Die goldenen Fesseln der mobilen Ära

In einer Zeit, in der Tablets Laptops und PC ersetzen sollen, geht für die Benutzer eine alte Selbstverständlichkeit verloren: die Freiheit, das Betriebssystem seines Geräts selbst zu wählen. Mit einem Trick klappt es aber trotzdem.

Tablets sind beim Betriebssystem weniger offen als der PC. Foto: Keystone

Tablets sind beim Betriebssystem weniger offen als der PC. Foto: Keystone

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Ein Personal Computer räumt seinem Benutzer eine fundamentale Möglichkeit ein: die Freiheit, zu entscheiden, welches Betriebssystem er mit seiner Maschine verwenden will. Das stärkt die Position des Nutzers, weil es die Abhängigkeit gegenüber dem Hersteller verringert. Wer Windows 10 in Sachen Datenschutz nicht über den Weg traut, der bewahrt seinen Seelenfrieden durch die Installation einer Linux-Variante ohne Cloud-Anbindung. Ein in die Jahre gekommenes Mac-Notebook, das der neuesten Version von OS X nicht mehr gewachsen ist, kann dank des spartanischen Chrome OS weiterleben. Und wer seinen PC zur Spielkonsole umfunktionieren will, holt sich das für maximale Game-Leistung ausgelegte Steam-OS.

Die mobilen Geräte sind stärker abgeriegelt als der klassische PC. Die Hersteller machen ihren Kontrollanspruch bei den Smartphones und Tablets besonders stark geltend, was im Idealfall zwar die Betriebssicherheit und den Komfort erhöht, aber gleichzeitig die Selbstbestimmung der Nutzer schwächt. Bei iPhones und iPads dürfen nur Apps aus dem von Apple kontrollierten Store installiert werden. Dies hat zur Folge, dass nur Apps von Apples Gnaden verwendet werden dürfen. Insbesondere Produkte, die ins System eingreifen, sind nicht zulässig. Deswegen ist es beim iPhone nicht möglich, für den Start von Apps eine Alternative zum Homescreen zu verwenden.

Das mobile Betriebssystem von Google ist offener als das iPhone. Dennoch ist die Situation auch hier kompliziert: Die Gerätehersteller passen Android jeweils auf ihre Modelle an. Das führt zu unterschiedlichen Benutzererlebnissen. Die Steuerung variiert, und manche Apps sind doppelt vorhanden, weil die Gerätehersteller ihre eigenen Produkte mitliefern. Diese stellen manchmal eine sinnvolle Verbesserung dar, sind aber oft nur zu Marketingzwecken da und blähen das System auf. Man nennt sie auch «Bloatware» («Blähware»). Zudem mischen auch die Mobilfunkanbieter mit: Sie haben einen Einfluss darauf, wann und ob bestimmte Modelle mit Updates ausgestattet werden.

Das iPhone aufbrechen

Stellt sich also die Frage, wieweit sich die Anwender im mobilen Bereich von den Fesseln der Hersteller befreien und ein Betriebssystem nach Wahl installieren können – wenn sie es denn wollen. Fürs iPhone ist die Sache schnell erklärt: Es gibt kein alternatives System, das kompatibel zu der Hardware wäre. Die einzige Möglichkeit bei Apples System besteht im sogenannten Jailbreak.

Bei diesem Verfahren werden die strengen Restriktionen entfernt. Danach sind beliebige Apps installierbar. Auch die Systemkomponenten können verändert werden, und an die Stelle von Apples Standard-Apps dürfen selbst gewählte Programme treten. Dennoch überwiegen die Nachteile die Vorteile: Aufgebrochene iPhones sind viel weniger sicher und nicht so stabil. Und mit jedem System-Update muss der Jailbreak erneut vorgenommen werden. Es dauert jedoch oft Wochen oder Monate, bis ein solcher zur Verfügung steht.

Bei Telefonen aus der Google-Welt ist die Situation anders: Für sie gibt es eine breite Palette an «Custom ROMs». Die Bezeichnung für die alternativen Systeme rührt daher, dass diese Software in dem Teil des Speichers sitzt, der im normalen Betrieb nur gelesen wird; ROM bedeutet «read only memory» oder Nur-Lese-Speicher. Android basiert auf dem Open-Source-Betriebssystem Linux: Anhand des Quelltexts kann und darf jedermann eigene Varianten entwickeln.

