Langzeit-Archivierung

Daten für die Ewigkeit

Das Internet vergesse nie, behaupten die Datenschützer. Das stimmt leider nicht. Damit die digitalen Schätze über Jahrzehnte sicher sind, braucht es besondere Vorkehrungen.

Eine Diskette hält bis zu 30 Jahre. Doch wer hat heute noch ein passendes Lesegerät griffbereit? Foto: Thinkstock

Eine Diskette hält bis zu 30 Jahre. Doch wer hat heute noch ein passendes Lesegerät griffbereit? Foto: Thinkstock

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Zu Anfang der digitalen Revolution ­waren Dokumente in erster Linie Gebrauchs­gegen­stände aus dem Office-­Bereich. Sie wurden auf dem Personal Computer gespeichert, der im Vergleich zum Smartphone eine ziemlich unpersönliche Maschine ist.

Das Smartphone begleitet seinen Träger jedoch auf Schritt und Tritt. Es sammelt mittels Sensoren, GPS und Kamera nonstop Daten über Aufenthaltsort und Aktivität bis hin zu gesundheitlichen Para­metern. Mit immer leistungsfähigeren, kleineren Geräten und den Wear­ables ist die Selbstdokumentation in ­einer Detailschärfe möglich, die mit analogen Mitteln nie möglich wäre.

Aus dem kontinuierlichen Strom von Bildern, Videos und Telemetrie ergibt sich eine Art Hightechtagebuch, das sich Lifelog nennt. Die Lifelogger (siehe «Tages-­Anzeiger» vom 19. Mai) sehen darin einen Weg in die Unsterblichkeit. Die körperlosen Daten bleiben über den Tod hinaus erhalten: Wer Giga- und Tera­bytes anhäuft, ist in der Lage, das eigene Leben als eine Art digitales Geisterbild zu konservieren. Und auf der Ebene der globalen Gesellschaft entwickelt sich das Internet zum Weltgedächtnis. In ihm sind sowohl Grossereignisse als auch Alltagsbanalitäten gespeichert.

Nur Jahre bis Jahrzehnte sicher

Es gibt jedoch eine Krux bei der Sache: Es ist überhaupt nicht absehbar, welche Daten überdauern und welche spurlos verschwinden werden. Anders als häufig behauptet, vergisst das Internet längerfristig sehr wohl. Webdienste kommen und gehen und mit ihnen in aller Regel auch die Kundenkonten. Laut einem Bericht der BBC sind 11 Prozent der Inhalte, die in sozialen Medien verlinkt werden, bereits nach einem Jahr nicht mehr abrufbar.

Auch Selbstgespeichertes ist nicht für die Ewigkeit. Die durchschnittlichen Datenträger sind nur wenige Jahre bis Jahrzehnte haltbar. Das gilt für Festplatten. Sie beginnen schon nach drei Jahren zu schwächeln, wie eine Untersuchung des Back-up-Dienstleisters Backblaze zeigte. DVDs wären im Idealfall 20 bis 30 Jahre haltbar. Bei den Billigprodukten darf man sich darauf allerdings nicht ver­lassen. Der Kostendruck brachte viele Hersteller dazu, Rohlinge von diversen Drittherstellern zu beziehen. Das wirkt sich negativ auf die Zuverlässigkeit aus. Magnetbänder haben eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Sie sind jedoch nicht für den Privatgebrauch vorgesehen. Speicherkarten und SSD-Speicher überdauern als Archivmedium zwischen 5 bis 10 Jahre.

Möchte man seine Daten länger speichern, braucht es Spezialtechnologien. Das Fraunhofer-Institut für physikalische Messtechnik entwickelt ein Verfahren namens «Bits on Film», bei dem Daten auf Polymerfilm ausbelichtet werden und auf diese Weise bis zu 500 Jahre halten. Die M-Disc ihrerseits soll ihren Inhalt sogar 1000 Jahre sicher speichern können. Diese DVD-Variante verwendet eine spezielle Trägerschicht. Sie ist laut dem Hersteller so «hart wie Stein». Für diese «Millennium-Scheibe» benötigt man einen speziellen Brenner. Zum Lesen genügt ein herkömmliches Gerät.

