Was sich der Windows-Nutzer fragen sollte

Sein neues Betriebssystem Windows 8 wird die Computerindustrie retten – da ist sich Microsoft sicher. Doch bei Hardwareherstellern und Analysten wachsen Zweifel.

Windows 8 wirft viele Konventionen der Vorgänger über Bord und präsentiert sich in einem neuen Look: Neue, in Shanghai gezeigte Hardware für das Microsoft-OS. (23. Oktober 2012)

Windows 8 wirft viele Konventionen der Vorgänger über Bord und präsentiert sich in einem neuen Look: Neue, in Shanghai gezeigte Hardware für das Microsoft-OS. (23. Oktober 2012) Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sein neues Betriebssystem Windows 8 wird die Computerindustrie retten – da ist sich Microsoft sicher. Doch bei PC-Herstellern und Analysten wachsen Zweifel, ob Windows 8 die Nutzer von Tablets und Smartphones weglocken kann. Die PC-Hersteller zumindest wollen keine grösseren Lagerbestände mit Windows-8-Geräten produzieren.

So ist selbst Intel, das die Prozessoren für 80 Prozent der PCs weltweit herstellt, skeptisch. Der Vorstandsvorsitzende Paul Otellini erklärte, das neue Betriebssystem werde wohl keine grossen Auswirkungen auf die Umsätze haben. «Wir hatten bisher noch keine Gelegenheit einzuschätzen, wie die Konsumenten das in der PC-Welt annehmen werden», sagte Otellini in der vergangenen Woche in einer Telefonkonferenz mit Journalisten und Analysten über das neue Betriebssystem.

«Windows 8 wird dieses Volumen noch vergrössern»

Die Marktforscher von IHS iSuppli erwarten für dieses Jahr die Auslieferung von 349 Millionen PCs. Das wären ein Prozent weniger als der Rekord vom vergangenen Jahr. Auch wenn der Rückgang gering ausfällt, so ist es doch der erste seit 2001. In den USA gehen die PC-Verkäufe bereits seit zwei Jahren zurück.

Apple gelang es unterdessen, seit der Vorstellung des ersten iPads 2010 die Verkaufszahlen jedes Jahr zu verdoppeln. Zwischen April und Juni verkaufte Apple 17 Millionen der Tablets, während Hewlett-Packard, der damals weltgrösste Hersteller von PCs, 13,6 Millionen Personal Computer auslieferte. Smartphones, die bis zur Vorstellung des iPhones 2007 noch ein Nischendasein führten, verkauften sich im vergangenen Jahr besser als PCs – und das, obwohl die PC-Verkäufe ein Rekordhoch erreichten.

Microsoft-Chef Steve Ballmer lässt sich nicht beirren. Der PC-Markt sei noch immer gross, sagte er im vergangenen Monat der «Seattle Times». «Und Windows 8 wird dieses Volumen noch vergrössern».

Mit der Software, die Ende dieser Woche vorgestellt wird, reagiert der Konzern auf die populären Tablets. Windows 8 wirft viele Konventionen der Vorgänger über Bord und präsentiert sich in einem neuen Look mit dem Ziel, die Nutzung auf Touchscreens zu vereinfachen. Die PC-Hersteller stellen gleichzeitig neue Laptops vor, die auch als Tablets zu nutzen sind: entweder mit abnehmbaren oder mit klappbaren Bildschirmen.

Der Citigroup-Analyst Hoe Yoo ist pessimistisch und glaubt nicht, dass das neue Betriebssystem die Wende bringt. Vielleicht werde das Programm ein «Nichtereignis», das von den Käufern gar nicht beachtet werde, sagt er. Sein Kollege Brian White von Topeka Capital Markets erklärte, die taiwanischen Zulieferer verzeichneten bisher keine grösseren Vorbestellungen für Windows-8-PCs. «Die Stimmung in Bezug auf Windows 8 ist mehrheitlich negativ», sagte er nach Gesprächen mit den Zulieferern. «Wir glauben, dass die PC-Industrie auf ein gedämpftes Dezember-Quartal zusteuert.»

