Was Nerds lesen

Computerfans haben bei der literarischen Unterhaltung spezielle Vorlieben: Acht statusgerechte Lesetipps.

Das Marsfahrzeug sichert dem gestrandeten Astronauten in «Der Marsianer» das Überleben. Foto: STR New (Reuters)

Das Marsfahrzeug sichert dem gestrandeten Astronauten in «Der Marsianer» das Überleben. Foto: STR New (Reuters)

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Scott Meyer: Off to Be the Wizard
Ein Nerd-Refugium, wie es im Buch steht
Scott Meyer erfüllt die allergeheimsten Wünsche seiner Leserschaft. Er macht die Computer-Nerds zu dem, was alle insgeheim so gerne wären. Nämlich so omnipotent wie die Helden aus den Videospielen. Und Meyer lässt seine Figuren nach Lust und Laune an der Wirklichkeit herummanipulieren, als ob die Welt eine Simulation wäre, die nur ­darauf wartet, von neugierigen Tech-Kiddies untertan gemacht zu werden.

Die Welt lässt sich in «Off to Be the ­Wizard» – warum auch immer – über eine geheimnisvolle Datei auf einem schlecht geschützten Server nach Belieben manipulieren. Sie enthält, so scheint es, die Parameter, nach denen sich die Wirklichkeit richtet. Martin Banks, der ein trostloses Leben als Datenanalyst fristet, findet die Datei, frisiert mit deren Möglichkeiten sein Bankkonto auf. Und zieht damit sogleich die Aufmerksamkeit einer Behörde auf sich, die seit längerer Zeit jenem aus dem Nichts auftauchenden Geld nachforscht.

Von den Agenten verfolgt, flüchtet Martin ins mittelalterliche England – Zeitreisen und Teleportation sind dank der Datei kein Problem. Dort findet er ein fröhliches Grüppchen von Seinesgleichen vor. Die Leute haben ein ähnliches Schicksal hinter sich. Alle haben das gleiche Buch gelesen, das behauptet, im 15. Jahrhundert würde es sich bei den Kreidefelsen von Dover ausgezeichnet leben lassen.

Dort geben sie sich vor den ahnungslosen Dorfbewohnern als Zauberer aus, wobei der unverzichtbare Fast Food dann doch aus der Gegenwart herbeigeschafft wird. In diesem Nerd-Refugium liesse es sich ausgezeichnet leben, wenn James Sadler es mit der Zauberei nicht übertreiben und die Dorfbewohner zu Hobbits und Orks umgestalten würde. Weil es ihm Mittelerde so angetan hat.

«Off to Be the Wizard» kreiert den Genre-Mix des Tech-Fantasy-Abenteuerromans. Das Buch zelebriert respektlose Realitätsflucht und führt Zauberei à la Harry Potter und die Computerbegeisterung wie selbstverständlich ineinander über. Verträglich ist das nur für Leute, die mit den Memes ihrer Subkultur vertraut sind und diese nicht tierisch ernst nehmen.

47 North 2014. Englisch, 373 Seiten, ca. 18 Fr.


A. Eschbach: König für Deutschland
Die Nerds als Gralshüter der Demokratie
Andreas Eschbach ist Deutschlands bester und sorgfältigster Science-Fiction-Autor. Er strickt seine analytischen Plots häufig mit einem Flair für den exponentiellen Irrsinn. Bei «Eine Billion Dollar» überlegt er sich, wie dank Zinseszins eine einzelne Familie über 500 Jahre zu einem so unermesslichen Vermögen kommt, dass deren Erbe die Geschicke der ganzen Menschheit in neue Bahnen lenken kann. In «Herr aller Dinge» stösst die gleiche Menschheit dank des Genies von Hiroshi Kato in neue Dimensionen vor. Er erfindet Nanoroboter, die sich selbst replizieren und Strukturen beliebiger Grösse und Komplexität aus einzelnen Molekülen bauen. Selbst die Kolonialisierung des Universums ist so bloss eine Frage von ein paar Dutzend Jahren.

