Wenn der Roboter SMS beantwortet

Sie wimmeln unliebsame Dates ab oder schwatzen uns Produkte auf. Künftig werden Chatbots Teil unseres Alltags.

Die Zukunft der künstlichen Intelligenz sieht anders aus: Ein Spielzeug-Blechroboter.

Die Zukunft der künstlichen Intelligenz sieht anders aus: Ein Spielzeug-Blechroboter. Bild: Daniel MacDonald, CC BY 2.0

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Unerwünschte Verehrer abwimmeln zu können, gehört wohl zum Letzten, was man einer App zutrauen würde. Der Dienst Ghostbot des Unternehmens Burner verspricht genau das: Er fängt belästigende SMS ab und beantwortet sie. Ghostbot spielt vor, er sei der Nutzer, und reagiert auf Nachrichten, die «unerwünscht, aggressiv oder beleidigend sind», nachdem man dem Dienst eine entsprechende Nummer gemeldet hat. Hintergrund ist laut den Machern, dass Textnachrichten wohl längst zum heutigen Dating hinzugehören, solche Kontakte aber stets das Risiko von sexueller Belästigung mit sich brächten.

The Verge hat den Dienst getestet – und einige mässig passende Antworten erhalten. Auf «Was machst du gerade?» antwortete Ghostbot: «Kann nicht, bin nicht in der Stadt.» Womöglich ist Ghostbot auch eher ein PR-Gag als ein Dienst, der wirklich Nutzer findet. Man wolle darauf aufmerksam, wie uns künftig Maschinen die Interaktion mit anderen Menschen abnehmen könnten, sagt die Firma dazu.

«Unvermeidliche Technologie»

Chatbots sind aber nicht nur Spielerei. Hinter dem Ghostbot-Experiment steht ein Trend, der die weltweit wichtigsten IT-Firmen erfasst hat. Mit Google, Microsoft und Facebook sind drei prominente Techriesen dabei, im grossen Stil in künstliche Intelligenz zu investieren und Bots (kurz für Roboter) zu entwickeln, mit denen sich Nutzer unterhalten können und die ihnen im Alltag zur Hand gehen.

Ziel sind Dienste, die den Turing-Test bestehen würden. Einfach erklärt ist dieser dann erfüllt, wenn eine Versuchsperson nicht realisiert, dass sie Nachrichten mit einer Maschine austauscht statt mit einem Menschen. Für Microsoft-Chef Satya Nadella sind solche Dienste, die mit Nutzern sprechen, eine «unvermeidliche Technologie», wie er kürzlich an der Konferenz O'Reilly Next sagt. Das Unternehmen investiert und hat Anfang dieses Monats mit Wand Labs ein Start-up gekauft, das sich auf Chatbots spezialisiert hat.

Manche werden ausfällig

Schon vorher hat Microsoft eigene Experimente gewagt, etwa mit der KI «Tay». Der Test geriet allerdings zur Hypothek. Tay wurde ausfällig, Microsoft musste den Stecker ziehen. Google arbeitet ebenfalls an Chatbots. Ein erstes Exemplar soll noch dieses Jahr fertiggestellt werden. Ray Kurzweil ist bei Google zuständiger Chefentwickler für Spracherkennung. Er machte kürzlich deutlich, wo es hingehen soll: Nutzer können künftig selbst Bots kreieren und sie mit eigenem «Stil, Persönlichkeit und Ideen» füttern. Also das Fernziel eines intelligenten Chat-Doppelgängers?

Facebooks Deep-Text-Projekt geht in eine ähnliche Richtung. Bots sollen aufgrund von menschlichen Vorbildern lernen, Gespräche zu führen. Als Datengrundlage dienen Facebook-Posts und -Nachrichten, die das soziale Netzwerk statistisch auswertet. Hier ist jetzt schon klar, dass es Facebook mit diesen Daten schwer haben dürfte, Bots zu zimmern, die wie echte Menschen interagieren. Aber bis zum technischen Durchbruch und wirklich Turing-tauglichen Roboter dürfte es ohnehin noch einige Zeit gehen. Ray Kurzweil von Google gibt uns Zeit bis zum Ende der nächsten Dekade, bis sich künstliche Intelligenzen im Gespräch täuschend echt verhalten.

Bessere Telefon-Hotlines

Das realistischste Szenario für die nähere Zukunft ist quasi eine Lightversion der Mensch-Maschine-Interaktion: Ghostbot lässt grüssen. Roboterstimmen auf dem Niveau einer automatischen Telefonhotline oder besser – solche Dienste sehen die Unternehmen in greifbarer Nähe. Hier vermuten vor allem Techfirmen Potenzial als Schnittstelle zu Rechnern und Apps.

Zum einen lässt sich so der Kundendienst automatisieren und Personal einsparen. Zum anderen winkt ein Quantensprung in Sachen Onlinewerbung. Gesponserte Werbenachrichten und personalisierte Verkaufsangebote wären höchst attraktiv zum Beispiel für Onlineshopbetreiber. So könnte sich dereinst ein virtueller Verkäufer bei Onlinekunden melden, die sich gerade ein Produkt anschauen. Der Roboterverkäufer würde dem Kunden den Artikel dann mit den Argumenten anpreisen, die er für diesen am wirkungsvollsten einschätzt. Grundlage dafür wären persönliche Nutzerprofile, erstellt zum Beispiel via Informationen aus sozialen Netzwerken oder aufgrund früherer Käufe.

Facebook steckt bereits viel in die Entwicklung von Bots und hat erklärt, diese in den Dienst von Unternehmen stellen zu wollen. Unser erster Kontakt mit künstlicher Intelligenz dürfte also nicht die Form menschenähnlicher Roboter haben, sondern die von Bots, die uns Restaurants empfehlen oder auf Sonderangebote hinweisen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2016, 14:39 Uhr

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