Eine Ode an den Editor

Eines der grossartigsten Windows-Programme wurde in 26 Jahren kaum verändert. Und das ist gut so.

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Bei Windows ist seit Menschengedenken ein Malprogramm namens Paint mit dabei. Kinder benutzen es, um den Gebrauch der Maus zu üben. Ansonsten schläft es einen Dornröschenschlaf auf den Festplatten dieser Welt. Denn was man als Ungeübter mit einem Softwarepinsel hinbekommt, ist keine Augenweide. Künstlerische Ambitionen lebt man besser mit einem Tablet und einer Software wie Microsofts Fresh Paint aus.

Doch nun hat Microsoft völlig überraschend ein Video veröffentlicht, in dem sich das angestaubte Paint als frisches, modernes Hipster-Programm präsentiert. Mit der neuen Version wird man auf dreidimensionale Objekte malen und virtuelle Räume gestalten können.

Da packt mich die nackte Angst! Hoffentlich kommt Microsoft jetzt bloss nicht auf die Idee, ein anderes Windows-Zubehör auf modern zu krempeln! Der Windows Editor wäre ein Kandidat. Er ist annähernd unverändert, seit ich Windows-PCs benutze: Seit Windows 3.1 – veröffentlicht im Frühjahr 1990 – hat der Editor zwei sichtbare Updates erfahren. Die Menüs wurden etwas umgebaut. Und es gibt eine Statusleiste am unteren Fensterrand sowie eine Möglichkeit, die Schrift zu ändern.

Maximal minimalistisch

Ansonsten hat der Editor (oder Notepad, wie er im Original heisst) sämtlichen Erneuerungsversuchen getrotzt. Die Multimedia-Ambitionen von Windows XP sind ebenso an ihm vorbeigezogen wie der «Ribbon» – die Multifunktionsleiste, mit der Microsoft die klassischen Menüs ersetzte. Und auch unter Windows 10 ist der Editor so minimalistisch, wie ein Windows-Fenster nur sein kann. Damit ist er fast schon wieder modern. Denn nach den aufwendigen Grafikeffekten früherer Versionen ist bei Windows 8 und 10 ein schnörkelloser, reduzierter Look angesagt.

Notepad bearbeitet Textdateien, die ohne Formatierungen à la Word auskommen. In der Systemadministration, Software- und Webentwicklung editiert er Konfigurations- und Quelldateien. Natürlich gibt es längst bessere Programme, die Syntax Highlighting beherrschen, mit riesigen Dateien effizient umgehen, Makro-Steuerung und reguläre Ausdrücke beherrschen, Dokumente versionieren und vieles mehr. Aber eben: Sie sind nicht so schlank wie Notepad, starten nicht so rasant, sind nicht so unglaublich unablenkend.

Ja, ich verwende oft Notepad, um Artikel, Blogbeiträge oder Manuskripte zu schreiben. Es ist in dem Programm unmöglich, sich an einem nebensächlichen Detail festzubeissen, wie der Frage, ob man eine Passage mit Fettdruck oder Unterstreichung hervorheben soll oder ob man ein Bildchen zentriert platziert oder in den Text einklinkt. Das Einzige, was man mit Notepad tun kann, ist, seinen Text zu schreiben. Und das ist meistens auch genau das, was man tun sollte.

Die «Fans of Notepad»

Ich bin mir bewusst, dass die seit 26 Jahren anhaltende Treue etwas exzentrisch wirkt. Aber ich weiss, dass ich nicht allein bin. Auf Facebook gibt es eine (leider arg vernachlässigte) Seite namens «Fans of Notepad». Es existieren mehr oder minder gelungene Adaptionen für Android und das iPad. Und die bekannte Techjournalistin Mary Jo Foley achtet bei Laptoptests prinzipiell darauf, wie angenehm es sich in Notepad schreibt.

Der Editor nahm, schon 1990, die Philosophie einer guten Smartphone-App vorweg: Keine Flut an Befehlen, null marketinggetriebenes Imponiergehabe, sondern Nüchternheit und Funktionalität. Steve Jobs hat schliesslich gesagt, dass «Innovation bedeutet, zu 10'000 Dingen Nein zu sagen». Zugegeben – Innovation bedeutet auch nicht, gleich zu allem Nein zu sagen. Darum würde ich mich nicht dagegen sperren, wenn Microsoft auf die Idee kommen sollte, zum Beispiel eine Rechtschreibkorrektur einzubauen ... (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2016, 16:31 Uhr

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