«Ein König für Deutschland» verwendet da einen geradezu bodenständigen Dreh für seine Handlung. Ein junger Programmierer findet eine Lücke in der Software von Wahlcomputern, mit der sich Volksentscheide manipulieren lassen. Da niemand dieser Gefahr für die Demokratie so recht glauben mag, will ein Grüppchen um den Vater des Programmierers, Simon König, den Tatbeweis antreten und einen absurden Volksentscheid gewinnen. Da die Wahlcomputer so manipuliert sind, dass sie einer Partei mit dem Kürzel «VWM» automatisch 95 Prozent der Stimmen zuschanzt, tritt König mit der «Volksbewegung zur Wiedereinführung der Monarchie» zur Bundestagswahl an. Nun nimmt die ­Geschichte seinen Lauf. König wird ­König, und die Computercracks finden, trotz mangelndem Talent, Geschmack an der politischen Macht. Nebst einem Happy End hat das Buch mehrere Nerds in Hauptrollen zu bieten, namentlich Alexander Leicht. Er organisiert Online- und Live-Rollenspiele und ist in die ­Systemadministratorin Sirona verschossen. Sie reicht zwar optisch, aber nicht bei ihrem Computertalent an Stieg Larssons archetypische Hackerin Lisbeth ­Salander heran.

Lübbe-Taschenbuch 2009. 432 Seiten, ca. 16 Fr.


Daniel Suarez: Control
Mehr Fortschritt, als die Menschheit aushalten kann
Früher war er Datenbankprogrammierer, heute entwickelt Daniel Suarez realistische Szenarien für die nahe Zukunft und hält mit seinen Visionen von selbst fahrenden Autos, «Augmented Reality»-Datenbrillen und intelligenten Drohnen in Atem. In seinem Buch «Control» (in Englisch: «Influx») stellt er die Frage, ob jeder technische Fortschritt ungebremst auf die Menschheit losgelassen werden sollte. Oder täte die nicht gut daran, erst die Auswirkungen abzuschätzen.

Im Buch hat eine US-Behörde die Rolle als Hüterin des Fortschritts ungefragt und ohne demokratische Legitimation übernommen. John Grady ist Partikelphysiker und gerät ihr in die Quere, als er einen Durchbruch bei der Anti­gravitation erzielt.

Daniel Suarez ist natürlich Partei. Er würde, genauso wie seine Leserinnen und Leser, lieber gestern als heute in ­einer Welt leben, in der wir dank Antigravitätsanzügen frei wie Vögel durch den Himmel fliegen und dank der kalten Fusion Energie im Übermass zur Ver­fügung haben. «Control» ist eine Geschichte wie ein Videogame – wobei die Qualität der Grafik wie immer bei ­Büchern nur von der Fantasie des Lesers abhängt.

Rowohlt-Taschenbuch 2014. 496 Seiten, ca. 21 Fr.


Constantin Gillies: Extraleben
Früher war auch in der digitalen Welt alles besser
So erstrebenswert die Zukunft auch ist – manche Dinge werden nie mehr so gut, wie sie schon lang nicht mehr waren. Das gilt, zumindest in den Augen von Constantin Gillies, für die Hardware und ihren früheren Charme und die anarchistischen Qualitäten der alten Computerspiele. Sein Buch «Extraleben» ist eine sentimentale Hommage an die Heimcomputer der ersten Stunde und Spiele wie «Space Invaders», «Pac-Man», «Donkey Kong» für Atari und den C64.

