Die Internet-Archäologen

Was passiert, wenn Websites aus dem Netz verschwinden? Ein Kunstprojekt archiviert digitale Vergänglichkeit.

So sah es damals aus: Die Geocities-Seite eines gewissen Scott. (Screenshot «One Terabyte of Kilobyte Age»-Tumblr)

So sah es damals aus: Die Geocities-Seite eines gewissen Scott. (Screenshot «One Terabyte of Kilobyte Age»-Tumblr)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gehört zu den scheinbar unausgesprochenen Gesetzen des Internets, dass es nicht altert. Websites werden ständig aktualisiert und neu gestaltet. Doch was passiert mit den Seiten im Netz, die von uns verlassen werden? Was wird aus Myspace, wenn wir kollektiv Facebook interessanter finden? Und was geschieht mit den Seiten, die komplett abgeschaltet werden?

Wenn es gut läuft, erhalten die Nutzer von Plattformen Gelegenheit, ihre Inhalte zu sichern – so es sie überhaupt noch kümmert. Oft genug bleiben die Inhalte, die wir im frühen Social Web geteilt haben, zurück wie unachtsam aus dem fahrenden Auto geworfener Müll. Digitale Rückstände an den Bordsteinen des viel bemühten Daten-Highways.

So verschwindet langsam, aber sicher das alte Internet. An einem prominenten Beispiel aus der Frühzeit des partizipativen Webs arbeitet sich eine Gruppe von Hobby-Archäologen ab. Geocities.com war wohl das erste weltumspannende soziale Medium – genau genommen ein Web-Hosting-Service, auf dem man sich verhältnismässig unkompliziert eigene kleine Websites erstellen konnte. Man assoziierte sich über Interessen mit einer bestimmten «Nachbarschaft».

Bunt, blinkend, persönlich – das war Geocities

Die dort erstellten Websites waren knallig bunt, mit blinkenden Gifs übersät, und vor allem: persönlich. Genau das machte den Charme dieser kleinen Taschen des Internets aus – sie waren individuell, manchmal auch ein bisschen peinlich, manchmal etwas übertrieben in ihrem Auftritt; so wie echte Menschen eben auch.

Der Dienst wurde 1994 gegründet und auf dem Höhepunkt seines Erfolgs 1999 von Yahoo gekauft. Im nächsten Jahrzehnt kamen zuerst Myspace, später dann Facebook und Twitter auf; Geocities gehörte irgendwann zum alten Eisen, die dortigen Online-Präsenzen veralteten, wurden peinlich und schliesslich vernachlässigt. Als Yahoo den Service 2009 einstellte, gab es dort rund 38 Millionen Seiten; in Japan (wo sonst!) lief eine ausschliesslich japanische Version von Geocities noch bis März dieses Jahres.

Kurz nachdem Yahoos Geocities eingemacht hatte, konnte eine Gruppe von Online-Aktivisten namens Archive-Team die gehosteten Websites komplett herunterladen. Gut ein Terabyte an Daten kam zusammen, so viel wie heute auf einen Rechner passt. Das Archive Team stellte sie zum Download zur Verfügung.

Kuriose Galerie mit tieferem Sinn

Diese digitale Schatztruhe machen sich seit einigen Jahren bereits Olia Lialina und Dragan Espenschied zunutze. Die beiden in Deutschland ansässigen Künstler, Dozenten und Gestalter veröffentlichen Screenshots von alten Geocities-Dependancen auf einem Tumblr-Blog – alle zwanzig Minuten gibt es eine neue Ansicht. Eine unfreiwillige Ironie der Geschichte: Der serbelnde Anbieter Tumblr wurde gerade erst für einen Spottpreis von Automattic aufgekauft und droht nun den Weg seines Vorgängers aus den Neunzigerjahren zu gehen.

Was zuerst einmal wie eine kuratierte Galerie früher Online-Kuriositäten anmutet, hat aber auch einen tieferen Sinn. Bislang fragen wir uns kaum in einem grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang, was es bedeutet, wenn Inhalte für immer aus dem Netz verschwinden. Das passiert übrigens ständig und aus verschiedenen Gründen: System-Versionen werden nicht länger unterstützt, Domains werden nicht länger gepflegt und bezahlt, Unternehmen gehen pleite oder werden verkauft.

Das Archivieren von digitaler Geschichte wird somit zum kostspieligen und aufwendigen Unterfangen, für das niemand offiziell zuständig ist. Klassische Archäologie beispielsweise wird von staatlichen Einrichtungen und Hochschulen unterstützt und betrieben – für den digitalen Raum gibt es Derartiges bislang noch nicht.

Web-Konservierung als kollektiver Effort

Damit so ein massiver Verlust wie der von Geocities in Zukunft abgefedert werden kann, hat Espenschied den Webrecorder ins Leben gerufen. Mit dem Tool können Nutzer ganze Websites archivieren, die in ihrer vollen Funktionalität erhalten bleiben sollen, auch wenn die zu Grunde liegenden Technologien wie beispielsweise Flash eines Tages aufhören zu existieren. Ähnliche Projekte wie The Internet Archive können das noch nicht vollumfänglich leisten.

«Quartz» mit einem Beitrag über die Arbeit von Lialina und Espenschied

In einem Interview mit «Quartz» sagen Lialina und Espenschied, was man aus der Frühzeit des Webs 2.0 lernen kann: Geocities habe die Kreativität der Menschen besser zum Ausdruck gebracht, heute verlaufe das Gestalterische auf Plattformen wie Instagram in eng gelenkten Bahnen. Ausserdem habe es damals einen Zusammenhalt und einen Sinn für Zusammengehörigkeit gegeben, beides fehle heute. Somit gehe mit den Seiten von damals auch das Gefühl verloren, dass man selbst das Netz mitgestalten könne.

Erstellt: 16.08.2019, 19:42 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt auch bei Instagram: Millionen Nutzerdaten gesammelt

Der Fall erinnert an den Cambridge-Analytica-Skandal: Ein Start-up hat Daten von Menschen überwacht und analysiert – nun reagiert das Mutterhaus Facebook. Mehr...

Der Katalog der vergangenen Musik

Das Internet Archive digitalisiert Schellackplatten und macht diese online zugänglich. Jetzt kann man sich mehr als 25’000 Aufnahmen anhören. Mehr...

Das Comeback von Myspace

Hintergrund Falls Sie Facebook-müde sind, Wert auf schönes Design legen und gerne Musik hören, dann wechseln Sie zu Myspace. Der Social-Network-Pionier steht vor einem grossen Neustart. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...