Von Mäusen und Zombies

Die Neuheiten der grössten Handy-Messe der Welt im Überblick.

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Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch, sagt das Sprichwort. Die Katzen sind im Fall der grössten und wichtigsten Fachmesse in Barcelona rund um Smartphones die amerikanischen Techgiganten, allen voran Apple. Ihre Ankündigungen und Neuheiten zeigen sie lieber an eigenen Veranstaltungen. An der Messe spielen Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook nur Nebenrollen. Der deutsche Geschäftssoftwarespezialist SAP zeigte etwa, wie viel mit iOS-Apps möglich ist, und ohne Googles Android würden gefühlt 90 Prozent aller vorgestellten Neuheiten nicht funktionieren.

Doch zu den abwesenden Katzen gehörte dieses Jahr auch Samsung. Der südkoreanische Grosskonzern wusste in den letzten Jahren die Abwesenheit der amerikanischen Konkurrenten für sich zu nutzen und dominierte die Messe jeweils mit seinen neusten Galaxy-Geräten. Unvergessen bleibt der Überraschungsbesuch von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im letzten Jahr an der Samsung-Präsentation. Die Bilder des schmunzelnden Zuckerberg und einer Halle voller Menschen mit Virtual-Reality-Brillen gingen um die Welt.

Fragt man Messebesucher nach ihren Highlights, gehört das neue LG-Handy fast immer dazu. Doch ob das reicht, um die Vorjahres-Pleite vergessen zu machen?

Heuer war der Galaxy-Konzern nur ein Schatten seiner selbst. Samsung zeigte lediglich drei Tablets. Zwei mit Windows 10 und eines mit Android. So vielversprechend die Tablets auch sind, verglichen mit den Ambitionen und der Marktmacht des Konzerns sind das Kleinigkeiten. Man wurde den Verdacht nicht los, Samsung müsse die bereits gebuchte Präsenz an der Messe irgendwie füllen. Und nach dem Note-7-Debakel blieben nur die zwei Tablets übrig. Die neuen Galaxy-Handys will der Konzern erst Ende März an einer eigenen Veranstaltung vorführen.

Doch wer sind nun die anwesenden Mäuse, die davon profitieren, dass Samsung eine Runde aussetzt? Hervorragend getanzt haben heuer ausgerechnet Nokia und Blackberry. Beide gestrauchelten Handypioniere machen selber zwar keine Handys mehr. Sie haben aber beide ihre Markenrechte weiterverkauft. Einem Zombie gleich erleben Tastatur-Handys einen zweiten Frühling. Ob der Retro-Hype länger als ein paar Tage anhält und sich vor allem auch in Verkaufszahlen niederschlägt, ist mehr als fraglich.

Nachhaltiger von der Samsung-Pause dürfte Huawei profitiert haben. Der chinesische Konzern, der vom Handymasten über das Smartphone bis zum Prozessor darin alles selber macht, sägt seit Jahren mit viel Elan und noch mehr Ehrgeiz am Thron von Samsung. Inzwischen hat Huawei in jeder Preisklasse ein Smartphone, das sich nicht vor der Konkurrenz zu verstecken braucht. Dank der Partnerschaft mit dem deutschen Kamera­spezialisten Leica kann Huawei in der Topliga mitmischen, und mit der Billigmarke Honor bietet der Konzern auch Handys an, die in Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis kaum zu schlagen sind.

Zurückhaltung statt Übermut

Eine tragische Rolle dürfte erneut LG zufallen. Im letzten Jahr hat der Konzern mit dem G5 ein modulares Smartphone vorgestellt. Dank eines speziellen Schachts konnte man den Akku austauschen, einen Kameragriff montieren oder das Handy zu einem Partylautsprecher machen. LG hatte grosse Pläne und versprach weitere Module. Daraus wurde nichts. Die Verkaufszahlen waren so schlecht, dass das ganze Programm wieder eingestellt wurde. Mit dem Flop im Nacken hat sich LG mit dem neusten Handy, dem G6, eine neue Zurückhaltung auferlegt. Das Ergebnis ist ein elegantes Handy ohne Schnickschnack, dafür mit einem sehr grossen Bildschirm in einem über­raschend handlichen Gehäuse.

