Wie Steve Jobs seine Mitarbeiter schikanierte

Der verstorbene Apple-Chef war zweifellos ein grosser Mann, ein Visionär. Doch Teil seiner Biografie ist auch: Er war Tyrann, jähzorniger Schikaneur und «führender Egomane».

Bleibt im Fokus: Mediencenter der Apple-Zentrale in Cupertino.

Bleibt im Fokus: Mediencenter der Apple-Zentrale in Cupertino. Bild: AFP

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Ausser Frage steht, dass Steve Jobs ein grosser Mann war, ein Visionär, der die Konsumenten mit bahnbrechendem Gerät lockte und ihnen Dinge verkaufte, die sie nicht wirklich brauchten – aber eben liebten. Als Gründer und Boss von Apple wurde er zum Hohepriester eines Kults. Als er vergangene Woche zu früh starb, gedieh die globale Ehrbezeugung zur Feier auf ein Wunderkind.

Die anderen Seiten des Visionärs

Grosse Gestalten aber verdienen, dass sie ganz abgebildet werden. Steve Jobs war auch ein Tyrann, ein Vorgesetzter ohne Gnade sowie ein jähzorniger Schikaneur, den das Wirtschaftsmagazin «Fortune» vor Jahren bereits als «einen der führenden Egomanen des Silicon Valley» identifizierte. Alan Deutschman, der eine Biografie von Jobs verfasst hat («The Second Coming of Steve Jobs»), beschreibt den obersten Apple-Chef gar als emotionalen Randalierer: «Wenn er ‹Bad Steve› war, schienen ihm die furchtbaren Schäden, die er bei Egos und Emotionen anrichtete, völlig gleichgültig zu sein.»

Jobs schrie. Er knallte durch. Er beschimpfte Untergebene. Ein früherer Aufsichtsrat sagt, Apples ehemaliger Finanzvorstand Fred Anderson habe als «Kontrolleur von Tobsuchtsanfällen» fungiert. Die Ex-Leiterin der PR-Abteilung, Laurence Clavere, gestand laut «Fortune», sie habe sich vor Begegnungen mit Jobs in die Rolle eines Stierkämpfers versetzt und so getan, «als sei ich bereits tot».

Ideen der Mitarbeiter zu seinen eigenen gemacht

Produkte waren für den Impresario entweder «irrsinnig toll» oder «scheisse». Überhaupt war er ein Meister der Fluchwörter. Dieses oder jenes «fuck» rollte ihm unentwegt von den Lippen, die sich bei Interviews mit Jobkandidaten bisweilen zu völlig unangebrachten Fragen öffneten. Dann wollte Jobs beispielsweise wissen, wann eine Bewerberin ihre Jungfräulichkeit verloren habe und anderes mehr, was ihn nichts anging.

Manchmal fand er die Idee eines Mitarbeiters «scheisse», Wochen später erschien sie ihm grossartig – und war zwischenzeitlich zu seinem eigenen Einfall mutiert. Er lobte und trieb an, um die Apfelschar zu technologischen Höchstleistungen zu animieren, beleidigte aber zuweilen jene, die er kurz zuvor gelobt hatte. Als «Helden-Scheisskopf-Achterbahn» ging dieser wilde Ritt in die Apple-Geschichte ein. Seinen Mercedes stellte Jobs ohne Rücksicht auf Behindertenparkplätzen ab, den Wagen ohne Kennzeichen herumzufahren, entzückte ihn als ein «Spielchen».

Blieb auf seinem Geld sitzen

Der buddhistische Techno-Hipster liess sich nur einen Dollar Jahresgehalt auszahlen. Damit beeindruckte er seine Fans ungeheuer, aber gleichzeitig kaufte ihm Apple einen Jet des Modells Grumman Gulfstream V zum Gesamtpreis von 88 Millionen Dollar, damit er mit Frau und Kindern nach Hawaii oder New York jetten konnte. Während andere amerikanische Entrepreneure wie etwa Bill Gates als Helfer der Menschheit grosse Summen spendeten, blieb Jobs auf seinem Geld sitzen. Die nach ihm benannte Stiftung stampfte er in den 80er-Jahren bald wieder ein.

Als der Management-Experte Robert Sutton 2007 ein Buch über Menschliches, Allzumenschliches am Arbeitsplatz mit dem kernigen Titel «No Asshole Rule: Building a Civilized Workplace and Surviving One That Isn't» in Angriff nahm, packten Jobs' Opfer aus. «Sobald die Leute hörten, dass ich ein Buch über Arschlöcher schrieb, sind sie auf mich zugekommen und haben mir ihre Geschichten über Steve Jobs erzählt», so der Stanford-Professor, dessen Buch ein Bestseller wurde.

Angestellte bespitzelt

Dass Jobs obendrein über einen Konzern gebot, der seine Angestellten bespitzelte und gegen Lecks mit brachialen Methoden vorgeht, passte ins Bild. Erst kürzlich rückte Apple-Sicherheitspersonal in Begleitung von zivil gekleideten Polizisten auf der Suche nach einem verlorenen iPhone-Prototyp in San Francisco einem Mann zu Leibe und drohte ihm und seiner Familie Repressalien an.

Der Konzern als Dampfwalze eiferte dabei lediglich seinem Gründer nach: Schliesslich rollte dieser nach Belieben über die Psychen der Mitarbeiter und empfahl einst Mitarbeitern eines erfolglosen Apple-Teams, sich gegenseitig zu «hassen», weil sie die Reputation des Unternehmens besudelt hätten. Jobs war ein Genie. Und ausserdem war er ein arroganter Schinder mit einer extrem kurzen Lunte. Auch das ist Teil seiner Biografie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2011, 12:24 Uhr

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