«Dark Social»: Panik aus dem Whatsapp-Chat

Private Chats können ganze Wahlen beeinflussen. Oder zu Panik führen, wie beim Amoklauf in München. Über ein neues Phänomen.

Brasilien im vergangenen Herbst: Weite Teile des Präsidentschaftswahlkampfs sollen über den im Land äusserst populären Dienst Whatsapp geführt worden sein.

Brasilien im vergangenen Herbst: Weite Teile des Präsidentschaftswahlkampfs sollen über den im Land äusserst populären Dienst Whatsapp geführt worden sein. Bild: Reuters

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Es gibt ein Phänomen, das die Gelbwesten in Frankreich, den Wahlsieg des rechtsextremen Jair Bolsonaro bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien und den Klassenchat der eigenen Kinder miteinander verbindet: Das Phänomen heisst «Dark Social» und fand bisher nicht nur wegen seines düsteren Namens wenig Beachtung in der Öffentlichkeit. Es ist das Schlagwort für jene von aussen kaum einsehbare Form von Internet-Traffic, der über persönliche E-Mails, geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken oder Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Telegram entsteht.

Diese Kanäle gelten als «dunkel», weil Betreiber von Webseiten nicht sehen können, woher die Besucher ihrer Seiten genau kommen, wenn sie in diesen privaten Räumen auf einen Link geklickt haben. «Dark Social» wurde als Schlagwort erstmals im Jahr 2012 von dem amerikanischen Journalisten Alexis C. Madrigal verwendet – als Gegenbegriff zu dem sichtbaren Traffic, den Websitebetreiber sehen, wenn Nutzer über eine Google-Suche auf eine Seite kommen oder weil sie zum Beispiel auf Twitter auf einen Link geklickt haben.

Seit 2012 wurde viel über Twitter und Facebook und deren Wirkung auf die öffentliche Debatte diskutiert. Dabei ist den dazu bekannten Studien zufolge der Anteil des dunklen Traffics enorm gestiegen, ohne dass es grössere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Vieles spricht dafür, dass die Bedeutung von Dark Social noch steigen wird. Diese auf den ersten Blick harmlos wirkende Form der persönlichen Kommunikation wird zu einer gesellschaftspolitischen Herausforderung.

Der Grund dafür ist, dass sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit im Web verändert. Denn der Austausch von Informationen und Links in persönlichen Mitteilungen ist gerade deshalb so bedeutsam, weil er praktisch unter Ausschluss dessen stattfindet, was klassisch als Öffentlichkeit gilt. In den dunklen Kanälen gibt es selbst bei hochpolitischen Themen kaum sichtbare politische Akteure, Menschen mit anderer Meinung oder gar politische Debatten. Dort schreiben Nutzer in erster Linie mit vertrauenswürdigen Nachbarn oder politisch Gleichgesinnten. Das ist persönlicher Austausch, der sich nie nach Öffentlichkeit anfühlt. Und doch sind diese Mitteilungen und Chats zu mächtigen Werkzeugen auch der öffentlichen Kommunikation geworden.

In ihnen werden Botschaften und Links weitergetragen wie ein Erkältungsvirus in der Schnupfenzeit. Jeder, der sich angesteckt hat, kann zum Sender werden, der über seine Fussballgruppe oder den Klassenchat der Kinder andere ansteckt. Keiner löst damit alleine eine Grippewelle aus, aber jeder trägt am Ende doch dazu bei. Anders als die öffentlichen und oft als bezahlt markierten Beiträge in offenen sozialen Netzwerken wirken die «dunkel» verbreiteten Links und Botschaften höchst privat und deshalb besonders glaubwürdig. Viele denken: Was von einem Freund kommt, ist vertrauenswürdig. Diese Tendenz der sozialen Medien wird in den privaten Räumen noch verstärkt.


