FBI hackt iPhone: Was das nun für den Kryptokrieg bedeutet

Das FBI hat das iPhone des San-Bernardino-Attentäters ohne Apples Hilfe geknackt. Das ist wegweisend – in verschiedenen Bereichen.

In einem Fernsehinterview hat Tim Cook die verlangte Software zum iPhone-Knacken mit Krebs verglichen.

In einem Fernsehinterview hat Tim Cook die verlangte Software zum iPhone-Knacken mit Krebs verglichen. Bild: Screenshot: TA

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Das FBI hat es geschafft und das iPhone des Attentäters von San Bernardino geknackt, so teilt es das US-Justizministerium mit. Der Rechtsstreit um die von den Behörden geforderte Software ist beendet. Tim Cook steht als Sieger da: Er hat sich für die Kunden in die Bresche geworfen und gewonnen. Apple muss keine Software zur Unterwanderung des Passcodes von Syed Farook bereitstellen. Der vom Apple-Chef befürchtete Präzedenzfall wird nicht geschaffen. Das feiert Apple auch in einem Statement: «Diese Klage hätte niemals erhoben werden sollen.»

Doch auch für Apple ist der Sieg getrübt: Der Weltöffentlichkeit ist spätestens jetzt klar, dass die Sicherheit eines Smartphones eine relative Angelegenheit ist. iPhones lassen sich knacken – ob mit oder ohne Hilfe des Herstellers. Und ganz nebenbei haben Apple-Kunden auch mitbekommen, dass ihre in der iCloud gespeicherten Informationen den Strafverfolgungsbehörden problemlos zugänglich gemacht werden können: Bei der Herausgabe der online gespeicherten Datensicherung hatte Apple kooperiert. Der Disput war nur entstanden, weil die Datensicherung des iPhones in der Cloud nicht vollständig gewesen war.

Wie hat das FBI es gemacht?

Interessant wäre jetzt zu wissen, wie genau das FBI an die Daten herangelangt ist – und wie gross der Aufwand dafür war. Einige Experten halten es für wahrscheinlich, dass eine NAND-Spiegelung vorgenommen wurde. Der Forensik-Experte Jonathan Zdziarski erklärt in seinem Blog, weswegen er nach dem Ausschlussverfahren diese Erklärung für wahrscheinlich hält. Bei dieser Technik wird der Inhalt des Speicherchips gesichert. Wenn das Telefon ihn nach 10 fehlerhaften Passcode-Eingaben löscht, kann er wiederhergestellt werden. Daraus ergibt sich eine unbeschränkte Zahl von Knackversuchen. Andere Experten sind skeptisch. Die Methode sei zu zeitaufwendig, um innert nützlicher Frist Resultate zu liefern.

Auch wenn die Weltöffentlichkeit den Trick des FBI wohl nicht erfahren wird, ist es doch wahrscheinlich, dass der Aufwand beträchtlich war. Telefone sind zwar knackbar, aber die Methode dürfte sich nicht so einfach reproduzieren lassen, dass sie routinemässig bei Bagatelldelikten oder sogar zur Massenüberwachung zum Einsatz kommen kann. Und das ist gut so: Je grösser der Eingriff in die Privatsphäre, desto höher muss die Hürde sein.

Ein «Schauprozess»?

Edward Snowden weist in einem Tweet auf einen weiteren Punkt hin: Die Journalisten sollten sich daran erinnern, dass die Regierung über Monate behauptet hätte, das Knacken des Telefons sei ohne Apples Kooperation nicht möglich, obwohl die Experten Gegenteiliges gesagt hätten.

Viele Beobachter vermuten, dass die US-Regierung diesen Fall gezielt benutzen wollte, um das sogenannte «Going Dark»-Problem ein für alle Mal zu lösen: Das FBI fühlt sich durch die Sicherheitsmassnahmen wie die Datenverschlüsselung daran gehindert, Durchsuchungsbeschlüsse zu vollstrecken, weil die technischen Möglichkeiten fehlen. «Bewaffnet mit der Autorität des Gesetzes, stellen wir immer häufiger fest, dass wir nicht tun können, wozu uns die Gerichte ermächtigt haben: Nämlich Informationen zu sammeln, die von Terroristen, Kriminellen, Pädophilen und bösen Menschen aller Couleur stammen», wird FBI-Chef James Comey auf der eigenen Website zitiert.

Viele Beobachter hatten sich von dem Fall eine höchstrichterliche Entscheidung darüber erhofft, wie viel der Schutz der Privatsphäre auch bei terroristischen Ermittlungen wert ist. Diese Entscheidung bleibt nun aus – und das Katz-und-Maus-Spiel geht weiter. Apple dürfte darum bemüht sein, die Sicherheit seiner Telefone weiterhin zu erhöhen. Ein sinnvoller Schritt scheint nun die Absicherung der iPhone-Back-ups in der iCloud zu sein: Diese Tür steht den Ermittlungsbehörden, so hat es der Fall gezeigt, sperrangelweit offen. Falls Apple diesen Weg geht, ist eine erneute Konfrontation mit dem Justizdepartement unvermeidlich.

Erstellt: 29.03.2016, 11:59 Uhr

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