Wo künstliche Intelligenz den Alltag erleichtert

Gesichtserkennung, Übersetzungstools, Diagnose-Apps: Echter Fortschritt oder bloss Taschenspielertricks?

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2009 begannen Bildbearbeitungsprogramme, Fotos zu verstehen. Apples iPhoto und Googles Picasa hatten nun Gesichtserkennung eingebaut und wussten, wer auf den Bildern zu sehen war. Doch die neue Technik hatte Tücken: Nur frontalabgebildete Personen wurden erkannt. Bei Profilen musste die Software passen. Dafür sah sie auch (menschliche) Gesichter, wo keine waren: bei lustig geformten Kürbissen, bei Statuen oder in Schattenflecken.

Trotzdem war das ein Fortschritt: Selbst in riesigen Fotosammlungen liessen sich ab sofort die schönsten Bilder von Tante Irmgard oder Onkel Rolf aufspüren, ohne dass man Tausende Aufnahmen hätte sichten müssen. Manche Nutzer mussten jedoch feststellen, dass diese neue Funktion in der Praxis keinen grossen Gewinn darstellte: all die stolzen Eltern, bei denen auf mindestens 98 Prozent der Fotos ausschliesslich der Nachwuchs zu sehen ist.

Heute ist die Gesichtserkennung Alltag. Facebook identifiziert uns automatisch auf den Fotos von Freunden und taggt uns; sprich: verpasst uns ein virtuelles Namensschildchen. Manchen ist das unheimlich, für viele ist es banal. Doch auch heute kann man sich von der Gesichtserkennung noch das Gruseln lehren lassen. Zum Beispiel auf Twinstrangers.net: Bei dieser Website lädt man sein Foto hoch und erhält nach einigen Sekunden bangen, neugierigen Wartens Fotos von Unbekannten vorgeführt, die Doppelgänger sein könnten: Fremde, denen man ähnlich sieht. Und selbst wenn einem diese Menschen aus irgendeinem fernen Land nicht direkt aus dem Gesicht geschnitten sind, so packt einen doch das gleiche metaphysische Unwohlsein wie damals Mani Matter, der beim Coiffeur bloss sein echtes Selbst im Spiegel gesehen hat.

Vergebene Liebesmüh

2011 hat Google seiner Bildersuche beigebracht, Aufnahmen zu vergleichen. Wenn man ihr ein Foto unterbreitete, holte sie ähnliche Bilder aus dem Netz. Ab 2015 konnten Programme nebst Gesichtern auch Gegenstände und das grosse Ganze erkennen. Bilder wurden nun nach Motiven sortiert: nach Landschaften, Lebensmitteln, Gebäuden, Tieren, Menschenmengen und Porträts. Sie waren nach vielen Begriffen durchsuchbar. Für manche brachte das Konsternation. Zum Beispiel für den Autor dieses Beitrags: Er hatte bis dato viel Energie und Zeit darauf verwendet, seine Bilder von Hand mit Schlagworten zu versehen. Ein offensichtlich nutzloser Effort.

Heute gibt sich die Software aber nicht mehr damit zufrieden, eine Pflanze als Pflanze zu erkennen. Die App Plant Snap will sogar Arten auseinanderhalten können und Blumen, Bäume, Kakteen und Pilze zielsicher mit ihren botanischen Namen versehen. Pflanzenkenner dürfen aber beruhigt sein: Die US-amerikanische App hat von der europäischen Flora keine Ahnung.

Eine künstliche ­Intelligenz könnte sich dumm stellen, weil sie nicht entdeckt werden will. Vielleicht tut sie das schon jetzt.

Vor zwei Jahren zeigte sich, dass die Algorithmen mit ihrer passiven Rolle nicht mehr zufrieden waren. Die Prisma-App sorgte für Furore. Mit künstlicher Intelligenz imitierte sie den Stil bekannter Künstler. Das erfreute die Massen: Selbst beim unvorteilhaftesten Selfie achtet keiner aufs Doppelkinn, wenn es aussieht wie von Mondrian gemalt. Und der Monet-Filter verwandelt jeden überfüllten Strand in ein impressionistisches Ferienparadies.

Der Online-Übersetzungsdienst Deepl.com hat vor einiger Zeit eine andere Überzeugung erschüttert: nämlich diejenige, dass der Computer vor allem eine Lachnummer ist, wenn es um Sprache geht. Wie gern haben wir doch über die maschinelle Übersetzung gelacht: zum Beispiel über Google, als Translate das Steckrübenfest der galicischen Stadt As Pontes in Englisch in das «clitoris festival» verwandelte. Die Einwohner hätten sich «überrascht» gegeben, berichtete der britische «Guardian».

Spotify als Seelenmasseur

Deepl.com ist zwar fern von sprachlicher Perfektion. Doch die Übersetzungen wirken überhaupt nicht mehr unbeholfen. Und dieser Sprachroboter weckt bei manchen eine bange Ahnung, wie es weitergehen könnte. Falls der Fortschritt anhält, werden Computer bald ein Sprachverständnis haben, das unaufmerksame Mittelschüler in Verlegenheit bringt. Auch das Diktierprogramm auf Trint.com nährt Hoffnungen: Die Resultate, die man bei der automatischen Verschriftlichung erhielt, waren bislang irgendwo zwischen komplett unbrauchbar und annähernd nutzlos angesiedelt. Doch Trint leistet sich fast keine Fehler mehr – zumindest bei einer guten Aufnahmequalität und einem gängigen Vokabular.

Video – Nie wieder abtippen

Mit schlauen Apps erspart man sich lästige Fleissarbeiten wie das Verschriftlichen von Bildern oder Tonaufnahmen. (Video: Matthias Schüssler)

An den Apps, die mittels künstlicher Intelligenz ärztliche Diagnosen stellen, scheiden sich die Geister. Ada ist so eine App. Sie stellt Dutzende Fragen zu den Symptomen, um dann infrage kommende Diagnosen zu unterbreiten. Eine Bedrohung für die Götter in Weiss ist das bislang nicht, denn bei mutmasslich ernsthaften Befunden spuckt die App kein Rezept für die Selbstmedikation aus, sondern die Empfehlung, einen echten Fachmann aufzusuchen. Trotzdem plaudert man gern mit dem Diagnoseroboter über all die Wehwehchen, mit denen man seinen Hausarzt nicht behelligen würde. Die Krankenkasse sollte daran eigentlich Freude haben.

Sind das alles Anzeichen, dass Computer auf dem Weg zur echten Intelligenz sind – oder sind es nur zunehmend raffinierte Taschenspielertricks? Die meisten Experten sind sich einig, dass die Algorithmen bisher nur für bestimmte Aufgaben mit klaren Grenzen trainiert werden können. Ob noch schlauere Maschinen dereinst fähig sind, ein Bewusstsein und echte Erkenntnisse zu erlangen, ist offen.

Vielleicht nur ein Ablenkungsmanöver

Doch selbst wenn man überzeugt ist, dass das irgendwann passieren wird, kann niemand sagen, wie lange es noch dauert. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass es vielleicht schon so weit ist: nämlich in den magischen Momenten, in denen Spotify von sich aus genau den Song spielt, der zum Augenblick, zur Stimmung und zur seelischen Verfassung passt. Zugegeben, oft genug macht Spotify das genaue Gegenteil und beweist sich als mieser DJ.

Doch vielleicht ist das auch nur ein Ablenkungsmanöver – genau so, wie Skeptiker es vermuten: Eine künstliche Intelligenz wird als Erstes lernen, sich dumm zu stellen, um nicht entdeckt zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 06:49 Uhr

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