«Die Daten über uns sind das Erdöl der Neuzeit»

Der Wirtschaftsjournalist Hannes Grassegger warnt vor dem Missbrauch der neuen Medien – auf allen Kanälen.

«Facebook und andere soziale Netzwerke profitieren von meinen Gedanken»: Hannes Grassegger. Foto: PD

«Facebook und andere soziale Netzwerke profitieren von meinen Gedanken»: Hannes Grassegger. Foto: PD

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Dass er seine intransparenten Gegner so gut durchschaut, könnte damit zu tun haben, dass er ihnen in einem entscheidenden Punkt gleicht: Auch er weiss sich zu vermarkten. Hannes Grassegger, ein deutscher in der Schweiz lebender Wirtschaftsjournalist mit Schwerpunkt neue Medien, hat sich zum Kritiker der virtuellen Giganten hochgeschrieben. Auch in seinem ersten Buch, das am Montag erschienen ist, argumentiert er gegen die Vortäuscher von Facebook und die digitalen Freibeuter von Google, gegen heimliche Gesichtserkennung und hochgradig ausdifferenzierte Persönlichkeitsprofile.

Auf seinem Blog kombiniert er schnittige Bilder von sich selber mit Texten in der Schreibmaschinenschrift, verweist in der Randspalte auf seine vielen Publikationen und ergeht sich in ausführlichen Einträgen über das Grasseggerdasein an sich. «Meine Generation hat lernen müssen», sagt er dazu, «dass man sich als freier Journalist vermarkten muss, weil einem nichts anderes übrigbleibt und man sonst untergeht.»

Information und Warnung

In seinen Blogs, Vorträgen, Artikeln und Interviews bietet sich der 34-jährige als Paranoiker an, der alle Fakten kennt: Er informiert und warnt zugleich. Denn Grassegger weiss, was die User von Google, Facebook, Whatsapp, Linkedin und Twitter nicht wissen wollen. Weil sie die All­gemeinen Geschäftsbedingungen nicht lesen, sondern einfach abnicken. Weil sie einer anonymen Öffentlichkeit beachtliche Teile ihrer Privatsphäre vorzeigen, als würden sie bloss mit dem Velo durch eine Strasse fahren. Weil sie alles für gratis halten und nicht merken, was die abkürzungs­freudigen Amerikaner Tanstaafl nennen: «There ain’t no such thing as a free lunch.» Gar nichts ist gratis, am wenigsten im Kapitalismus.

«Das Kapital bin ich» heisst das Buch. Der Titel klingt wie ein Selbstbeschrieb, er versteht er sich als Aufforderung. User sollen ihre Daten schützen und verkaufen, statt sie gratis herzugeben. Grassegger: «Facebook und andere soziale Netzwerke profitieren von meinen Gedanken und Gefühlen und machen damit ein Vermögen.» Wie eben bekannt wurde, hat Facebook schon 2012 die positiven und negativen Nachrichten von Kunden manipuliert, um die Reaktionen anderer darauf zu testen. Grassegger erstaunt das kein bisschen. Alles, was die Menschen öffentlich machen, kann über sie verwendet werden.

Neuer Kapitalismus

Im Internet sieht der Journalist eine neue Form des Kapitalismus aufkommen, dessen Währung die persönlichen Daten sind. «Die neuen Big-Data-Unternehmen werden gar nicht nach ihrem Vermögen bewertet», sagt er, «sondern nach der Zahl ihrer Kunden und deren Daten.» Diese seien das Erdöl des 21. Jahrhunderts, schreibt er und fragt: «Wenn aber seit Jahren Abermilliarden Dollar dafür fliessen – warum sind Sie, die Quelle dieser Daten, dann nicht auch der Ölscheich?»

Das Zitat zeigt: Subtilität ist nicht seine Stärke, Eleganz nicht sein Stil. Aber Hannes Grassegger schreibt direkt, konkretisiert das Abstrakte, stellt Zusammenhänge her, übersetzt den Slang der Branche und nimmt Trends voraus. Das tun andere auch. Aber im Gegensatz zur Konkurrenz zitiert er redlich seine Quellen, statt sie abzuschreiben. Damit löst der Kritiker ein, was er von den Kritisierten verlangt: Transparenz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2014, 07:06 Uhr

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