Von der Garage in die Sackgasse

Einst Geburtshelfer des Silicon Valley und weltweit grösster PC-Hersteller: Hewlett-Packard. Jetzt kämpft die Firma ums Überleben.

Gründungsgarage: David Packard (l.) und William Hewlett gelten als Geburtshelfer des Silicon Valley.

Gründungsgarage: David Packard (l.) und William Hewlett gelten als Geburtshelfer des Silicon Valley. Bild: PD

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Es würde nicht verwundern, wenn Dave Packard jeden Moment durch die Tür hereinträte, sich an seinen Holzschreibtisch setzen würde und seinem Compagnon im Nebenraum durch die offene Verbindungstür ein beschwingtes «Good morning, Bill» zuriefe.

An der 1501 Page Mill Road in Palo Alto, Kalifornien, hat sich in den einstigen Büros der Gründer von Hewlett-Packard bis heute nichts verändert, wie ein Augenschein zeigt. An der Wand gerahmte Fotos mit persönlicher Widmung von Ex-US-Präsident George Bush Sen., auf dem Tisch alte Münzen, Federhalter und ein Exemplar des Taschenrechners HP-25. Dieser wurde wie der Inkjet-Drucker in den HP Labs entwickelt, die noch immer in der einstigen Firmenzentrale untergebracht sind. Heute forscht man hier unter Hochdruck an 3-D-Drucktechniken. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als HPs Überleben.

Dabei hat in den 1930er-Jahren alles so gut angefangen. Die Stanford-Absolventen Bill Hewlett und David Packard bauten in einer Garage – sie gilt heute als Geburtsort des Silicon Valley – nur wenige Autominuten von der Page Mill Road entfernt, ihren ersten Tonfrequenzgenerator und gründeten 1939 ihre Firma Hewlett-Packard.

Das grösste Problem von HP ist das Smartphone

HP entwickelte sich in den folgenden Jahren zum weltgrössten Computer- und Druckerhersteller, kam dann aber ins Trudeln. Vor genau einem Jahr spaltete sich die Firma auf: Die Unternehmens- und Datendienste gingen als HP Enterprises an die bisherige Chefin Meg Whitman, und die Hewlett-Packard Company wurde in HP Inc. umbenannt. CEO wurde der Australier Dion Weisler, der sich ums harte Geschäft mit PCs, Notebooks, Drucker, Kopierer kümmert. Rund 3000 Mitarbeiter hat er seit der Spaltung entlassen, eben kündigte er weitere 3000 bis 4000 Stellenstreichungen an.

Weislers grösstes Problem ist das Smartphone. Es ist schuld, dass niemand mehr PCs und Drucker will. Die beiden Märkte schrumpfen konstant, und daran wird sich auch in Zukunft trotz Hybridgeräten und Windows 10 nichts ändern, will man Analysten glauben.

Derzeit ohne Glanz: Das HP-Logo. Foto: Reuters

CEO Weisler muss sich also rasch etwas einfallen lassen, wenn der Dinosaurier überleben soll. Dass er kürzlich Samsungs Druckersparte kaufte, wird ihm gutgeschrieben. Doch das allein genügt nicht. Weisler muss den Konzern, dessen Erfolg weitgehend auf Geschäftsmodellen aus dem 20. Jahrhundert beruht – verkaufe günstige Drucker und teure Tinte – in ein Technologieunternehmen des 21. Jahrhunderts überführen. Dabei lässt er sich vom Innovationsgeist der Gründer leiten, wie er sagte, und vertraut auf seine HP Labs, die in den letzten 50 Jahren 19'000 Patente anmeldeten.

Dort setzt Shane Wall, Weislers CTO und globaler Leiter der Labs, voll auf 3-D-Druck respektive auf Flüssigkeiten, die er künftig durch die Düsen von HPs neuem 3-D-Drucker Multi Jet Fusion sprühen will. Wall, in lässigem Sakko, Jeans und weissem Hemd, erklärt HPs neues, einzigartiges 3-D-Druckverfahren, bei dem 2-D- und 3-D-Druck quasi kombiniert werden. Damit könne man Maschinenteile oder fertige Produkte erstellen: zehnmal schneller als mit bisherigen Techniken – und viel günstiger.

Muss sich rasch etwas einfallen lassen: CEO Dion Weisler. Foto: Getty Images

«In den nächsten 30 Jahren werden wir eine komplette industrielle Revolution sehen», sagt Wall und schildert den Wandel von der analogen zur digitalen Produktion. Mit dem herkömmlichen Herstellungsprozess vom Rohstoffeinkauf über Verschickung zu Produktionsstandorten bis zur Verteilung der Produkte in die Läden könnte es bald vorbei sein.

Stattdessen soll es Copyshops mit 3-D-Druckern geben, die Produkte oder Teile davon direkt dort, wo sie gebraucht werden, und nach Bedarf erstellen. Versand- und Lagerkosten etc. entfallen, teure Spritzgussformen werden überflüssig, im Medizinalbereich könnten Prothesen für Spezialfälle günstig am Computer designt und gedruckt werden.

Das Ganze steht und fällt mit der Fülle an Materialien und Flüssigkeiten, mit denen man drucken kann, etwa Keramik, Holz oder Metall. Dazu will man eine offene Plattform aufbauen und mit Partnern wie BASF zusammenarbeiten. Ein neues Geschäftsmodell? Man wolle viele Rohstofflieferanten, sie müssten sich nur zertifizieren lassen, damit die Drucker einwandfrei funktionierten, heisst es bei HP.

Die 3-D-Fertigung gewinnt dank HP an Schub

«Nicht herumgehen», lautet später die Anweisung beim Schnellbesuch in den Forschungsräumen, die HP erstmals Journalisten zugänglich macht. Fotografieren darf man auch nicht, zu gross ist die Angst vor Spionage. «Wir experimentieren mit Materialien, Farbe und Beschaffenheit der 3-D-Produkte», erklärt eine Forscherin in Windeseile, während sie an einer blau-weissen Spirale herumknetet. Ziel sei es, Teile zu drucken, die in sich unterschiedlich beschaffen, an der einen Stelle weich, am anderen Ende hart seien. Später will man auch Teile samt Bluetooth-Modulen in einem Fertigungsprozess printen.

Was es im Lab sonst noch etwa in Sachen Sicherheit oder «Blended Computing» zu sehen gab, war wenig innovativ. So wurde etwa gezeigt, wie man Inhalte vom Tablet auf den TV beamen kann.

Das alles stimmt verhalten optimistisch. Die Vision einer industriellen Revolution durch 3-D-Drucker ist erfrischend und zeugt vom Willen, zu neuen Märkten aufzubrechen. Zudem gewinnt die 3-D-Fertigung durch die Unterstützung eines Konzerns wie HP unbestritten an Schub. Ob es reicht, das Erbe von Hewlett und Packard in die Zukunft zu drucken, ist indes zweifelhaft.

Erstellt: 01.11.2016, 14:36 Uhr

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