Es gibt inzwischen eine Handvoll öffentlich verfügbarer Custom ROMs, die unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen. Sie ebnen den Weg zum «reinen», nicht durch den Hersteller des Telefons veränderten Nutzererlebnis und entfernen Bläh­ware. Es gibt Alternativen, die die Privatsphäre verbessern. Die populäre CyaogenMod-Variante enthält den Privacy Guard, der eine feine Steuerung über die Rechte von Apps ermöglicht. Man kann neuen Apps etwa standardmässig den Zugriff auf das Adressbuch verwehren. Es ist auch möglich, auf die Google-Apps komplett zu verzichten. Die Stiftung Free Software Foundation Europe empfiehlt alternative Android-Varianten wie Replicant OS oder CyanogenMod, auch um Carrier IQ zu entfernen. Diese Komponente sammelt auf einzelnen Geräten Daten zum Nutzungsverhalten und stellt sie den Herstellern und Netzbetreibern zur Verfügung. Bei ihrer Entdeckung 2011 wurde sie als Spionagesoftware bezeichnet.

Alte Geräte am Leben erhalten

Mit einem Custom ROM erhalten Tüftler neue Mittel und Wege, ihr Gerät anzupassen. Die Variante Paranoid Android hat beispielsweise einen «immersiven Modus», der die grafischen Elemente der Benutzeroberfläche ausblendet und den Apps das ganze Display überlässt.

Der wichtigste Grund für ein Custom ROM ist, alte Geräte auf dem neuesten Stand zu halten – selbst wenn sie vom Hersteller und vom Mobilfunkanbieter nicht mehr unterstützt werden. Das kann die Sicherheit markant erhöhen. Die Sicherheitslücke «Stagefright», die im Juli 2015 auftrat, betrifft viele Android-Geräte, auch solche, die nicht mehr aktualisiert werden. Die Electronic Frontier Foundation – eine Stiftung zugunsten der Nutzer von Digitaltechnologie – kritisierte das: «Ein kaum einjähriges Telefon erhält womöglich keine Korrektur-Updates für ein so massives Sicherheitsloch wie ‹Stagefright›. Das ist ein riesiges Problem für Android.»

Nur für Tüftler

So vorteilhaft ein Custom ROM sein kann – die Sache hat einen Haken: Offiziell ist es nicht vorgesehen, dass man sein Android-Betriebssystem austauscht. Ein Gerät muss für die Installation vorbereitet werden, was unter Umständen auch die Aushebelung von Sicherheitsmechanismen beinhaltet. Ein Fehler bei diesem Vorgang kann das Gerät dauerhaft beschädigen, und durch die Manipulation geht die Garantie verloren. Darum muss man genau wissen, was man tut, oder nur alte, abgeschriebene Geräte der Prozedur unterziehen.

Es ist ein Widerspruch, dass Google Android auf Basis einer freien Software entwickelt, es dem Anwender aber sehr schwer macht, seine freie Wahl beim System auszuüben. Ben Edelman, ­Professor an der Harvard University, hat 2014 kritisiert, dass Google die Telefonhersteller zwingt, alle Google-Apps auszuliefern, wenn sie bloss an einer interessiert sind. Und Windows-Experte Paul Thurrott erinnert daran, dass diese ­Haltung Microsoft Ende der Neunzigerjahre ein kartellrechtliches Verfahren ein­getragen hat. Da erscheint es als Ironie, dass es damals einfacher war, das Windows-System durch Alternativen wie Linux oder IBMs OS/2 zu ersetzen.

Erstellt: 17.11.2015, 18:15 Uhr

Alternativen zu Android

Knifflige Installation

Für die Installation eines Custom ROM muss man Zugriff auf das Wiederherstellungs­system nehmen, das sogenannte Recovery. Das alternative System installiert man dann per Update-Funktion. Manche Modelle müssen dazu entsperrt werden, umgangssprachlich «rooten». Der Root oder ­Superuser hat unbeschränkte Kontrolle über das System. Bei anderen Modellen ist es möglich, über eine Tastenkombination beim Start «Fastboot» zu aktivieren, in dem man Zugriff aufs Recovery erhält.

Die konkrete Vorgehensweise hängt vom Telefonmodell ab. Sie ist für die bekannteste Android-Variante CyanogenMod ausführlich unter wiki.cyanogenmod.org beschrieben.

Der Eingriff ist mit Risiken verbunden – ein Fehler kann das Gerät komplett ausser Gefecht setzen. Hilfe vom Hersteller darf man in so einem Fall nicht erwarten, denn schon durch die Vorbereitungen erlischt die Garantie. Wenn Sie ein Custom ROM installieren, müssen Sie daher genau wissen, was Sie tun, oder auf die tatkräftige Hilfe eines erfahrenen Android-Nutzers zählen können. (schü.)

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