Entscheiden, was falsch ist – oder nur frech

Facebook will gegen Fake-News vorgehen. Das wird nicht so einfach.

Fake-News? Die Bürger sollten diese als mündige Medienkonsumenten selber erkennen.

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Facebook sagt Falschnachrichten den Kampf an. Die Firma will das Melden von Fake-News vereinfachen und zudem mit Spezialisten zusammenarbeiten, die News als falsch oder echt identifizieren. So erfreulich diese Nachricht erscheinen mag – stellt sie doch eine Kehrtwende in der Politik des Unternehmens dar, dessen Gründer Mark Zuckerberg nach den US-Wahlen noch bestritt, es gebe ein Problem –, so sehr macht sie stutzig, was die Umsetzung angeht.

Los geht es mit der Frage, was eigentlich Fake-News sein sollen. Es gibt Nachrichten, die sind auch für den durchschnittlichen Medienkonsumenten einfach als Falschmeldungen zu entlarven, etwa, wenn eine Zeitung verkündet, ab morgen gelte der Euro in der Schweiz. Doch was ist mit Fake-News, bei denen das nicht so einfach ist? Netz-Vordenker Sascha Lobo hat das Dilemma veranschaulicht, indem er Fake-News in sieben Kategorien unterteilt: Es kann sich um Propaganda, Erregungsenten, Satire, Zuspitzungen, Noch-nicht-Gewissheiten, Interpretationen oder Unüberprüfbarkeiten handeln. Lobo stellt fest: «Der Begriff Fake-News stützt die schwarz-weisse Vorstellung, man könne sämtliche Nachrichten in wahr oder falsch unterteilen.» Was natürlich nicht der Fall ist.

Wahrheit im Krieg

Man denke an Newslagen, wie sie sich uns derzeit in und um Aleppo präsentieren: Eine allgemeingültige Wahrheit gibt es oft nicht. Eine Gewichtung von Nachrichten, die eine vertrauenswürdige Quelle nennen, über solche, die eine Nennung unterlassen, wäre ein Anfang. Wäre da nicht das Problem, dass eine Quelle, die der eine für vertrauenswürdig hält, für den anderen nicht akzeptabel ist. Und sich nicht selten die Frage nach der Unabhängigkeit von Quellen stellt.

Facebook hat angekündigt, mit Fact-Checking-Spezialisten zusammenzuarbeiten und auch die User in den Qualifizierungsprozess einzubeziehen. Dabei steht Facebook als Erstes vor der Aufgabe, die Vertrauenswürdigkeit der Drittanbieter, mit denen es zusammenarbeiten will, zu gewährleisten. Ausserdem muss die Plattform selbst glaubhaft «neutral» bleiben und sich gegen jede Einflussnahme von aussen, zum Beispiel von US-amerikanischen Behörden, wehren.

Dazu kommen kulturelle Unterschiede, die in der Vergangenheit schon zu Problemen mit dem Umgang mit fragwürdigen Inhalten auf Facebook geführt haben: Allzu lange zum Beispiel hat sich das Unternehmen weltweit an dem traditionell sehr weit gefassten angelsächsischen Verständnis von «free speech» orientiert. Facebook muss sich bewusst sein, dass das Wort Fake-News in Malaysia etwas anderes bedeutet als in den USA.

Satire oder Lüge?

Oder man nehme das durchaus auch journalistische Genre der Satire: Sie enthält oft Zusammengesponnenes, zumindest aber Übertriebenes und ist vor allem auch populär. Bevor Fake-News zum Problem im Netz wurden, waren sie gängiger Inhalt von Shows wie dem amerikanischen «Colbert Report», dem deutschen «Extra 3» oder auch «Giacobbo/Müller». Websites wie der deutsche «Postillon» produzieren ausschliesslich Enten, die millionenfach gelesen und nicht immer als das erkannt werden, was sie sind. Die Satire ist eine ständige Gratwanderung zwischen «fake» und echt. Niemand will sie verbieten (ausser vielleicht humorlose Diktatoren), aber wenn man Facebooks Massstäbe streng auslegen würde, ginge es der Satire wohl an den Kragen.

Und so löblich auch das Einbeziehen der Facebook-Nutzer auf den ersten Blick trotzdem klingen mag; Facebook kann nicht garantieren, dass einer bestimmten Seite missliebige Nachrichten nicht in konzertierten Aktionen massenhaft als Fake-News markiert werden. Und: Wenn Facebook ein als «fake» gemeldetes Medium freispricht, schreien diejenigen, die es gemeldet haben, als Erste von Zensur.

Facebook geht mit seiner Ankündigung in die richtige Richtung – es muss etwas getan werden im Kampf gegen Fake-News. Diesen Kampf gewinnt man aber nicht nur, indem man die Sümpfe trockenlegt, denen Falschmeldungen entsteigen, sondern indem man die Bürger zu mündigen Medienkonsumenten erzieht – und das hat am Ende auch mit der Glaubwürdigkeit der oft gescholtenen etablierten Medien zu tun. Sie müssen hochhalten, was Fake-News nicht leisten: journalistische Standards wie Fact- Checking, Transparenz in Quellen und Arbeitsweise, Genauigkeit und Verständlichkeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2016, 19:14 Uhr

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