Nick und Kee haben ein Problem, das sie mit vielen Nerds teilen: Sie sind aufgewachsen, aber nicht erwachsen geworden. Nun entdecken sie bei einer ­ihrer an die alten Zeiten erinnernden Game-Sessions, dass im Spiel «Raid over Moscow» ein Easter Egg (eine versteckte Botschaft) untergebracht ist. Sie machen sich auf eine Reise durch die USA auf, um diesem digitalen Geheimnis und der ominösen Datacorp auf die Spur zu kommen. Das wird unversehens zu ­einem Selbstfindungstrip für eskapistische Nerds, die in einer riesigen, allerdings mit einem Augenzwinkern ge­schilderten Weltverschwörung gipfelt.

CSW-Verlag 2013. Taschenbuch, 346 Seiten, ca. 30 Fr.


Andy Weir: Der Marsianer
Ein Überlebenskampf, der Spass und Hof
Mark Watney ist das unbedeutendste Mitglied einer fünfköpfigen Besatzung bei der dritten bemannten Marsmission. Er hat das Pech, als Einziger auf dem Roten Planeten zurückzubleiben, nachdem seine Teamkollegen ihn nach einem ­Unfall für tot halten und die Mission überhastet abbrechen.

Nun ist Watney der einzige Bewohner eines unwirtlichen Planeten, ohne Kontakt zur Heimat, der mit viel Geschick sein Equipment zweckentfremdet, um möglichst lang am Leben zu bleiben. Wenn er es schafft, anderthalb Jahre zu überstehen und 3200 Kilometer zurückzulegen, dann kann er auf eine Bergung durch die nächste Besatzung rechnen. Andy Weir hat mit seiner Sci-Fi-Robinsonade einen Überraschungserfolg gelandet und lässt seine Leser von einer neuen Ära der bemannten Raumfahrt träumen. Sein Buch zelebriert den menschlichen Erfinder- und Improvisiergeist. Ihn kann in Kombination mit einem schwarzhumorigen Technikvertrauen nichts erschüttern. Rob Manning, der Chefentwickler des Curiosity-Marsroboters, hat sich in einem Interview bekannt, ein Fan des Buchs zu sein. Und er hat Weir attestiert, seine Darstellung der Technik sei tatsächlich nicht allzu weit von der Realität entfernt.

Heyne-Taschenbuch 2014. 512 Seiten, ca. 23 Fr.


John Scalzi: Das Syndrom
Wenn Körper und Geist getrennte Wege gehen
John Scalzi schreibt nicht nur für die ­digitalen Immigranten. Er ist selber ein Kind des Internets. Er verzahnt seine schriftstellerische Arbeit eng mit seinem Blog und kennt die Memes seines Publikums aus dem Effeff. Er hat mit «Red­shirts» eine turbulente Weltallodyssee verfasst, die mit Humor und Liebe zum Detail den «Star Trek»-Kult auf die Schippe nimmt. In «Das Syndrom» (englisch «Lock In») geht er der Frage nach, wie es wäre, wenn sich der Geist vom Körper loslösen und in humanoide Systeme für Telepräsenz versetzt werden könnte – und manche sich gleich in die Agora verabschieden. Das ist eine virtuelle Parallelwelt, so wie das Metaversum aus Neal Stephensons wegweisendem Roman «Snow Crash». Oder die von einem Game-Programmierer geschaffene Oasis in Ernest Clines Liebeserklärung an den Lifestyle der Gamer-Fanboys.

Ausgelöst wird die Trennung von Körper und Geist durch das «Haden-Syndrom». Diese grippeähnliche Krankheit sperrt einen Teil der Patienten in ihrem Körper ein – ohne Möglichkeit zur Interaktion mit der Umwelt. Diese Krankheitsfolge lässt sich nicht beheben, aber dank grosser Forschungsanstrengungen auf technischem Weg überwinden. Die Patienten ersetzen ihre nutzlosen Körper durch die «Threeps»-Roboter. Die Reichen haben auch die Möglichkeit, durch die «Integration» in andere, speziell dafür ausgebildete Menschen zu schlüpfen. Chris Shane, selbst ein Haden-Patient, muss als FBI-Ermittler feststellen, dass die Aufklärung von Morden und Verbrechen gar nicht so einfach ist, wenn Identitäten austauschbar sind.