Fragt man Messebesucher nach ihren Highlights, gehört das neue LG-Handy fast immer dazu. Doch ob das reicht, um die Vorjahres-Pleite vergessen zu machen? In einem Monat wird Samsung sein Galaxy S8 mit einem Bildschirm mit noch weniger Rand vorstellen. Und wenn Apple dann Ende Jahr auch noch ein entsprechendes iPhone zeigt, könnte das G6 schneller vergessen sein, als es dem Marketingverantwortlichen lieb sein dürfte. Fest steht: Grosse randlose Bildschirme werden sich durchsetzen. Und darum werden das Nokia 3310 oder das neue Blackberry Randerscheinungen bleiben.

Nokia 3310: Fast wie damals

HMD Gobal, die Firma, die das Recht erworben hat, Handys unter dem Namen Nokia zu verkaufen, hat die Menschheit mit dem neuen alten Nokia 3310 beglückt – zumindest den Teil der Menschheit, dem nostalgisch warm ums Herz wird, wenn er an die Snake-Schlange auf dem pixeligen Schwarzweiss-Bildschirm denkt. Das neue Nokia 3310 ist etwas schlanker als das von 2000 bis 2005 produzierte Original, aber ansonsten eine getreue Wiederauflage. Man kann damit hauptsächlich telefonieren und simsen, dafür hält der Akku ewig: 22 Stunden sollen es beim Dauersprechen, ein Monat im Standby-betrieb sein. Preis: 49 Euro. (luc)

Samsung Galaxy Book: Faltkünste gefragt

Das Samsung Galaxy Book ist Tablet und Laptop in einem. Das Tablet ist in den Grössen 10,6 und 12 Zoll erhältlich und wird mit Tastatur und faltbarer Hülle geliefert, die man, je nach Faltung als Ständer in verschiedenen Höhen nutzen kann. An der Tastatur magnetisch befestigt, dient es als Laptop-Bildschirm, zieht man es weg, ist es ein Tablet. Das Galaxy-Book läuft mit Intel-Chip und Windows 10. Es lässt sich mit Stift bedie­nen – besonders der digitale Bleistift, der in Zusammenarbeit mit dem Bleistift­hersteller Staedtler entstanden ist, verleiht ein analoges Schreiberlebnis. Im Kurztest hat das Gerät einen guten Eindruck gemacht. Preis und Verfügbarkeit sind nicht bekannt. (luc)

LG G6: Viel Bildschirm

Wer das neue G6 einmal in der Hand hatte, wird es so schnell nicht wieder vergessen: Denn das eigene Handy fühlt sich hinterher alt an. Der Grund dafür ist LGs neuer Bildschirm, der fast die ganze Vorderseite füllt. Da sieht man kaum mehr einen Rand. Mit dieser Bauweise lassen sich in kleineren Handys grössere Bildschirme verbauen. Anders als die Austauschmodule vom letzten Jahr ist das ein wirklicher Mehrwert. Andere Hersteller wie Samsung und vermutlich auch Apple werden bald ähnliche Modelle auf den Markt bringen. Wann und zu welchem Preis das G6 in der Schweiz auf den Markt kommt, ist noch nicht bekannt. (zei)

Glyph: Kino im Kopfhörer

Glyph ist eine Art portables Heimkino, das man wie einen Kopfhörer trägt, den man vor die Augen klappt. Man schaut dann aber nicht in zwei kleine Bildschirme: «Das Bild wird direkt auf die Netzhaut projiziert», sagt Carsten Berger von der Firma Avegant. Virtual Retina Display heisst die patentierte Technologie und basiert auf 200 Millionen im Bügel eingebauten Mini-Spiegeln. Praktisch für Leute, die viel unterwegs sind und ihre Videos nicht auf dem Handyschirm schauen möchten, sondern in bester Hör- und Bildqualität, so Berger. Tatsächlich macht der Kurztest Lust auf mehr. 550 Euro kostet Glyph in Deutschland, in der Schweiz laufen Gespräche unter anderem mit Digitec. (luc)

Sony Xperia XZ Premium: Langer Name, schnelle Kamera

Vor ein paar Wochen zeigte Sonys Forschungsabteilung einen Fotosensor, der unglaubliche Zeitlupenaufnahmen möglich macht. Für gewöhnlich dauert es Monate, bis aus dem Forschungsprojekt ein fertiges Gerät wird. Doch im neuen Sony Xperia XZ Premium steckt dieser Sensor bereits. Damit sollte das Fotografieren intuitiver werden, da die Kamera eher den Moment erwischt, den man gern hätte. Abgesehen von der Kamera, ist das neue Xperia ein elegantes Handy mit neuster Technik. Der Bildschirm hat zwar mit 4K eine hohe Auflösung, dafür hat es viel Rand drum rum. Ab Juni gibt es das XZ Premium für 799 Franken. (zei)

