Start-ups ohne Chance

Samsung, LG und Hyundai: Warum in Südkorea die Grosskonglomerate dominieren.

Die Kleinstadt Gumi ist Südkoreas wichtigster Werkplatz. Foto: Wikipedia

Die Kleinstadt Gumi ist Südkoreas wichtigster Werkplatz. Foto: Wikipedia

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Ein Kopf aus Pappe, leicht geneigt; in einer Halterung neben dem rechten Ohr steckt ein Smartphone. Zwei Techniker des Gumi Electronic Research Institute (Geri) messen die Strahlung neuer Handyantennen. Einige Türen weiter prüft eine Ingenieurin Serien von Prototypen für LED-Anzeigen auf Farbechtheit, Schärfe, Helligkeit und andere Parameter. Einige der hier geprüften Komponenten stecken bereits in den Handys der grossen koreanischen Marken.

Vor fünfzig Jahren eine verschlafene Kleinstadt, ist Gumi heute Südkoreas wichtigster Werkplatz. In den 1970er-Jahren wurden hier Textil- und Chemie-Werke angesiedelt, dann kamen Fabriken für Haushaltsgeräte. Heute stellen in Gumi 90'000 Arbeiter Mobilelektronik, Medizintechnik, Karbonfasern und Komponenten für die Autoindustrie her.

Das Geri wurde von der Stadt Gumi für 300 Millionen Euro als Forschungs- und Prüfinstitut gebaut, ein Drittel des Geldes kam aus der Stadtkasse, die Hälfte von der Regierung in Seoul. Das Institut bietet kleinen Firmen an, ihre Neuentwicklungen wie Antennen oder Bildschirme zu testen. Es verfügt auch über Maschinen, mit denen Prototypen gebaut werden können. Überdies unterstützt es junge Firmengründer beim ­Abfassen von Businessplänen und hilft ihnen, Partner und Kunden zu finden.

Wenige Minuten vom Geri entfernt produziert LG Bildschirme für Handys und Tablets, ein paar Schritte weiter Samsung seine Galaxy-Smartphones. Die beiden Grosskonzerne lassen ihre Prototypen allerdings kaum ausser Haus testen. Sie halten möglichst vieles geheim. Und Südkoreas Industrie wird dominiert von Familienkonglomeraten, den sogenannten Chaebol. Sie generieren zusammen 56 Prozent der Wirtschaftsleistung von Südkorea, Samsung allein 17 Prozent.

Spezielles Ökosystem fehlt

Doch auch in Südkorea hat man ­erkannt, dass Start-ups viel eher zu Innovationen fähig sind als die Konglomerate. Indes fehlten in Korea bis vor wenigen Jahren wichtige Elemente für eine Start-up-­Kultur. Jungunternehmer brauchen Anschubhilfe, Räume, Kontakte und ein Milieu, das Ideen und den Austausch fördert – ein Ökosystem, wie das im Jargon genannt wird. Und ganz besonders Geld.

Die traditionellen Strukturen der koreanischen Wirtschaft bieten nichts von alledem. Die Regierung stellt deshalb Kredite für Start-ups zur Verfügung. Kotra, eine parastaatliche Organisation zur Investitionsförderung, vermittelt ihnen ausländische Anleger und Partner. In Seoul gibt es mehrere sogenannte Inkubatoren, Gründerzentren für IT-Jungunternehmer. Der Pangyo-Turm am Südrand der Hauptstadt etwa, den Neowiz, vor 17 Jahren selber ein Start-up, gebaut hat, ist zum Cluster für junge Software- und Gamingfirmen geworden.

Die meisten koreanischen Start-ups entwickeln Software, vor allem Computerspiele und Apps für Smartphone. Jun Kim von K-Cube-Ventures, einer Risikokapitalgesellschaft, die nach dem Vorbild amerikanischer Venture-Kapitalisten früh in Start-ups einsteigt, auch das ist neu für Korea, hat errechnet, dass Südkorea pro Kopf der Bevölkerung inzwischen mehr Start-ups zählt als jedes andere Land. Zudem nimmt kein Volk Technologien schneller an als die Süd­koreaner. Das Land eigne sich deshalb auch als Testmarkt.

Allerdings liegt Südkoreas Stärke, ­obwohl es ein Drittel des Weltmarkts für Gamer-Software beherrscht, noch heute in der Hardware. Auch sie muss ständig weiterentwickelt werden; und wie bei der Software, so zeigt sich auf bei der Hardware, dass kleine wendige Start-ups eher Neues als die Grossen schaffen. Nur brauchen junge Ingenieure, die Bildschirme, Antennen oder andere Komponenten konstruieren, mehr als Talent, Räume, Computer und Kontakte. Sie benötigen auch teure Maschinen und Messgeräte. Hier springt das Geri ein.

Meist formulieren Start-ups schon bei ihrer Gründung eine sogenannte Exitstrategie. In den erfolgreichsten Fällen ist das der Börsengang. Manchen süd­koreanischen Software- und Gamegründungen ist er gelungen. Bei andern sind IT-Konzerne aus Japan oder China eingestiegen, Tencent etwa, Chinas grösster Software- und Internet-Service-An­bieter, oder das expansive japanische Mobilfunk-Unternehmen Softbank.

Nabelschnur zu den Grossen

Start-ups, die Komponenten herstellen, nimmt die Öffentlichkeit kaum wahr. Ihnen bietet die Börse keine Exitstrategie. Pascal Métivier, der die Forschungszentren des belgischen Chemiekonzerns Solvay in Korea und China leitet, sagt: «In Korea müssen alle Start-ups eine ­Verbindung zu einem der fünf Grossen haben. Sie brauchen ein Produkt, das für diese nützlich ist.» Sonst hätten sie keine Chance. Sind das IT-Komponenten, dann hat Geri diese Produkte wahrscheinlich getestet, bevor sie Samsung oder LG angeboten wurden.

Die fünf Grossen – Samsung, LG, SK, Hyundai und Lotte – übernehmen immer wieder erfolgreiche Start-ups als Tochterfirmen. Derweil brütet in den ­Inkubatoren bereits die nächste Generation koreanischer Erneuerer.

Erstellt: 08.12.2014, 07:45 Uhr

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