Werbekampagne für eine Milliarde Dollar

Die Analystin Mary Jo Foley zeigte sich ebenfalls skeptisch. Sie verwies auf das vollständig neue Design von Windows 8. Dieses könne entweder zu einem grossen Erfolg werden oder die Nutzer verwirren und verprellen. Allerdings will Microsoft die Einführung des neuen Betriebssystems mit einer Werbekampagne im Umfang von einer Milliarde Dollar begleiten – der grössten in seiner Geschichte. Diese Kampagne sei von grosser Bedeutung, um die Nutzer von der neuen Steuerung zu überzeugen und das Interesse an PCs neu zu wecken, schrieb sie.

«Ich mache mir grosse Sorgen, dass Microsoft sich vielleicht spektakulär in den Fuss schiesst», sagte der Vorstandsvorsitzende der Software-Firma Cera Technology, Michael Mace. Windows 8 sei so radikal anders, dass viele Windows-Nutzer, die nicht technikbegeistert seien, möglicherweise verzweifeln könnten.

Die PC-Hersteller waren mit grossen Hoffnungen in das laufende Jahr gestartet. Leichte Laptops, die sogenannten Ultrabooks, sollten die Umsatzzahlen beflügeln. Doch die Geräte sind noch immer teuer und konnten der wachsenden Beliebtheit von Smartphones und Tablets nichts anhaben.

Kaum neue Features für klassische PCs

Jetzt wollen die PC-Hersteller Windows 8 für sich nutzen, doch das wird nicht einfach, wie Patrick Moorhead von der Forschungsfirma Moor Insight erklärte. Einen PC mit einem Touchscreen auszurüsten sei teuer, während die Geräte gleichzeitig mit den deutlich günstigeren Tablets konkurrierten. Neue Features für die klassischen PCs mit Maus und Tastatur gibt es kaum.

«Als Nutzer fragt man sich: Warum soll ich dieses neue Notebook kaufen, wenn mein altes Notebook alles kann, was ich benötige? Stattdessen kaufe ich ein neues Telefon oder ein Tablet», erklärte Moorhead.

Erstellt: 24.10.2012, 09:10 Uhr

Artikel zum Thema

Auf die Fenster folgen die Kacheln

Diese Woche lanciert Microsoft Windows 8, das radikalste Update seit Windows 95. Es ist so innovativ, dass es viele Nutzer vor den Kopf stossen wird. Mehr...

Windows 8, «dieses verflixte Ding»

Hintergrund Tablet Surface, Windows 8, neue Smartphones: Microsoft steht vor einer Schicksalswoche. Der Konzern demonstriert Gelassenheit. Sollten die Produkte jedoch floppen, wird es ungemütlich – nicht nur für Microsoft. Mehr...

Microsoft bringt neuen Musikdienst auf den Markt

Internet Redmond Microsoft bringt einen neuen Musikdienst an den Start, der künftig auch fester Bestandteil des neuen Betriebssystems Windows 8 werden soll. Mehr...

Bildstrecke

Kaltstart für Microsoft

Kaltstart für Microsoft Windows 8 ist schlecht gestartet – schlechter als Windows Vista.

Was Windows 8 bringt

Mit der Veröffentlichung des neuen Betriebssystems Windows 8 am 26. Oktober vollzieht Microsoft einen radikalen Bruch. Das Programm soll den Nutzern von Microsofts PCs, Tablets und Smartphones einen einheitlichen Bedienkomfort bieten. Dafür müssen die Nutzer allerdings viele Arbeitswege neu lernen und Microsoft riskiert, seine Kunden zu verärgern.

Windows 8 ist die grösste Überarbeitung des Microsoft-Betriebssystems seit der Einführung von Windows 95 vor 17 Jahren. Statt dem bisher bekannten «Start»-Menu und den Icons präsentiert Windows 8 die Programme als Kacheln, die auch aktuelle Informationen anzeigen können. So zeigt die Kachel «Fotos» ein Bild aus der Sammlung des Nutzers. Die «Leute»-Kachel zeigt Bilder aus den Social-Media-Kontakten des Nutzers. Die Kacheln sind gross und auf dem Touchscreen leicht mit dem Finger zu treffen. Kleine Knöpfe, wie Einstellmöglichkeiten für die Lautstärke, sind zunächst versteckt und ermöglichen so einen klaren und übersichtlichen Bildschirm.

Mit Windows 8 soll der Computer schneller hochfahren als bisher, was Nutzer in ersten Tests bestätigten. Microsoft wirbt ausserdem mit längeren Akkulaufzeiten durch das neue System. (DAPD)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Mein erstes Handy

Sweet Home Gut ist gut genug!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...