Das leise Ende des PC-Zeitalters

Für Windows 7 hat das letzte Stündchen geschlagen. Damit besiegelt Microsoft – ob gewollt oder nicht – die Ära des Personal Computers.

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Der Kolumnist der Tech-Website «ZD-Net» muss ein Tränchen verdrückt haben, als er sein Fazit zum Ende von Windows 7 in Worte fasste: «Der Erfolg war der Höhepunkt für den Personal Computer und für Windows», schrieb er. Windows 7 sei von Usern heiss geliebt und von den Administratoren hochgeschätzt worden – und zwar nicht allein deswegen, weil es Windows Vista abgelöst hat.

Doch gleichgültig, wie gross die Liebe noch sein mag: Es gilt Abschied zu nehmen. Am Dienstag dieser Woche ist das offizielle Ende von Windows 7 gekommen. Seit dem 14. Januar liefert Microsoft keine Updates für dieses Betriebssystem mehr aus – ausser an Unternehmen, die gewillt sind, für die weitere Unterstützung extra zu bezahlen. Das bedeutet, dass auch Sicherheitslücken nicht mehr geschlossen werden und die Benützung nicht mehr sicher ist. Vertretbar ist nur noch der Einsatz auf Computern, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Beachten Sie dazu auch unseren Beitrag Windows-7-Support-Ende: Was Sie beachten sollten.

Das Video erklärt, wie Sie Windows 7 ablösen – und wie Sie auf einen neuen PC umsteigen oder Windows 10 installieren. (Hier geht es zum Beitrag.)

Als Windows 7 vor gut zehn Jahren auf den Markt kam, war nicht absehbar, dass sich eine ähnliche Erfolgsgeschichte entwickeln würde wie beim legendären Windows XP. Die Erwartungen waren damals gering: Microsoft sollte die Fehler korrigieren, die der Konzern mit dem 2007 veröffentlichten Windows Vista begangen hatte.

Alte Fehler ausbügeln

Das hiess vor allem: Der Schnickschnack musste wieder weg. Das war einerseits der 3-D-Flip. Bei dem konnte man mit einer dreidimensionalen Animation zwischen den offenen Programmen wechseln. Andererseits gab es am rechten Rand die Seitenleiste, die eine kleine Uhr, einen Kalender und virtuelle Notizzettelchen beherbergte – aber vor allem auch ablenkend war und zu viele Systemressourcen benötigte.

Diese bescheidenen Ansprüche der privaten Anwender und Unternehmen hat Microsoft mehr als erfüllt. Windows 7 entpuppte sich als stabile, zuverlässige Plattform fürs klassische Desktop-Computing. Heute läuft gemäss Zahlen des Web-Analyse-Unternehmens Net Applications noch immer gut ein Viertel aller Computer (26,6 Prozent) mit Windows 7 – obwohl schon im Oktober 2012 Windows 8 und im Juli 2015 Windows 10 auf den Markt gekommen sind.

Nibelungentreue

Ein beträchtlicher Teil der Nutzer sieht offensichtlich bis heute keinen Anlass, Windows 7 den Rücken zu kehren. Dabei hat Microsoft alles Menschenmögliche unternommen, die Nutzer zum Umstieg zu bewegen. Der Hersteller hat Windows 10 während Jahren kostenlos angeboten und phasenweise sogar im Hintergrund heruntergeladen, sodass man es bequem – oder auch versehentlich – installieren konnte. Diese Praktik empfanden viele Nutzer als übergriffig und haben sich bemüssigt gefühlt, erst recht bei Windows 7 zu bleiben.

Das Ende von Windows 7 besiegelt für manche – zum Beispiel für besagten Kolumnisten bei «ZD-Net» – auch das Ende des PC-Zeitalters. Das bedeutet nicht, dass der (oft herbeigeschriebene) Tod des Personal Computers nun gekommen ist. Aber es ist ohne Zweifel richtig, dass der PC die Technologieführerschaft verloren hat.

Als Windows 7 auf den Markt kam, war der Desktop-Computer noch tonangebend. 2009 hatte die Smartphone-Ära zwar schon begonnen. Auch der App Store war erfunden. Das Cloud-Computing war manchen schon ein Begriff, und das iPad geisterte als Gerücht durch die Tech-Landschaft. Doch alle diese Konzepte waren neu und hatten sich noch nicht bewährt. Und noch nicht auf den Desktop-Computer abgefärbt.

Das hat sich schon mit Windows 8 schlagartig geändert: Microsoft hat diese Version mit der Leitlinie «Touch first» entwickelt. Das Betriebssystem wurde für Tablets und die Steuerung per Finger fit gemacht. Das neue Startmenü und die Vollbild-Apps mit dem dazugehörenden App Store wurden eingeführt.

Mit Windows 10 hat Microsoft die Ausrichtung des Betriebssystems auf die Post-PC-Ära schonungslos vorangetrieben. Windows wurde eng mit Microsofts Cloud-Plattform Onedrive verknüpft und auf das Software-as-a-Service-Modell umgestellt. Windows wird nicht mehr sprunghaft, in grossen Versionsschritten, sondern kontinuierlich weiterentwickelt. Seitdem gibt es ein- bis zweimal pro Jahr sogenannte Funktions-Updates, die Features neu einführen oder verändern.

Dank dieser häufigen Updates kann Microsoft schneller auf die Bedürfnisse der Nutzer reagieren. Kommt hinzu, dass das Unternehmen auch viel besser Bescheid weiss, wie die Anwenderschaft arbeitet: Windows 10 sammelt nämlich mit der Standard-Konfiguration umfangreiche Telemetriedaten zur Verwendung. Und Windows 10 trägt dem Umstand Rechnung, dass das Betriebssystem für Microsoft als Einnahmequelle an Bedeutung verloren hat und stattdessen Cloud-Services wichtiger geworden sind.

User verlieren an Autonomie

Die Kehrseite der Entwicklung liegt darin, dass die Anwender nicht mehr in der Hand haben, mit welcher Version des Betriebssystems sie arbeiten: Sie können Updates zwar noch verzögern, aber nicht mehr ignorieren. Das ist in der Smartphone-Welt so üblich – aber für PC-Nutzer der alten Schule bedeutet es einen Autonomieverlust.

Zum Start von Windows 7 hat Microsoft Werbespots mit Bill Gates und dem Komiker Jerry Seinfeld geschaltet. Sie führten «wenig lustige Gespräche, die irgendetwas mit Computern zu tun hatten», wie die Presse spottete. Gates war schon damals nicht mehr Microsoft-Chef, und Seinfeld hatte seine Erfolgs-Sitcom eine Dekade zuvor beendet.

Damit nahmen die beiden das Schicksal von Windows 7 und auch des PC vorweg – den Bedeutungsverlust. Seit 2011 sinken die globalen Verkaufszahlen, und seit ungefähr dem gleichen Jahr diktiert die Mobilwelt, wohin die technische Reise geht.

Erstellt: 14.01.2020, 21:39 Uhr

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