Scalzi hat von Übervater Heinlein gelernt, dass Technologie in Science-­Fiction-Büchern am besten wirkt, wenn sie als selbstverständliche Nebensache behandelt wird.

Heyne-Taschenbuch 2015. 448 Seiten, ca. 15 Fr. Bereits erhältlich ist die englische Originalfassung: Gollancz-Verlag 2014, ca. 29 Fr.


P. Rothfuss: Königsmörder-Chronik
Die geheime poetische Ader der Nerds
Patrick Rothfuss ginge mit seinem grau melierten Rauschebart als Software­entwickler oder Linux-Guru durch. Er ist keines von beidem, aber er legt gegen die Zuschreibung Nerd auch keinen Widerspruch ein. Und er bedient mit seinen Geschichten ein Genre, das zwar mit Technik nichts zu tun hat, bei den Nerds nichtsdestotrotz hoch im Kurs steht: Fantasy nämlich.

Seine «Kingkiller Chronicle»-Reihe ist bestens geeignet, die Entzugserscheinungen zu lindern, wenn alle Folgen von George R. R. Martins «Das Lied von Eis und Feuer» ausgelesen sind. Abgesehen davon ist die Hauptfigur, die den sperrigen Namen Kvothe trägt, ein Nerd im eigentlichen Wortsinn – also ein Streber, der sich als Waisenkind und Zauberschüler zum viel besungenen Helden aufschwingt. Dazu muss sich Kvothe an der Magier-Uni behaupten, wo er seine Professoren mit besserwisserischen Reden gegen sich aufbringt, sich mit Mitstudenten anlegt und seine Herzensdame Denna mit seinem Flötenspiel bezirzt.

Natürlich erinnert das auch sehr an Joanne K. Rowlings Harry Potter. Allerdings hat es Rothfuss geschafft, sich von seinen Vorbildern zu befreien und ein unverwechselbares Universum zu schaffen – eines, das stark vom Kapitalismus unserer Zeit geprägt ist.

Die Zauberei gründet bei Rothfuss auf physikalischen Regeln. Die Energie, die ein Arkanist für seine Magie aufwendet, muss irgendwoher kommen. Wenn man keine Energiequelle zur Hand hat, zapft man seinen Körper an – was dramatische Wendungen ermöglicht und in Erinnerung ruft, dass alles seinen Preis hat. Das manchmal langatmige Werk hat gross­artige poetische Momente und beweist allen Nerds, dass auch introvertierte Helden lernen können, über ihren Schatten zu springen.

1. Teil: Der Name des Windes, Klett-Cotta 2007. 864 S., ca. 36 Fr.; 2. Teil: Die Furcht des Weisen 1 & 2. Klett-Cotta Taschenbuch 2011, 1440 Seiten, ca. 42 Fr.


Neal Stephenson: Snow Crash
Bizarre Zukunftsvisionen eines Cyberpunks
Dass diese Geschichte eine doppelbödige sein muss, merkt man schon beim Namen des Helden: Er heisst Hiro Protagonist, ist ein Pizzabote auf dem Skateboard und ein Informationssammler für den Geheimdienst. Ausserdem ein Hitzkopf mit locker sitzenden Samuraischwertern.

Die erste Rolle spielt Hiro im richtigen Leben, die weiteren im Metaversum. Das ist eine virtuelle Parallelwelt, in denen sich die vermögenden Leute prächtige Villen leisten, in manchen Gebieten die Naturgesetze ausser Kraft sind und in Freikampfzonen Menschen einander jagen und töten – und in die eine Droge namens «Snow Crash» einbricht, die ­eigentlich ein Virus ist.

Eine berauschende Wirkung hat dieses Buch auch auf den Leser – bis hin zum «Information overload» . . .

Goldmann-Taschenbuch 1992. 534 Seiten, ca. 19 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2015, 06:35 Uhr

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