Die ein Jahrtausend überdauernde Scheibe weist auf das zweite Problem hin: Es ist nichts gewonnen, wenn zwar die digitalen Inhalte noch gelesen werden können, sich aber nicht mehr entschlüsseln lassen. Dateiformate geraten nämlich sehr schnell aus der Mode.

Auf Standardformate setzen

Dieses Problem wird schon heute mit 20 Jahre alten Text­verarbeitungs­dateien deutlich. Dokumente, welche mit Winword 2 im Jahr 1989 angelegt wurden, sind in neuen Word-Versionen unzugänglich. Die modernen Programme wissen den alten Code nicht mehr zu inter­pretieren. Um Daten über mehrere Jahrzehnte zu retten, muss man auf die absoluten Stand­ardformate setzen – und selbst dann gibt es keine Garantie.

Die Omnipräsenz des Internets mit seinen Cloud-Diensten täuscht darüber hinweg, wie flüchtig die als Bits und ­Bytes gespeicherten Informationen sind. Nun kann man sich darüber streiten, ob die heute gesammelten Daten wertvolle Erkenntnisse für die kommenden Generationen beinhalten – oder ob sie als Verlängerungsversuch einer egomanischen «Selfie-Gesellschaft» über den Tod hinaus zu werten sind.

Es bleibe dahingestellt, ob sich in der Zukunft überhaupt jemand für diese Datenhinterlassenschaften interessieren wird. Man könnte sie als Angebot an die kommenden Generationen verstehen – denen es dann überlassen bleibt, ob sie es annehmen wollen oder nicht.

Erstellt: 23.06.2014, 06:48 Uhr

Unwichtiges vom Wichtigen trennen


  • Wichtige Daten sollten nicht dem Internet überlassen werden. Informationen mit hohem ideellem Wert speichert man selbst lokal, und zwar am besten mindestens auf zwei Datenträgern.



  • Da viele Datenträger nur eine beschränkte Haltbarkeit haben, müssen die Inhalte regelmässig auf neue Medien umkopiert werden. Dieser Prozess wird durch die nach wie vor steigenden Kapazitäten der Datenträger vereinfacht.



  • Proprietäre Dateiformate (solche, die von Unternehmen im Alleingang ent­wickelt wurden) sind nicht zukunfts­sicher. Sie sind an ein einzelnes Produkt oder sogar eine Produktversion gekoppelt. Zur Archivierung sollten Dateien in einem möglichst breit akzeptierten Standardformat exportiert werden.



  • Geeignet für die Archivierung von Textdokumenten und Layouts ist das PDF-Format. Es gibt mit «PDF/A» einen ISO-Standard für die Langzeitarchivierung. Für Textdokumente bietet sich RTF oder das Internetformat HTML an. Bei Bildern ist davon auszugehen, dass das JPG-Format den Test der Zeit überstehen wird, ebenso Tiff. Im Bereich von Audio und Video haben MP3, MPG und MP4 gute Zukunftschancen. Für Tabellen und Datensammlungen empfiehlt das Schweizerische Bundesarchiv das kommagetrennte Textformat (CSV).



  • Für die Archivierung hilft es, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Unwichtiges definiert sich dadurch, dass es keine langfristige Archivierung benötigt.



  • Metadaten erschliessen digitale Inhalte. Bei Fotos beschreiben sie das Motiv, Aufnahmeort und -anlass, was nachfolgenden Generationen wichtige Interpretationshilfen liefert. Die Verwendung von Metadaten hat die «Kummerbox» am 26. Mai beschrieben.



  • Die Passwörter sollten zentral in einem Programm zur Passwortverwaltung gespeichert werden. Der Zürcher Dienst www.securesafe.com speichert Passwörter und regelt den Zugang zu diesen Daten – auch nach dem Tod des Inhabers.


(schü)

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