Popeliger Plastikscreen, goldenes Gehäuse

Der Aufstieg von Apple zum lukrativsten Unternehmen der Welt lässt sich am Gerätedesign ablesen.

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Das Sein bestimmt das Bewusstsein – oder, im Fall des wertvollsten Geräteherstellers der Welt, auch das Design. Als Apple als Underdog kurz vor dem Konkurs stand und sich neu erfinden musste, tat Jonathan Ive das mit einem quietschbunten, halb durchsichtigen Gehäuse. Der iMac war ein freundlicher Computer, den man ins Kinderzimmer stellen und lieb haben konnte. Das Bild, auf dem Jobs einen indigoblauen auf dem Schoss hält und beschützend umfasst, ist zur Ikone geworden.

Die Menschlichkeit prägte die Apple-Geräte von Anfang an: Im Macintosh 128K von 1984 als Ur-Mac kann man ein Gesicht erkennen: ein Bildschirm wie ein staunendes Auge und ein Schlitz für Disketten, der ein verschmitzter Mund sein könnte. Wie die Maschinen der Konkurrenz – die mit der International Business Machines Corporation (IBM) das Technoide schon im Namen trug – sah dieser sympathische Kerl jedenfalls nicht aus.

Muscheln, Schlümpfe, Schreibtischlampen

Auf den iMac folgten weitere Modelle, die alles sein wollten, bloss kein Bürozubehör. Das iBook von 1999 sah aus wie eine überdimensionierte Muschel, die beim Aufklappen eine Perle preisgibt. Der Power Macintosh G3 in Blau-Weiss bekam die Übernamen Tupperdose oder Schlumpf. Den iMac G4 von 2002 mit seinem Bildschirm am Schwenkarm kennt man noch heute als die Schreibtischlampe. In Englisch hiess er auch iLamp oder Luxo Junior. Letzteres ist die abenteuerlustige kleine Lampe aus dem Kurzfilm von 1986, mit dem Pixar der Computeranimation zum Durchbruch verhalf. Pixar war nebst Apple Steve Jobs' zweites Erfolgsunternehmen.

Jonathan «Jony» Ive designt auch heute die Apple-Geräte, doch das Spielerische ist verschwunden. Als letzter Vertreter jener Generation wurde der Klassik-iPod mit seinem neckischen Click Wheel im September 2014 beerdigt. Ive liefert heute das, was man vom reichsten Techunternehmen erwartet. Das sind keine erfrischenden Alternativen zur Tristesse des Mainstreams. Nein, Apple schuldet der Welt wegweisende Gestaltungsvorgaben, an denen sich die Konkurrenz zu orientieren hat. Und Apples Geräte verheimlichen ihren Führungsanspruch nicht: Das iPhone ist zum archetypischen Smartphone geworden. Tabletcomputer nach den Vorstellungen von Microsoft sind durchgefallen. Tablets sehen heute so aus, wie Jobs und Ive das für uns alle entschieden haben.

Unauffällig genug, um unübersehbar zu sein

Während Apple finanziell von Rekord zu Rekord eilt, strebt auch das Gerätedesign nach Superlativen: immer dünner, leichter und unauffällig genug, um unübersehbar zu sein. Die unprätentiösen Kunststoffe sind «ernsthaften» Materialien wie Metall und Glas gewichen. Saphir- und Gorillaglas, Zirkoniumlegierungen und Liquidmetall. Während beim iMac die Farben lustige Namen wie Bondi Blue, Strawberry, Lime, Grape, Blueberry und Tangerine trugen (Erdbeerrot, Limettengrün, Traubenrot, Heidelbeerblau, Mandarinenorange), heissen die Farben heute, als ob sie sich ein russischer Oligarch ausgedacht hätte: Champagne, Silber, Gold, Spacegrau... Der Versuch, mit dem iPhone 5C Farbtupfer zu setzen, macht umso deutlicher, wie lange die bunte Bonbonwelt der iMacs heute zurückliegt.

Und mit der Apple Watch in 18 Karat Rose Gold (Preis: laut Gerüchten irgendwo zwischen 1200 und 10'000 Dollar) hat Apple den Kinderzimmern, Studentenbuden, Ateliers und Mittelklassewohnzimmern endgültig den Rücken gekehrt und ist in die Gefilde der Finanz-High-Society abgerauscht – dort, wo das reichste Unternehmen der Welt auch hingehört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2015, 15:59 Uhr

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