Windows 10 und der Unmut der Cloud-Verweigerer

Zu Recht meckern Windows-10-Nutzer, denn sie werden von den Herstellern vernachlässigt.

Cortana aus Microsofts Spiel «Halo» ist die Namensgeberin für die digitale Assistentin in Windows 10 – und sie fordert vom Nutzer einen freizügigen Umgang mit seinen persönlichen Daten.

Cortana aus Microsofts Spiel «Halo» ist die Namensgeberin für die digitale Assistentin in Windows 10 – und sie fordert vom Nutzer einen freizügigen Umgang mit seinen persönlichen Daten.

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Windows 10 hat einen guten Start hingelegt. Nach 24 Stunden sind bereits 14 Millionen Nutzer umgestiegen, hat Microsoft in einem Blog-Beitrag verlauten lassen. Inzwischen dürften es um die 50 Millionen Nutzer sein, schätzt eine (nicht näher genannte) Quelle bei Winbeta.org.

Aber vielleicht wären es deutlich mehr, wenn nicht die Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre wären, die womöglich viele Nutzer vom Update abhalten. Windows 10 wird von Datenschützern kritisiert, weil das System eng mit der Cloud verzahnt ist und der Servicevertrag sich weitgehende Rechte herausnimmt. Dieser Servicevertrag regelt die Nutzung der allermeisten Windows-Produkte von Skype, Windows über Cortana bis hin zu Xbox Live und ist entsprechend umfangreich – und schwer zu interpretieren.

Die European Digital Rights, eine Verbindung europäischer Menschenrechtsorganisationen, schreibt zu diesem Vertrag: «Wenn man diese 45 Seiten zusammenfasst, kann man sagen, dass sich Microsoft das Recht herausnimmt, alles zu sammeln, was der Nutzer auf seinen Geräten tut, sagt und schreibt, um personalisierte Werbung zu schalten und persönliche Daten an Dritte weiterzugeben.» Die Schweizer Piratenpartei übt harsche Kritik an Windows 10: «In einem Ausbeutungssystem dafür bezahlen zu müssen, in Anwendungen nicht mit Werbung belästigt zu werden, ist vollkommen inakzeptabel», sagte Guillaume Saouli, Co-Präsident der Piraten.

Microsoft als Lieblingsfeind

Nun ist Microsoft seit Jahren der Lieblingsfeind der Verfechter freier Software, die bei Linux und Co. die Selbstbestimmung der Nutzer herausstreichen. Für sie sind die neuen Bestimmungen ein gefundenes Fressen. Auch etwa die Klausel, die es Microsoft erlaubt, den Zugriff auf schwarzkopierte Spiele zu sperren. Doch auch treue Kunden haben das Gefühl, der Bogen sei jetzt überspannt. Das zeigt sich auch bei den Kommentaren auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Kein Artikel zu Windows 10, zu dem es nicht Leserkritik an Microsoft hagelt.

Unmut entzündet sich an den Werbeeinblendungen in den Standard-Apps. Sie provozierten das geharnischte Statement der Piraten, weil eine Identifikationsnummer den Nutzer über die Apps hinweg verfolgbar macht. Kämen diese Apps ohne Werbung aus oder wären sie nicht vorinstalliert, sondern als optionaler Download über den Store erhältlich, liesse sich den Datenschutzbedenken die Grundlage entziehen. Aber Microsoft hat sich entschieden, sie standardmässig auszuliefern.

Andererseits ist Targeting bei Internetwerbung längst gang und gäbe. Die weltgrösste Suchmaschine verdient damit ihr Geld. Doch trotzdem machen nur wenige Leute einen Bogen um Google. Warum liegt die Sensibilität beim Betriebssystem dann so viel höher?

Natürlich weil in der persönlichen Wahrnehmung die Datensammlung nicht «im Internet», sondern direkt auf dem eigenen Computer stattfindet. Zwar kann man sich auch bei Windows 10 schlicht weigern, die mit Werbung ausgestatteten Apps zu nutzen. Aber in der Wahrnehmung vieler Nutzer ist es so, dass Microsoft einem etwas aufdrängt, gegen das man sich nicht wehren kann. Selbst wenn es in den Windows-Einstellungen einen Knopf gibt, der die Verwendung der Werbe-ID verbietet (siehe auch Beitrag So treiben Sie Windows 10 das Spionieren aus), bleibt das Misstrauen: Schnüffelt Microsoft vielleicht auch durch Dokumente und E-Mails des Users, um dessen Werbeprofil zu verfeinern?

