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Alle 15 Minuten eine Vergewaltigung – Indien rüstet auf

Entstehen soll ein gigantisches System zur Gesichtserkennung. Gegen Verbrechen – und ohne Rücksicht auf den Datenschutz.

Die Software soll helfen, Verbrecher, verschwundene Personen und Leichen zu identifizieren und Verbrechen verhindern. Symbolbild: Reuters
Die Software soll helfen, Verbrecher, verschwundene Personen und Leichen zu identifizieren und Verbrechen verhindern. Symbolbild: Reuters

Gesichtserkennung in einem Café: Käme man in Europa auf diese Idee, würden wohl viele Kunden wegbleiben. Aber in Indien finden das etliche Besucher cool und trendy. Zumindest sagt das die junge Verkäuferin Surya Gupta. Sie arbeitet in der Hauptstadt Neu Delhi für die Cafékette Chaayos, die seit kurzem mit der Technologie experimentiert.

Zweitbevölkerungsreichstes Land

Willigt der Kunde ein, schiesst eine Kamera beim Kauf ein Foto von ihm, erkennt ihn bei kommenden Besuchen wieder und schreibt automatisch Treuepunkte gut. Der Gesichtserkennungstechnologie trauen in Indien deutlich mehr Menschen als in Europa. Das zeigen auch Umfragen. Und nun plant die indische Regierung den Aufbau eines der grössten Gesichtserkennungssysteme der Welt. Es soll zentral Bilddatenbanken von Behörden zusammenführen – und da gibt es viele Daten.

Denn Indien ist mit 1,3 Milliarden Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land. Auch Fotos aus Zeitungen und Fahndungsbilder sollen ins System integriert werden. Und dieses soll Aufnahmen von Überwachungskameras mit den Datenbanken abgleichen und Alarm schlagen, wenn es gesuchte Menschen findet.

Leichen identifizieren – Verbrechen verhindern

Die Software soll helfen, Verbrecher, verschwundene Personen und Leichen zu identifizieren und Verbrechen verhindern. So zumindest steht es in einem Ausschreibungsdokument. Firmen, die das Projekt umsetzen wollen, können bis Ende Januar ihre Offerten einreichen. Doch die Umsetzung wurde schon mehrfach verzögert. Der für das Projekt Verantwortliche Prasun Gupta von der zuständigen Behörde im Innenministerium erklärt, man sei sich mehrerer sensibler Fragen bewusst.

So warnen indische Datenschutzaktivisten und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch, dass das geplante System die grösste Demokratie der Welt zu einem Überwachungsstaat machen könnte. «Es ist ein System, das an öffentlichen Plätzen massenweise Daten sammelt ohne einen spezifischen Verdacht», sagt der Chef der indischen Organisation Internet Freedom Foundation, Apar Gupta.

Es sei unklar, wie die Daten anschliessend gespeichert und genutzt würden. Ausserdem gibt es in Indien kein robustes Datenschutzgesetz und keinen rechtlichen Rahmen für das System, was das Recht auf Privatsphäre beeinträchtige, sagt Amnesty-International-Sprecherin Nazia Erum. Kürzlich erst nutzten indische Polizisten Gesichtserkennungstechnologie bei Protesten und Kritiker fürchteten, dass sie damit Profile von Demonstranten erstellten.

Biometrische Datenbank integrieren

Datenschutzaktivist Gupta glaubt zudem, dass Indiens bereits sehr grosse biometrische Datenbank ins geplante System integriert werden könnte. Dort sind bei etlichen Bürgern neben Fingerabdrücken auch viele weitere Daten wie Steuerinformationen und Online-Käufe verknüpft. Eine Integration bestreitet die zuständige Behörde zwar, überzeugt damit aber nicht alle Kritiker – auch weil die Regierung regelmässig das Internet abstellt, um Proteste zu verhindern.

Algorithmen haben mehr Mühe, Frauen und dunkelhäutige Menschen richtig zu erkennen als weisse Männer, wie Untersuchungen zeigen.

Andere argumentieren, dass Gesichtserkennungstechnologie teils noch recht fehleranfällig ist. Zwar arbeiten die Algorithmen bei perfekten Konditionen mit gutem Licht und Menschen, die frontal vor der Kamera stehen, sehr genau, wie Informatikprofessor Markus Dürmuth von der Universität Bochum sagt. Das ist beispielsweise bei den Gesichtsscannern, durch die wir am Flughafen laufen, um schneller durch die Grenzkontrollen zu kommen, der Fall.

Aber bei einem System wie in Indien, das an öffentlichen Orten Bildmaterial sammelt, wo Menschen nicht bewusst gefilmt werden wollen und sie gar markante Brillen oder viel Make-up tragen, wird es für die Software schwieriger, sagt Dürmuth. Dann markierten Algorithmen viele Menschen als verdächtig, die gar nicht gesucht würden und fänden gleichzeitig etliche echte Gesuchte nicht. Das sah man etwa bei Tests der Polizei am Berliner Bahnhof Südkreuz mit freiwilligen Testpersonen und in London mit gesuchten Verdächtigen. Ausserdem haben Algorithmen mehr Mühe Frauen und dunkelhäutige Menschen richtig zu erkennen als weisse Männer, wie Untersuchungen zeigen.

Doch der technologische Fortschritt geht weiter – auch wenn man im Westen gerade mehr über die Risiken und Gefahren von Gesichtserkennung spricht als in Indien. So verbot etwa San Francisco seiner Polizei, entsprechende Software zu nutzen.

Inder interessiert Datenschutz nicht

Gesichtserkennungssysteme funktionieren grundsätzlich besser, je mehr Überwachungskameras installiert sind. Noch hat Neu Delhi auf die Einwohner gerechnet rund zwölf Mal weniger Kameras, als etwa die chinesische Millionenmetropole Shanghai, heisst es auf der Internetsicherheits-Seite Comparitech. Doch die indische Hauptstadt möchte aufrüsten und führend in Sachen Videoüberwachung werden, wie ein Sprecher der Lokalregierung sagt. Das schaffe mehr Sicherheit – auch für Frauen. Im Land wird nach offiziellen Zahlen alle 15 Minuten eine Frau oder ein Mädchen vergewaltigt. Und fragt man auf den Strassen in Neu Delhi, finden viele die zusätzlichen Kameras gut.

«Die Regierung kann so viele Kameras installieren, wie sie will», sagt etwa Ladenbesitzer Bharat Bhushan. «Uns Inder interessiert Privatsphäre nicht, die Sicherheit unseres Lebens und unseres Besitzes sind wichtiger.»

SDA/step

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