Porsche Design Book One: Auto-Know-how für den Laptop

Mit dem Surface Book hat Microsoft nicht nur den Laptopmarkt aufgemischt, sondern auch Porsche Design inspiriert. Die für Sonnenbrillen, Uhren und Huawei-Handys bekannte Designfirma hat jetzt den ersten Windows-Computer vorgestellt. Das Book One ist Tablet und Laptop. Der Bildschirm lässt sich ganz nach hinten kippen, wie man es von Lenovos Yogas kennt, und wie beim Surface Book abkoppeln. Abgesehen von den grossen Firmenlogos macht das Gerät einen eleganten und durchdachten Eindruck. Mit über 1,5 Kilogramm ist es jedoch alles andere als ein Leichtgewicht. Und auch beim Preis muss man sich ab April auf einiges gefasst machen: 2795 Euro. (zei)

Huawei P10: Die nächste Leica-Kamera

Mit dem Huawei P10 und P10 Plus will Huawei ganz hoch hinaus. Das neue Android-Flaggschiff der P-Serie punktet einmal mehr mit der Dual-Kamera, die mit Leica zusammen entwickelt wurde. Die neue Version 2.0 setzt sich zusammen aus einem 20-Megapixel-Schwarzweiss- und einem 12-Megapixel-RGB-Sensor und verfügt wie das iPhone über einen Porträt-Modus, der den Hintergrund verschwimmen lässt. Die Geräte im Metallgehäuse wirken hochwertig und kommen in neuen Farben; besondere Eyecatcher sind die Ausführungen in Grün und Blau. Das P10 ist ab 24. März für 649 Fr. zu haben, das P10 Plus ab dem 7. April für 799 Franken. (luc)

Sony Xperia Touch: Das Tablet aus der Box

Was aussieht wie ein Toaster, ist der neuste Minibeamer von Sony. Allerdings beschreibt diese Bezeichnung den Xperia Touch nur unzureichend. Denn das Gerät projiziert kein passives Bild, sondern ein interaktives Android Tablet auf einen Tisch oder an die Wand. Bedient wird das virtuelle Tablet mit den Fingern. Im Gerät stecken spezielle Kameras, die einem auf die Finger schauen. So hat man den Eindruck, man verwende ein normales Tablet. Bei der Bildqualität kann der Beamer nicht mit einem richtigen Tablet mithalten, dennoch ist die Qualität ansehnlich. Der grösste Nachteil des futuristischen Geräts ist sein Preis. Sony will dafür ab Mitte Jahr 1600 Franken. (zei)

Kolibree Ara: Algorithmus im Mund

Das Start-up Kolibree ist mit einer Zahnbürste «mit künstlicher Intelligenz» namens Ara vor Ort. Sie soll besser sein als alle bisherigen Bürsten und helfen, die Zähne bis in den letzten Zwischenraum zu reinigen. Die Bürste merkt sich laut Hersteller dank eingebauter Sensoren genau, wo man mit dem Bürstenkopf schon geschrubbt hat und zeigt das auf einer dazugehörigen Handy-App an: Gut geputzte Zähne werden auf einem virtuellen Gebiss farblich markiert. Dank eines Algorithmus lernt Ara selber dazu und erkennt, wenn man die Bürste beim Putzen nicht richtig hält. Ara ist ab Mitte März für 130 Dollar erhältlich. (luc)

Huawei Watch 2: Fitness statt Eleganz

Mit der ersten Smartwatch legte Huawei den Fokus auf elegantes uhrenähnliches Design. Mit der nun vorgestellten zweiten Version verschiebt sich das leicht. Mit der neuen Huawei Watch 2 reagiert der Konzern darauf, dass sich Fitnessfunktionen als eines der wichtigsten Kaufargumente für Smartwatches herauskristallisiert haben. Vor dem Hintergrund ergibt auch die Integration von GPS Sinn. So kann man Joggingrunden protokollieren, ohne das Handy dabei haben zu müssen. Auf der Softwareseite kommt die neuste Version von Googles Android Wear zum Einsatz. In den Schweizer Handel gelangen die Uhren ab April zu einem Preis von 349 Franken. (zei)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2017, 11:14 Uhr

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