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Gesundheits-Apps können vor allem jüngere Menschen motivieren, sich mehr zu bewegen und gesünder zu leben. Vorsicht geboten ist jedoch bei medizinischen Anwendungen.

 Beschwingt in Bewegung: Die neuen Technologien können zu einem gesünderen Lebensstil motivieren. Foto: Mode Images, Alamy

Beschwingt in Bewegung: Die neuen Technologien können zu einem gesünderen Lebensstil motivieren. Foto: Mode Images, Alamy

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Sieben Stunden hat Ursula Meidert letzte Nacht geschlafen. Davon zwei Stunden tief und fünf mittel bis leicht. Zwischen fünf und sechs Uhr lag die 44-Jährige für eine halbe Stunde wach. Darauf zumindest lässt die Darstellung auf ihrem Handy-Display schliessen. «Verlässlich ist diese Aufzeichnung nicht», weiss die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Denn die Daten wurden lediglich aufgrund der Bewegungen und des Pulsschlags erhoben, die das Band an ihrem Handgelenk registriert. Um wirklich zu erfahren, wann man wie tief schläft, müsste man die Hirnströme messen. Das ist nur in einem Schlaflabor möglich.

Dennoch findet Meidert das täglich dargestellte Diagramm informativ. Die Soziologin interessiert sich freilich nicht nur aus persönlichen, sondern vor allem auch aus beruflichen Gründen für den um sich greifenden Trend der Selbstvermessung: Im Auftrag des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) des Bundes, das sich mit Chancen und Risiken neuer Entwicklungen befasst, hat sie mit ihrem Team an der ZHAW untersucht, welche Auswirkungen Gesundheits-Apps auf die Gesellschaft haben können. Denn immer mehr Menschen messen ihre Körperfunktionen wie Puls und Schlaf; sie halten ­Ernährungsgewohnheiten, Stuhlgang, Menstruationszyklus, körperliche Beschwerden, Stimmung und Stresslevel sowie Sexualität und Verhütung auf ihrem Handy oder Tablet fest. Viele stimmen die Daten zudem mit Fitness-Trackern ab, die Schritte zählen, sportliche Aktivitäten registrieren und daraus den Kalorienverbrauch ermitteln.

Potenzial für Prävention

Alles nur Spielerei? Nein. Wer abnehmen oder von der Zigarette loskommen möchte, profitiert erwiesenermassen von der Motivation dieser Anwendungen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls die Studie, die kürzlich in Bern ­vorgestellt wurde. Die Sichtbarkeit der eigenen Gesundheit in Zahlen und Grafiken führt, zumindest bei einem Teil der Bevölkerung, eher zu einer Verhaltensänderung als konventionelle Plakatkampagnen und TV-Spots.

Derzeit nutzen vor allem gebildete Menschen unter 29 Jahren regelmässig Fitness- und Wellness-Apps, von denen inzwischen unzählige angeboten werden. Die Beratungsfirma Pricewater­houseCoopers schätzt das Sparpotenzial durch die neuen Technologien in Europa auf fast 100 Milliarden Euro jährlich. Denn damit könnten die Risiken für ­Zivilisationskrankheiten erheblich gesenkt werden.

Vorsicht vor Medizin-Apps

Dass die Messungen häufig noch ungenau sind, spiele dabei kaum eine Rolle, sagt Studien-Mitverfasserin Meidert. Schrittzähler zum Beispiel registrieren häufig auch regelmässige Bewegungen beim Musizieren oder Kochen. In Tests lag die Fehlerquote bei 10 bis 20 Prozent. Auch Ernährungs-Apps können die Menge der Kalorien und Nährwerte nur aufgrund von Durchschnittswerten angeben. Im Fitness- und Wellnessbereich sei das nicht weiter bedenklich, sagt die Forscherin. «Gefährlich kann es aber bei medizinischen Anwendungen werden. Dann etwa, wenn eine App die Insulindosis für Diabeteskranke fehlerhaft berechnet oder einen bösartigen Hautkrebs nicht erkennt.» Letzteres sei in Tests verschiedentlich vorgekommen.

Bei der Auswahl medizinischer Apps ist die Empfehlung durch Patientenorganisationen hilfreich. Weiter sollte man vor dem Herunterladen einer neuen App einen Blick auf den Anbieter werfen. Hinter vielen Angeboten stecken nämlich kommerzielle Interessen wie etwa die von Herstellern von Sportartikeln oder Nahrungsergänzungsmitteln. «Die sind weniger an der Gesundheit der Benutzer interessiert, sondern in erster Linie an Daten und dem Absatz von Produkten», gibt Meidert zu bedenken.

«Der Arzt sieht seinen Patienten meist nur etwa zehn Minuten und erhält somit ­lediglich eine Momentaufnahme.»Ursula Meidert

Kombiniert mit Zusatzgeräten, die etwa den Blutzucker oder den Blutdruck messen, eröffnen Gesundheits-Apps aber durchaus neue Möglichkeiten. «Der Arzt sieht seinen Patienten meist nur etwa zehn Minuten und erhält somit ­lediglich eine Momentaufnahme», erklärt Meidert. Dagegen könne die Aufzeichnung von Werten rund um die Uhr ein viel umfassenderes Bild abgeben. Und wenn der Arzt die Vitalzeichen seiner Patienten stetig überwachen kann, wäre häufig eine ambulante statt stationäre Behandlung möglich.

