Plötzlich nett

Microsoft, das war Steve Ballmer mit geballter Kraft. Nun ist Satya Nadella am Ruder – und der Techriese wird liebenswert, beweglich, offen. Symbol dafür: Eine faltbare Tastatur.

Unauf­geregt, zurückhaltend, weltgewandt: Satya Nadella, CEO von Microsoft. Foto: Robert Galbraith (Reuters)

Unauf­geregt, zurückhaltend, weltgewandt: Satya Nadella, CEO von Microsoft. Foto: Robert Galbraith (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach der Microsoft-Pressekonferenz in Barcelona gibt die faltbare Tastatur am meisten zu reden. Nicht weil sie praktisch ist, ­sondern weil man sie mit jedem Tablet oder Smartphone verwenden kann, egal welches Betriebssystem darauf läuft. Das ist so neu, wie genial. Und ganz Satya Nadella.

Dieses Über-den-Tellerrand-hinaus-Denken, Über-das-eigene-Ökosystem-Hinausgehen, diese Offenheit gegenüber anderen Platt­formen zum Besten des Kunden, ist ein Novum für Microsoft, und eine Seltenheit in der Welt der Computer überhaupt. Deshalb ist die Tastatur ein Sinnbild dafür, was sich beim grössten Softwarehersteller derzeit tut. Microsoft wandelt sich.

Das notwendige Übel wird plötzlich liebenswert, beweglich, offen. Schuld ist der gebürtige Inder Nadella, der seit gut einem Jahr die Geschicke des Softwarekonzerns lenkt. Das deutlichste Zeichen seiner Führerschaft ist sein Wille, die Produkte von Microsoft auch im mobilen Zeitalter unter möglichst viele Leute zu bringen, um jeden Preis. Wenn es sein muss, fällt er dafür auch Entscheide gegen den eigenen Konzern.

Dabei wirkt Nadella so geschmeidig. Vor einem Jahr besuchte er Zürich, um seine Botschaft «Mobile first, cloud first» zu verkünden. Ein feingliedriger Mann mit wachem Blick und heller Stimme. Unauf­geregt, zurückhaltend, weltgewandt. So ganz anders als sein polternder Vorgänger Steve Ballmer.

Aus den selbst angelegten Fesseln befreit

Dieser hatte in der Vergangenheit einige Fehler zu verantworten. Unter seiner Führung haben die Redmonder wichtige Entwicklungen wie Open Source, das Smartphone, die Datenwolke, Suchdienste und Soziale Netzwerke verschlafen. Kunden hatten ­Microsoft längst abgeschrieben, Innovationen waren aus Seattle keine mehr zu erwarten.

Dafür klammerte sich Ballmer viel zu lange ans Lizenzgeschäft und verdiente bequemes Geld mit dem Verkauf von regelmässig erneuerten Betriebssystemen für PC und Server sowie Officeprogrammen. Und genauso wie er darauf bestand, dass seine Mitarbeiter ­Microsoft-Geräte benutzten, wehrte er sich mit Händen und Füssen gegen ein Office für andere Plattformen wie iOS.

Seit einem Jahr ist Nadella ­dabei, Microsoft aus den selbst angelegten Fesseln zu befreien. Das geht Schlag auf Schlag. Im März 2014 wurden die Officeprogramme Word, Excel und Powerpoint fürs iPad freigegeben, später kamen Versionen für Android dazu und mit One Drive wurde das Geschäft mit Onlinespeicher forciert. Seit April gibt es Windows kostenfrei für Hersteller kleiner Tablets, im Mai kam es zu diversen Kooperationen, etwa mit Salesforce, dem langjährigen Erzkonkurrenten im Cloudgeschäft.

Ziel ist eine geräteunabhängige Softwareplattform

Nadella ging Kooperationen ein und auf Einkaufstour. Er kaufte die Minecraft-Entwicklerbude Majong fürs Publikum von morgen, die populäre Kalender-Software Sunrise und das Start-up Accompli, auf dem die kürzlich lancierte Outlook-App für iOS basiert. Die Apps sind kostenlos und verfügen über alle zentralen Funktionen.

Mit der Sprachtechnologie Cortana, dem Übersetzerdienst Skype Translator und vor allem der Virtual-Reality-Brille Hololens schliesslich bringt sich Nadella geschickt als Innovator ins Gespräch und liefert den Glamour, welcher dem alternden Koloss so lange ­gefehlt hatte.

Dass sich der 47-Jährige Visionen bewahrt hat, ist erstaunlich für einen, der seit über 20 Jahren in derselben Firma arbeitet. Weniger überraschend ist, dass Windows seine wichtigste bleibt. Windows 10, für diesen Herbst erwartet, ist mit seinen Neuerungen der zentrale Schritt in der Wandlung von einem Unternehmen mit einem auf PC basierten Geschäftsmodell hin zu einer geräteunabhängigen Softwareplattform. Um so grösser ist der Marketingaufwand, den ­Microsoft dafür betreibt. Auch vergangene Woche in Barcelona.