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Dass teils blindes Vertrauen zu Problemen führen kann, haben Münchner in der Nacht des Amoklaufs vom Olympiaeinkaufszentrum bemerkt, in der viele Gerüchte auch über Chats und private Gruppen verbreitet wurden. So entstand Panik in der Stadt, die eine auch für Nutzer dunkle Seite von Social Media offenlegte: Die Kanäle können Kräfte und Dynamiken freisetzen, die äusserst mächtig sind.

Diese Dynamik führte an jenem Tag zu Panik, ohne dass sie jemand gesteuert hätte. Mittlerweile setzen viele Gruppen und Organisationen sie gezielt für ihre Zwecke ein. Manche so genannte Influencer nutzen zum Beispiel Gruppen in Telegram, um ihre Beiträge auf Instagram schnell populär zu machen: Sie weisen einander auf neue Fotos hin und klicken dann möglichst schnell «gefällt mir», um den Algorithmus des Fotodienstes auszunutzen.

Brasiliens Politik hatte ein Whatsapp-Problem

Aber auch politische Kommunikation findet mittlerweile mit Hilfe von privaten Chats statt. Das Aufkommen der Gelbwesten-Bewegung soll in beträchtlichem Mass durch private Gruppen auf Facebook organisiert worden sein, in denen sich private Nachbarschaften verbunden haben.

Die beste Impfung gegen Falschmeldungen in dunklen Kanälen ist: Nachdenken – und nur das teilen, was man selber genau weiss.

Weite Teile des brasilianischen Präsidentschaftswahlkampfs sollen über den im Land äusserst populären Dienst Whatsapp geführt worden sein. Jedenfalls deckte die Zeitung Folha de São Paulo auf, dass der mittlerweile gewählte rechtsnationale Kandidat Jair Bolsonaro mehrere Agenturen beauftragt haben soll, Falschnachrichten in die Kanäle von Whatsapp zu posten. Whatsapp reagierte nur langsam auf die sich rasant verbreitenden Falschmeldungen und handelte sich damit eine Menge Kritik ein. Es ist das Problem für klassische Kontrollinstanzen der öffentlichen Kommunikation: Diese Kanäle sind kaum von aussen einsehbar und kaum zu kontrollieren. Whatsapp hat keine Einsicht in die Chats seiner Nutzer, da diese stark verschlüsselt sind.

Viel wird über die Debatten-Kultur auf Twitter gestritten, auch Facebook sieht sich öffentlicher Kritik ausgesetzt für seinen schlechten Schutz von Nutzerdaten und die mangelnde Bereitschaft, Falschmeldungen im Netzwerk zu löschen. Dagegen blieb Kritik an Facebooks Tochter Whatsapp hierzulande fast ungehört. Das Unternehmen führte im Sommer den «Weitergeleitet»-Hinweis ein, um sichtbar zu machen, wenn Mitteilungen und Links einfach nur von einem Chat in den nächsten weitergereicht werden. So soll der Nutzer erfahren, dass diese Botschaft nicht eigenhändig von einem Bekannten getippt wurde, sondern er sie übernommen hat. Dieses neue Feature ist auch als Antwort auf das wachsende gesellschaftspolitische Problem Dark Social zu sehen. Kritiker bezweifeln aber, dass der Hinweis ausreicht, um die Verbreitung von Falschmeldungen über Chats und private Nachrichten einzudämmen.

Um Lösungen zu finden, braucht es zunächst auf allen politischen Ebenen ein breiteres Verständnis, dass Social Media mehr ist als nur der öffentliche Streit auf Twitter, sondern eben auch die Dark-Social-Beiträge in Messenger-Diensten. Auf der persönlichen Ebene müssen Nutzerinnen und Nutzer ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche Wirkung ihre vermeintlich beiläufigen Botschaften und Kettenbriefe in privaten Chats in der Summe haben können. Denn wie bei einer Grippewelle spielt es am Ende auch eine Rolle wie jede und jeder Einzelne sich verhält. Die beste Impfung gegen Falschmeldungen in dunklen Kanälen ist: Nachdenken – und nur das teilen, was man selber genau weiss.

Erstellt: 18.01.2019, 21:25 Uhr

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