Bis anhin nutzen aber nur wenige ­Gesundheitsfachleute gezielt entsprechende Applikationen, wie eine Befragung im Rahmen der ZHAW-Studie ergeben hat. Doch es gibt auch Ausnahmen. «Von den verschiedenen Apps finde ich die zur Blutdruckkontrolle sinnvoll», sagt Martin Schär, Hausarzt in einer ­Gemeinschaftspraxis in Muri bei Bern. «Ebenfalls hilfreich sind solche zur Kontrolle des Blutzuckers und des Gewichts.» Und Bruno Kissling, alteingesessener Berner Hausarzt im Pensionsalter, registriert seine eigenen Werte selbst auf einer App – und hat so auch schon Patienten animiert, es ihm gleichzutun.

Wo bleibt das Körpergefühl?

Auch für die Forschung hat die gigantische Datenmenge viel Potenzial: Der Aufwand für umfassende Studien könnte markant gesenkt werden. Für breitere Anwendungen im Gesundheitsbereich müsste indes zuerst der Datenschutz gewährleistet sein. Um Trans­parenz in Sachen Qualität und Datenschutz zu schaffen, empfiehlt die Studie die Einführung eines Gütesiegels.

Einstweilen dienen die digitalen Coaches vor allem der persönlichen Motivation. Manchmal könne aber auch das Gegenteil eintreten, mahnt Forscherin Ursula Meidert: «Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzen muss und weit entfernt ist von den empfohlenen täglichen 10'000 Schritten, kann das frustrieren.» Es bestehe die Gefahr einer Leistungsorientierung, die zu mehr Stress führt. Zudem befürchtet sie, dass sich immer mehr Menschen nur noch auf die Vermessung verlassen und dabei das natürliche Körpergefühl verlieren.

Ursula Meidert fühlt sich heute jedenfalls kein bisschen müde, obwohl sie gemäss Aufzeichnungen nicht ganz auf die idealen acht Stunden Schlaf gekommen ist.

> Hier gehts zur vollständigen Studie

Erstellt: 15.04.2018, 18:18 Uhr

Diese Apps sind empfehlenswert

BlutdruckDaten

Diese deutsche App (Entwickler: Horst Klier) wird unter anderem von der österreichischen Hochdruckliga empfohlen für alle, die regelmässig ihren Blutdruck messen müssen. Einfach zu bedienen, die manuell oder per Bluetooth erfassten Daten können komfortabel dem behandelnden Arzt übermittelt werden (Android und iOS, gratis).

Yoga.com Studio

Die laut Angaben des Herstellers (Nelurra Holdings) weltweit beliebteste Yoga-App bietet 45 kurze und längere Standardprogramme. Zudem kann man aus einer Auswahl an 300 Asanas und Atemübungen ein individuelles Programm zusammenstellen. Erfahrungen und Fortschritte hält man in einem eigenen Yoga-Tagebuch fest und teilt sie bei Bedarf mit einer grossen Community (Android, kostenlos, und iOS, 4 Fr.).

Pollen-News

Die vom Allergiezentrum Schweiz entwickelte App arbeitet mit Daten von Meteo Schweiz und informiert Allergiker jederzeit darüber, wo wie viele Pollen fliegen und welche Pflanzen gerade blühen. Nebst vielen anderen Infos zeigt ein Schnupfentest auf, ob man eher an einer Erkältung leidet oder unter Heuschnupfen (Android und iOS, gratis).

Physio Vital

Dieser «digitale Physiotherapeut» unterstützt insbesondere ältere Menschen dabei, beweglich zu bleiben, oder hilft, nach einer Verletzung wieder mobil zu werden. Die vom Pharmaunternehmen Novartis entwickelte App bietet 50 verschiedene Videos mit Vorsorge- und Therapieübungen, die von Martin Gruber, Teamarzt des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), zusammengestellt wurden (Android und iOS, gratis).

Smokefree Buddy App

Ehemalige und aufhörwillige Raucher unterstützen einander gegenseitig, in angespannten Situationen standhaft zu bleiben: Für die Rauchentwöhnung empfiehlt etwa die Krebsliga diese Methode, die auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Entwickelt wurde die App vom Bundesamt für Gesundheit (Android und iOS, gratis).

myFitnessPal

Eine empfehlenswerte App, um Kalorien zu zählen und das gewünschte Körpergewicht zu erreichen. Sie wird unter anderem von der Diabetesgesellschaft Schweiz empfohlen. Für Diabetes-Betroffene führt die Organisation auf www.diabetesschweiz.ch zudem diverse weitere Apps auf, die helfen, die Insulinmenge auf die Nahrungsaufnahme abzustimmen (Android und iOS, kostenlos). (as/wü)

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