«Mit Windows 10 wollen wir ein Betriebssystem schaffen, das den Nutzern auf allen unseren Geräten nahtlos das gleiche Erlebnis bietet, egal ob sie ein Smartphone, einen PC oder etwas dazwischen verwenden», sagt Greg Sullivan, leitender Produktmanager für Windows Phone, zu einer Handvoll Journalisten.

«Entwickler müssen App nur einmal schreiben»

Deshalb wird es für Windows 10 Universal-Apps geben, die auf allen Geräten laufen und sich automatisch an die Bildschirmgrösse anpassen. «Entwickler müssen dann eine App nur einmal schreiben», sagt Sullivan.

Wichtig ist, dass möglichst viele der weltweit 1,5 Milliarden Windows-Nutzer Windows 10 installieren. Microsoft gibt deshalb an alle Windows 7 und 8.1-Nutzer das Update kostenlos ab. Auch Smartphones mit Windows 8.1 werden gratis auf die neue Plattform upgraden können. Viele Leute werden das tun. Wenn das passiert, so hofft Sullivan, springen auch die Entwickler auf: «Mehr Apps werden wiederum mehr Nutzer für Windows begeistern und so weiter. Plötzlich ist die kritische Masse erreicht.»

Das hört sich gut an. Ob Apps auf einer Xbox und einem Tablet wirklich dasselbe Nutzererlebnis bieten können, ist zweifelhaft. Erste Partner lassen sich von Nadellas Schwung aber anstecken. Acer, Alcatel, LG und der Chiphersteller Intel haben angekündigt, ­Windows 10 ebenfalls auf Smartphones zu unterstützen.

Auch bei der Zürcher Kantonalbank beurteilt man Microsofts ­Zukunft günstig: «Wir sehen den Wechsel von Ballmer zu Nadella klar positiv, vor allem weil Nadella die Produkteteams freier arbeiten lässt, ihnen mehr Verantwortlichkeit überträgt und Office für andere Systeme freigab», sagt Analyst Christian Fröhlich. Ob Windows trotz der Befreiung von Office höhere Marktanteile bei mobilen Betriebssystemen ­erreichen kann, sei nicht sicher. Windows 10, das neu alle Geräteklassen unterstützt, erreiche eine Kompatibilität und Breite, die andere Systeme nicht bieten können: «Deshalb ­stehen die Chancen für höhere Marktanteile deutlich ­besser als auch schon.»

Erstellt: 09.03.2015, 09:55 Uhr

Microsoft: Seit 14 Jahren ohne Topseller

2010
Flop: Kin Phone
Das Smartphone speziell zum Chatten schaffte es nie bis nach Europa.

2006
Flop: Zune
Der MP3-Spieler hatte gegen Apples iPod nie eine Chance und verschwand sang- und klanglos.


Flop: Windows Vista
Obwohl mehr als ein halbes Jahrzehnt Entwicklungsarbeit drinsteckte, blieb das System in den Läden liegen: zu teuer, zu rechenintensiv.

2004
Flop: Spot Smartwatch
Die Uhren von Tissot, Fossil oder Swatch basierten auf dem MSN-Direct-Netzwerkdienst und wurden 2008 wieder eingestellt.

2001
Top: Xbox
Mit der Xbox gelang dem Softwarekonzern der erfolgreiche Eintritt in den Hardwaremarkt und gleichzeitig ins Game-Geschäft.


Top: Windows XP
Das erste Betriebssystem für den Massenmarkt, das Windows NT unterstützte, war fast ein Jahrzehnt aktuell.

1992
Top: Windows 3.1
Das Betriebssystem mit der unvergesslichen Oberfläche (Stichwort «Minesweeper») legte mit 32-Bit-Grafik, Windows-Sounds und Bildschirmschoner den Grundstein zur jahrelangen Dominanz des populären OS.

1989
Top: Microsoft Office
Das Softwarepaket kam zuerst für den Apple-Rechner auf den Markt, ein Jahr später für den PC. Es ist das am meisten verbreitete Bürosystem in den USA und Europa.



1981
Top: MS-DOS
Microsofts erstes Betriebssystem für den x86-PC war bis Mitte der 90er-Jahre das Hauptbetriebssystem auf IBM-Computern.

Artikel zum Thema

Was der neue Microsoft-Chef anders machen will

Microsoft-Chef Satya Nadella machte bei seiner Europa-Tour auch Halt in der Schweiz und legte seine Strategie dar. Mehr...

Gutes Karma, guter Lohn

Analyse Satya Nadella, der neue Microsoft-Chef, verdient 84 Millionen im Jahr. Frauen ruft er zu Bescheidenheit auf. Mehr...

Der Lohnexzess bei Microsoft

Erst noch riet Satya Nadella Frauen ab, nach mehr Lohn zu fragen. Nun das: 84,3 Millionen Dollar stehen auf dem Lohnzettel des Microsoft-Bosses. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Geldblog Schlechter Zeitpunkt für grosse Investitionen

Sweet Home Trost aus der Pfanne

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...