Der gelesene Leser

Wer E-Books liest, wird digital verfolgt. Eine Katastrophe oder eine Chance, massgeschneiderte Bücher zu schaffen?

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Der markanteste Satz in Suzanne Collins Trilogie «Die Tribute von Panem» lautet: «Manchmal passieren den Menschen Dinge, auf die sie nicht vorbereitet sind.» Über 30'000 Leser haben ihn in ihren E-Books markiert. Die wenigsten von ihnen haben ihre Bücher aber zu Ende gelesen. Woher ich das weiss? Der Mathematiker Jordan Ellenberg hat anhand der Daten von Kindle-Nutzern hochgerechnet, wie oft der Durchschnittsleser bis zur letzten Seite durchhält: Bei Donna Tartts voluminösem «Distelfink» waren es 98 Prozent, bei «Fifty Shades of Grey» nur 26 Prozent, bei Thomas Pikettys «Kapital im 21. Jahrhundert» klägliche 2,4 Prozent.

Ellenbergs Index ist eine methodisch zweifelhafte Spielerei: Dass Hillary Clintons Memoiren nach Seite 33 kaum noch markiert wurden, kann ja auch an einem Mangel erinnerungswürdiger Passagen liegen.

Tatsächlich wissen Amazon, Apple und Google schon viel mehr über unser Leseverhalten: Wann und wie lange wir ein Buch zur Hand nehmen, wo wir hängen bleiben, was uns bewegt oder intellektuell überfordert. Der gläserne Leser ist keine Science­fiction mehr. Früher war Lesen ein Zwiegespräch mit dem Autor. Was «Werther»-Lesern durch den Kopf ging, wussten nur sie, ihre Freunde oder allenfalls die Totengräber der Selbstmörder. E-Books sind nicht so diskret: Während wir sie lesen, werden wir selber gelesen.

Statistik ohne Zeigefinger

Die Nutzer der neuen Medien werden schon länger mit Quoten- und Klickstatistiken ausgeleuchtet. Dass jetzt auch E-Book-Leser digital abgetastet und verfolgt werden, ist noch keine Katas­trophe; man kann ja auch offline lesen.

Übrigens kennen auch Buchhändler, neugierige Eltern und schlaue Verleger unsere Lesepräferenzen oft besser, als uns lieb ist. Konzerne wie Amazon erheben nicht den Zeigefinger, wenn sie uns mit Pornos oder Schmonzetten ertappen: Sie wollen verkaufen, egal, ob Proust oder Pilcher, und dazu müssen sie unser Kauf- und Leseverhalten kennen. Ihr an NSA-Praktiken erinnernder Datenhunger gibt den Lesern das unbehagliche Gefühl, dass ihnen selbst unter der Bettdecke oder auf der Toilette ein Grosser Bruder über die Schulter schaut.

Es könnte Form und Inhalt der Bücher verändern, wenn Autoren und Verleger wissen, dass ihr Publikum Landschaftsbeschreibungen überliest oder beim Tod des Helden auf Seite 139 aussteigt. Dass Mehrteiler wie «Harry Potter» wie ein Buch gelesen werden, hat die Zahl der Trilogien und Serien markant steigen lassen. Der kalifornische Verlag Coliloquy produziert bereits Books-on-Demand mit algorithmisch optimiertem Lesefluss.

Leserfreundlicher und marktkompatibler

Schon im 19. Jahrhundert wollte man Zeitungs- und Fortsetzungs­romane durch die Auswertung von Leserbriefen leserfreundlicher und marktkompatibler machen. Die Analyse von Lesefrequenz, -tempo und Anmerkungsmustern, die Social-­Reading-Debatten im Netz oder die berüchtigten Amazon-Empfehlungen bieten ganz andere Möglichkeiten von Überwachung und Steuerung.

Das «persönliche Buch», das den statistisch ermittelten Massen­geschmack perfekt bedient, schliesst systematisch jedoch alles aus, was Literatur ausmacht: Überraschung. Aber der Bestseller nach Mass wird vermutlich auch nur von Maschinen zu Ende gelesen.

Erstellt: 21.07.2014, 07:50 Uhr

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