Sprechen Sie noch COBOL?

Veraltete Programmiersprachen überleben länger, als man glaubt. Das wird zum Problem.

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Wenn Sie heute eine Zahlung über Ihr Handy erledigen, wirkt das zwar hochmodern. Aber die Chance ist gross, dass die Transaktion nur dank einer Programmiersprache funktioniert, die schon bald 60 Jahre alt ist. COBOL, «Common Business Oriented Language», wurde 1959 entwickelt, um Geschäftsvorgänge auf Grosscomputern abwickeln zu können. (Alle Buchstaben werden grossgeschrieben, weil zur Entstehungszeit die Computer keine Kleinbuchstaben lesen konnten.) Die Sprache hat sich aus der Zeit der Lochkarten ins iPhone-Zeitalter hinübergerettet. Und, wichtiger: Sie bildet immer noch das Rückgrat der Computertechnologie einer Mehrheit aller Banken weltweit und einer Vielzahl weiterer Firmen. Fast alle Bancomaten bauen immer noch auf die Technologie aus der Computersteinzeit.

Erstaunlich ist das nur auf den ersten Blick. COBOL hat sich in den letzten sechs Jahrzehnten als robuste und doch flexible Steuerungssprache für Abermilliarden von Transaktionen bewährt. Für die IT-Chefs grosser Banken kann die Ablösung unendliche schlaflose Nächte bereiten. Als die australische Commonwealth Bank ihr COBOL-System durch ein moderneres ersetzte, dauerte das fünf Jahre und kostete umgerechnet 800 Millionen Franken. Und die Pannen waren desaströs: Ein Computerausfall führte zum Verlust von 600'000 Zahlungsaufträgen.

Risiken grösser als Kosten der Ablösung

Aber die Uhr tickt auch für COBOL. Das Internet beruht heute auf den Programmier­sprachen Java, Java-Script, PHP und ihren noch moderneren Ablegern. Programmierer lernen heute kaum noch COBOL. Bald werden die Risiken, veralteter IT-Technologie treu zu bleiben, grösser sein als die Kosten der Ablösung. Und dann kommt die Erneuerung bestimmt.

Das ist eine Warnung an Bildungspolitiker. Wer verlangt, schon Erstklässler «sollen programmieren lernen», verkennt: Anders als Englisch und Chinesisch haben Programmiersprachen Ablaufdaten. Sogar COBOL landet bald auf dem Misthaufen der IT-Geschichte. Wer Kinder für die Digitalisierung fit machen will, muss fundamentale Prinzipien der Datenverarbeitung schulen – und nicht eine einzelne Programmiersprache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 21:25 Uhr

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