Die aggressive Foto-App von Facebook

Facebook und Google kämpfen um die Vorherrschaft über Bilder im Netz. Mit Innovationen, die extrem praktisch, aber auch unheimlich gruselig sind.

Hier sollen alle Fotos der ganzen Welt rein: Die Moments-App von Facebook.

Hier sollen alle Fotos der ganzen Welt rein: Die Moments-App von Facebook. Bild: PD

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Die Facebook-App-Familie ist um ein neues Mitglied reicher: Die Moments-App gibt es seit kurzem auch bei uns. Sie ist für iPhone und Android erhältlich und will ihren Nutzern den Zugang zu den Bildern ihrer Freunde eröffnen. Natürlich nicht generell. Denn wer will schon am Bilderstrom von Kollege X teilhaben, der jedes seiner Mittagessen fotografiert? Oder an der ungefilterten Ausbeute von Leuten, die mit ihren Telefonen ununterbrochen Screenshots von Apps anfertigen?

Die Moments-App ermöglicht es, Bilder von miteinander verbrachten Anlässen gemeinsam zu betrachten: Die Bilder der Familienfeier oder eines Ausflugs werden für die Leute freigegeben, die dabei waren. Konkret funktioniert das so, dass man eine Auswahl der Bilder trifft, dann unter seinen Facebook-Freunden diejenigen auswählt, die an den Fotos interessiert sein könnten, und sie ihnen zur Verfügung stellt. Diese können dann ihrerseits Bilder zu dem «Moment» beisteuern.

Diaschaufunktion für alle Facebook-Nutzer

Facebook entwickelt die Moments-App intensiv weiter und bringt Funktionen auch in der Haupt-App unter, so jüngst das Diaschau-Feature. Es wird diese Woche Einzug halten, wie «The Verge» berichtet: Fotos und Kurzvideos werden automatisch in einem Videoclip zusammengefügt, den man mit Musik und einem der vorgegebenen Looks anreichern kann. Die Facebook-App bietet einem die Produktion eines solchen Videos an, wenn man innert 24 Stunden mindestens fünf Aufnahmen macht.

Eine eigentlich gute Idee und ein Bedürfnis: Einen gemeinsamen Anlass aus mehreren Perspektiven Revue passieren zu lassen und die eigenen Bilder durch die Aufnahmen der Freunde zu ergänzen, ist ein echtes Plus. Um es ohne die Cloud zu erzielen, muss man sich viel Mühe machen: die Fotos bei den Freunden einsammeln, sortieren und irgendwie präsentieren. All diese Arbeiten erledigt Facebook ohne viel Federlesen und kostenlos.

Und die Privatsphäre?

Einen Preis hat die App natürlich trotzdem: Man bezahlt mit seiner Privatsphäre. Mit der Moments-App erhält Facebook noch einmal tiefe Einblicke in das Leben seiner Nutzer: Wer mit wem was wann wo gemacht hat – daran besteht kein Zweifel mehr. In der App ist eine Gesichtserkennung eingebaut. Wenn man die App installiert, sucht sie in der Bilderablage nach Fotos von Freunden. Sie erkennt Bilder mit Personen und bietet einem an, diese mit dem Facebook-Konto der abgebildeten Leute zu verknüpfen. Und auch wenn man das nicht tut, so hat die App dennoch die theoretische Möglichkeit, diese Fotos heimlich auszuwerten.

Bemerkenswert ist auch die Aggressivität, mit der Facebook in der Moments-App nach den Bildern der Nutzer greift: Möglichst viele Bilder mit vielen Moments soll man erstellen. Die getaggten Leute werden ihrerseits recht offensiv zum Download der App motiviert – ausserhalb der App lassen sich die Moments nämlich nicht betrachten.

Das ist für meinen Geschmack reichlich übergriffig und lässt keinen Zweifel daran, dass Facebook nicht einfach nur ein nützliches Hilfsmittel anbieten will, sondern die Vision verfolgt, das Fotoalbum für die ganze Welt zu werden. Alle Fotos an einem Ort – hinterlegt mit lückenlosen Verbindungsinformationen zum Beziehungsgeflecht der Nutzer. Extrem praktisch und unheimlich gruselig.

Google: 24 Milliarden Selfies

Bei dieser Vision hat Facebook einen Konkurrenten. Auch Google will zum Fotospeicher für die Welt werden. Und ist dabei recht erfolgreich. Erst vor kurzem schrieb Google stolz in seinem Blog, nach einem Jahr des Fotos-Diensts mit unbeschränktem Speicherplatz seien dort mehr als 13,7 Petabytes an Daten abgelegt worden. Das sind 13,7 Millionen Gigabyte. Um alle Fotos durchzublättern, würde man etwa 424 Jahre benötigen. Und, auch das verrät der Google-Blog, man habe zwei Billionen automatische Labels hinzugefügt und 24 Milliarden Selfies gefunden.

Das Rennen ist weiterhin offen – und sowohl Facebook als auch Google punkten mit Innovation, technischer Raffinesse und ihren Rechenzentren mit den scheinbar unerschöpflichen Speicherkapazitäten. Nur mit einem punkten sie nicht: mit Respekt für die Privatsphäre ihrer Nutzer.

Erstellt: 28.06.2016, 11:30 Uhr

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