte aufgeschaltet als bisher, in einem schnelleren Rhythmus, über verschiedenste Kanäle. Unter Experten gilt die Sprachindustrie daher als Wachstumsmarkt. Das heisst: Übersetzungen geben zwar weniger zu tun. Dafür braucht es mehr von ihnen. Die Technik nimmt, die Technik gibt.

Auch Sicherheitsbedenken verlangsamen den Durchmarsch der Computer. «Informationen, die man Übersetzungsmaschinen einfüttert, können deren Anbieter lesen», sagt Zimmermann. Zwar würden viele Anbieter Vertraulichkeit garantieren und Übersetzungen über lokale Server laufen lassen. «Höchsten Sicherheitsstandards genügt das trotzdem nicht.» Bei hoch vertraulichen Jobs dürfen Übersetzer weder Handy noch Laptop mitnehmen. Es herrscht absolutes Aufnahmeverbot. Viele Firmen würden ihre Geheimnisse eher einem Schweizer KMU offenbaren als einem internationalen Konzern.

Also alles nicht so schlimm? Gary Massey, Leiter des Instituts für Übersetzen und Dolmetschen an der ZHAW in Winterthur, sieht keinen Grund, seine Schule zu schliessen: «Aussterben werden nur schlechte Übersetzer.»

«Deutschschweizer und Romands reagieren heikel, wenn Texte zu hochdeutsch oder zu hochfranzösisch klingen.»Christine Wintringham, Vizepräsidentin der Dolmetscher- und Übersetzervereinigung (DÜV)

Massey selber ist der lebendige Beweis dafür, wie gut manche Menschen Sprachen beherrschen. Dem Deutsch des gebürtigen Briten hört man nur mit höchster Aufmerksamkeit an, dass es nicht seine Muttersprache ist. Computer nennt Massey «tolle Werkzeuge, welche die kognitive Routinearbeit» übernehmen. Für den Rest, der über diese Routine hinausgeht, brauche es weiterhin Menschen. «In unserer Ausbildung rücken wir diesen menschlichen Mehrwert in den Vordergrund.» Der sei in vielen Bereichen gefragt: beim Ausbessern der Computerfehler, beim Anvisieren unterschiedlicher Zielgruppen, bei strategischen oder ethischen Überlegungen. Die Automatisierung mache den Beruf anspruchsvoller, spannender.

Zumindest die Jungen scheinen Masseys Argumente zu überzeugen. Die Anmeldungen in seinem Studiengang seien mehr oder weniger stabil geblieben.

Auch Christine Wintringham, Vizepräsidentin der Dolmetscher- und Übersetzervereinigung (DÜV), wirkt nicht sonderlich beunruhigt, wenn sie über die Zukunft ihrer Branche spricht.

Wintringham arbeitet als Dolmetscherin, ganz zufrieden ist sie trotzdem nicht mit ihren Sprachkünsten. «Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Gerne würde ich Schweizerdeutsch sprechen, aber ich kriege es einfach nicht richtig hin.» Diese Erfahrung zeigt, wie viel Feingefühl es braucht, damit Sprache authentisch ankommt. «Deutschschweizer und Romands reagieren heikel, wenn Texte zu hochdeutsch oder zu hochfranzösisch klingen», sagt Wintringham. Eine genaue «Lokalisierung» von Übersetzungen setze viel Gespür und Wissen voraus. «Ich sehe nicht, wie das Computer bald schaffen könnten.»

Übersetzen sei keine strenge Wissenschaft, sagt Wintringham. Sprache lasse viele Nuancen und Eigenwilligkeiten zu, die selbst nicht alle Menschen erkennen. So würden manche Unternehmen ihre Aufträge nur an einen einzigen Übersetzer vergeben, da allein dieser den perfekten Ton treffe. Bei einer Verbreitung des maschinellen Übersetzens bekäme alles den gleichen Sound.

Die Rettung: Ein Blackout

Als Roland Zünd, der Freelancer, fast all seine Übersetzungsaufträge verlor, stieg er um auf Post-Editing. Mit mässigem Erfolg. Für diese Arbeit bekomme er nur die Hälfte des Übersetzungshonorars. Doppelt so viele Aufträge konnte er aber nicht hereinholen. «Viele frühere Auftraggeber redigieren die Texte selber, nicht immer mit guten Resultaten.»

Den Optimismus seiner Berufskollegen kann Zünd nicht teilen. Als Freelancer bekomme er Marktbewegungen am schnellsten zu spüren. «Die Postkutschen werden verschwinden.» Schon in 10 bis 20 Jahren, sagt Zünd, würden die Maschinen auch fast all jene Aufgaben beherrschen, die heute als viel zu anspruchsvoll gelten – zum Beispiel das Livedolmetschen. «Dann haben wir den berühmten Babelfisch aus dem Film ‹Per Anhalter durch die Galaxis›. Niemand braucht mehr eine Fremdsprache zu lernen.»

Und er fügt an: zumindest solange das Internet läuft.

Erstellt: 24.03.2019, 20:09 Uhr

Darum ist DeepL so gut

Lange arbeiteten Übersetzungsprogramme mit statistischen Methoden, berechneten sprachliche Wahrscheinlichkeiten anhand bestehender Wortpaare. Das hat nie wirklich funktioniert. Ungefähr 2013 begannen Forscher an amerikanischen Universitäten, mit neuronalen Netzen zu experimentieren. Solche NMT-Systeme (Abkürzung für «neural machine translation») haben die Fähigkeit, sich selber zu verbessern. Bald liefen sie erstaunlich gut. Auch DeepL benutzt diesen Ansatz. Gemäss Experten funktioniert der Dienst so sauber, weil DeepL das beste Ausgangsmaterial hat, also die besten Beispiele gelungener Übersetzungen, mit denen das Programm trainiert wird. (bat)

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