Diese App fördert das Mobbing unter Schülern

Über die Plattform Tellonym schreiben sich Jugendliche anonyme Nachrichten. Vor allem Mädchen werden Opfer von Beleidigungen und sexueller Anmache.

Wirkt freundlich: Tellonym-Icon.

Wirkt freundlich: Tellonym-Icon.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Bist du noch Jungfrau?» «Verschickst du Nacktbilder?» «Du bist mega das Fuckgirl.» Solche Fragen und Nachrichten bekommen Teenies über die App Tellonym. Der Name ist ein Wortspiel aus tell (englisch für sagen) und anonym. Die Plattform wird vor allem von Jugendlichen genutzt, viele im Schulalter. Sie schreiben sich Kommentare und Bewertungen – ohne sich zu erkennen zu geben. Outen muss sich hier niemand. So ­erfahre man, was andere im Geheimen über einen denken, verspricht die App.

Wunderbar, wenn dann Komplimente kommen – doch verschickt werden auch Gemeinheiten. Ziel werden vor allem die Mädchen.

«Melanie, wie kann man die nur mögen?», hetzt einer. «Findest du es nicht schlampig, dass sie keine Jungfrau mehr ist?», schreibt ein anderer auf der App. Jemand ätzt: «Warum zeigst du dein Gesicht nie auf Bildern? Bist wohl nicht die Schönste.» – Alles unter dem Deckmantel der Anonymität.

Sehnsucht nach Bestätigung

Richard Reich weiss, was die Heckenschützen auf Tellonym anrichten. Als Co-Leiter des Jungen Literaturlabors in Zürich, das Schreibcoaching für Schulklassen anbietet, hat er regelmässig mit Jugendlichen zu tun. «Es kam schon vor, dass Mädchen heulend hier ankamen, weil sie soeben schwerstens verletzt wurden», sagt Reich. Für die Jugendlichen sei es wie eine Mutprobe, bei dieser App mitzumachen. «Man will das ausprobieren, setzt sich der Bewertung durch andere aus und kassiert dann genau das, was der Sinn dieser App ist – nämlich alle Arten von angeblichen ‹Wahrheiten›, die man so eigentlich gar nicht wissen wollte», sagt Reich. Nicht alle können das einfach so wegstecken.

Die Verunsicherung ist im jugendlichen Alter gross – entsprechend auch die Sehnsucht nach Bestätigung. «Man sucht nach Gruppenzugehörigkeit und sozialer Anerkennung», sagt Basil Eckert, Schulpsychologe im Kanton Schwyz und Mitglied der Leitungskonferenz der Schweizer Schulpsychologen. «Die sozialen Medien bieten dazu unglaublich viele Möglichkeiten.» Gleichzeitig drohe hier aber auch die Gefahr von Mobbing. «Es war noch nie so einfach, andere zu beleidigen, herunterzumachen und zu demütigen, ohne dabei seine eigene Identität offenbaren zu müssen», sagt Eckert. «Eine App, die gezielt zu anonymen Bewertungen einer Person einlädt, öffnet einer solchen Form von Mobbing Tür und Tor.»

Sogar völlig Fremde können Kommentare hinterlassen

Gut fünf Millionen Nutzer hat die App weltweit, davon über eine Million im deutschsprachigen Raum. Entwickelt wurde sie von jungen Programmierern in Berlin. Das Prinzip: Man legt einen Account an, bekommt einen Link, der wie ein Briefkasten funktioniert, und verschickt ihn an Mitschüler in der Klasse, Freunde und Bekannte. Über einen öffentlichen Link können aber auch völlig Fremde Kommentare hinterlassen. Die Post, die man erhält, ist zunächst privat – doch sobald man auf eine Nachricht antwortet, wird sie für alle sichtbar. Auch die fiesen Bemerkungen. «Würdest du mich daten?», postet eine 15-Jährige auf ihrem Profil. Einer schreibt giftig zurück: «Nö!»

Auch Zoff zwischen ganzen Gruppen wurde schon über Tellonym angefacht. So zum Beispiel bei zwei rivalisierenden Gangs aus Dietikon ZH und Spreitenbach AG. «Dietikon wird Spreitenbach auffressen, Spreiti-Kinder, ihr seid Hurensöhne!», schrieb einer aus Dietikon. Der Streit eskalierte im letzten März und artete in eine Massenschlägerei aus, die schweizweit für Schlagzeilen sorgte. Vor dem Shoppingzentrum Tivoli in Spreitenbach gingen 30 Jugendliche aufeinander los.

Die Macher der App versichern, dass sie viel tun, um die Jugendlichen zu schützen. «Wir sind uns unserer Verantwortung vollständig bewusst und sehr aktiv im Kampf gegen jegliche Form von unangebrachtem Verhalten», sagt Tellonym-Gründer Maximilian Rellin. So gebe es Algorithmen, die unangebrachtes Verhalten erkennen und entfernen. Doch die Erfahrung zeigt, dass regelmässig schlimme Beleidigungen durch die Maschen schlüpfen.

«Man weiss nie, wer es war, und fängt an zu spekulieren.»

Auch Dagmar Pauli, Chefärztin der universitären Zürcher Kinder- und Jugendpsychiatrie, weiss von Teenagern, die auf Tellonym beleidigt wurden. Problematisch an dieser App sei vor allem die Anonymität, sagt Pauli. «Man weiss nie, wer es war, und fängt an zu spekulieren – letztlich kann es jeder gewesen sein.»

Heranwachsende seien in den sozialen Medien aktiv, weil sie durch Feedback erfahren möchten, wer sie sind und wie man sie findet. Gerade empfindliche Jugendliche, die sich bereits in einer Krise befänden, suchten in den sozialen Medien immer wieder nach Bestätigung. «Sie lassen sich besonders stark von negativen Bewertungen der eigenen Person herunterziehen», sagt Pauli: «Die Schwächsten trifft es am stärksten.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 19.01.2020, 00:10 Uhr

Artikel zum Thema

So mobbt die Snapchat-Jugend

Der Cybermobbing-Fall mit möglicher Suizidfolge in Dietikon schockiert die Schweiz. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Jugendliche zum Thema befragt. Experten fordern ein Umdenken in der Prävention. Mehr...

Das Mobbing kehrt wieder auf den Pausenplatz zurück

Zürcher Jugendliche haben einen Teil ihrer sozialen Aggressionen aus dem Internet wieder in die «reale Welt» verlagert. Mehr...

Instagram birgt bei Jungen hohes Suchtrisiko

Experten warnen, dass Social-Media-Plattformen für Heranwachsende eine Gefahr sein können. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...