Begründbar – und trotzdem übergriffig

Viele der Bestimmungen wirken übergriffig, auch wenn sie aus nachvollziehbaren Gründen vorhanden sind. Damit die persönliche Assistentin auf gesprochene Kommandos reagieren und beispielsweise automatisch Anrufe an bestimmte Kontakte tätigen kann, benötigt Cortana Zugriff auf das Adressbuch. Da die Sprachanalyse wie bei Google oder Apple auf dem Server stattfindet, müssen persönliche Informationen auf dem Server verarbeitet werden dürfen. Daher holen Serviceverträge und Nutzungsbestimmungen die Einwilligung des Nutzers ein, diese Informationen bereitzustellen.

Microsoft sagt dazu auf Anfrage, dass Windows 10 den Nutzern die «volle Kontrolle gibt. Mediensprecherin Barbara Josef von Microsoft: «Windows 10 wurde so entwickelt, dass der Kunde selber entscheiden kann, wie stark er die Dienste und das Gesamterlebnis personalisieren möchte. In den Datenschutzeinstellungen kann er genau bestimmen, welche Daten geteilt werden und welche nicht. Wir legen zudem genau offen, welche Daten wir zu dieser individuellen Personalisierung nutzen – vorausgesetzt der Nutzer erteilt uns dazu die Erlaubnis.»

In der Tat: Windows 10 erlaubt viel granularere Einstellungen als früher. Es lässt sich nun steuern, welche Apps auf die Kamera zugreifen, Kontakte nutzen oder den Standort abfragen dürfen. Dieser Schritt erhöht den Schutz der privaten Daten massiv: Ein klassisches Windows-Programm kann, anders als die in ihren Rechten limitierten Apps, nach Belieben die ganze Festplatte nach interessanten Daten scannen.

Doch die Privatsphäre-Einstellungen ändern nichts daran, dass man als Nutzer die im Servicevertrag verlangten Rechte nicht verweigern kann, selbst wenn man Cortana, die werbefinanzierten Apps oder Onedrive niemals zu nutzen gedenkt. Der Servicevertrag muss ganz oder gar nicht akzeptiert werden. Das versetzt den Nutzer in eine Position der Schwäche: Er muss dem Softwarehersteller blind vertrauen, dass er die in den Privatsphäre-Einstellungen getroffenen Vorgaben auch respektiert. Dieses Vertrauen ist nicht einfach zu leisten. Die Cloud-Betreiber haben sich in der Vergangenheit nicht durch eine vehemente Verteidigung der Nutzerdaten ausgezeichnet. Im Gegenteil: Durch die Enthüllungen von Edward Snowden ist publik geworden, wie bereitwillig sie mit Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten kooperieren.

Cloud-Skeptiker in der Defensive

Die Cloud hat sich spätestens mit Windows 10 zum De-facto-Standard entwickelt. Das drängt die Cloud-Skeptiker in die Defensive. Ihnen wird es immer schwerer gemacht, bei der lokalen Datenhaltung zu bleiben. Und da übersehen die Softwarehersteller eine Marktlücke: Es gibt ein Interesse an kompromisslos auf den Schutz der Privatsphäre ausgelegten Softwareprodukten. Zwar dürfte es wohl so sein, dass sich – wenn es eine komplett Cloud-freie Version von Windows mit einem unproblematischen Nutzungsvertrag gäbe – die grosse Mehrheit für das komfortablere Produkt mit Cortana, Onedrive, der Cloud und den werbefinanzierten Apps entscheiden würde. Wenn die Leute die Wahl zwischen Sicherheit und Funktionsfülle haben, entscheiden sich die meisten für den Funktionsumfang und nehmen ein schwer abschätzbares Privacy-Risiko in Kauf. Dennoch würde auch den Bedenken der Minderheit Rechnung getragen. Und diese Lösung hätte den Vorteil, dass sich alle bewusst für den Weg entscheiden, mit dem ihnen am wohlsten ist, und niemand Microsoft einen Vorwurf machen könnte, keine Alternative gehabt zu haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2015, 12:53 Uhr

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