Wenn Velo und Blumentopf ins Netz gehen

Das Internet der Dinge kommt in Zürich an. Hacker und Grossunternehmen sind in einem Wettlauf um die neue Technik.

Wenn Alltagsgegenstände miteinander reden: Das Things Network will dazu Städte mit Funknetzwerken erschliessen.

Wenn Alltagsgegenstände miteinander reden: Das Things Network will dazu Städte mit Funknetzwerken erschliessen. Bild: The Things Network (pd)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geschätzte 70 Millionen Geräte sollen in der Schweiz bis 2020 am Internet hängen und Daten austauschen. Von der Kaffeemaschine über die Türklingel bis zur Pillendose: Vernetzte Geräte, die mit Apps und Onlinediensten reden, gehören bisher ins Reich der Zukunftsvisionen. Die nötige Technologie war zu teuer, zu wenig leistungsfähig oder schlicht unpraktisch – ein elektronischer Schüsselanhänger etwa ist wenig attraktiv, wenn man ihn täglich laden muss wie ein Handy.

Eine neue Technologie ändert das gerade. Lorawan (kurz Lora) steht für «long range wide area network» und ist ein Funknetzwerk mit grosser Reichweite und kleinem Energiebedarf. Zwar können sie nur winzige Datenmengen übertragen – bereits Bilder scheiden aus – dafür funken Lora-Geräte aber kilometerweit und können mit einer kleinen Batterie jahrelang auskommen. Die Chips sind klein wie ein Zweifränkler, passen damit in Alltagsgegenstände und sind gleichzeitig billig – rund zehn Franken. Damit sind sie ideal geeignet, um günstig Geräte ans Netz zu bringen. Kleine Sensoren oder Schalter könnten so bald in allen Alltagsbereichen auftauchen, im Blumenbeet genauso wie an Briefkasten oder Velo.

Der Wettlauf beginnt

Noch ist Lora im Anfangsstadium: An Hochschulen sind die neuen Funkwunder bereits ein Thema, Techniktüftler basteln erste Anwendungen. Auch Start-ups und erste Unternehmen sehen das Potenzial. Bisher fehlt zwar das Netz, mit dem sich die Geräte verbinden könnten, aber das Interesse daran steigt. Noch völlig offen ist dabei, welcher Standard sich durchsetzt. Und – ähnlich wie in den Gründertagen des Internets – wie offen ein solches Netzwerk für Geräte dereinst sein wird.

Zu den Interessenten gehört auch die Swisscom, die vernetzte Geräte als künftiges Geschäftsfeld geortet hat und Testnetze in Zürich und Genf betreibt. Jaap Vossen leitet bei Swisscom die Sales-Abteilung M2M (Maschine zu Maschine). Er sieht die Lora-Technologie kurz davor, breit Fuss zu fassen. Für Gerätehersteller sei es höchste Zeit, das Internet der Dinge auf dem Schirm zu haben: «Wer sich noch nicht damit befasst, wird es schwer haben, das wieder aufzuholen.» Der Telekommunikationsdienst sieht sich im Zentrum, was den Aufbau von Netzwerken und das Zusammenbringen wichtiger Akteure angeht, von Chipherstellern bis zu Softwareentwicklern und Dienstleistern. «Wir sind in einer guten Position, den Aufbau der Infrastruktur voranzutreiben», sagt Vossen. Gleichzeitig lotet das Unternehmen in Praxistests Anwendungsmöglichkeiten aus. Ein Beispiel: Beim Schloss Lenzburg melden Parkplätze via Sensoren im Boden, ob sie belegt sind oder nicht.

Hacker wollen ein Netz für alle

Von einer ganz anderen Seite nähert sich eine wachsende Anzahl von Tüftlern dem Thema, die lieber ein freies allgemein zugängliches Internet der Dinge sähen. Losgetreten hat die Idee der Niederländer Wienke Giezeman. Der Internet-Unternehmer aus Amsterdam hat mit dem Things Network eine Stiftung lanciert, die Lora demokratisieren will. Die Absicht: Neben den kommerziellen Netzen eine Gratisalternative aufzubauen. Mit einer Schwarmfinanzierung sucht man derzeit Gönner, die für Geldspenden Hardware erhalten. Die Kickstarter-Kampagne hat ihr Finanzierungsziel von 150'000 Euro bereits überschritten.

Erst ermöglicht wird die vernetzte Technik von einer Eigenheit von Lora: Die Kosten pro angeschlossenem Gerät sind verschwindend gering verglichen mit anderen Netzwerk-Technologien. So kann ein sogenanntes Gateway, in einer Privatwohnung ans Internet angeschlossen, bis zu 10'000 Funkgeräte im Umkreis mehrerer Kilometer online bringen. Ein solches Gateway kostet derzeit rund 200 Franken, Tendenz fallend. Anders als bei Handy-Mobilfunk kann so eine kleine Gruppe Freiwilliger mit wenig Geld eine ganze Stadt vernetzen. «Ich bin begeistert von dieser Möglichkeit», sagt Gonzalo Casas, der sich in Zürich für das Things Network engagiert. In seiner Freizeit baut der Softwareentwickler mit Bürokollegen und anderen Interessierten am Internet der Dinge für Zürich. Zwei Gateways sind es bereits jetzt, im Lauf der nächsten Monate sollen über die Stadt verteilt sieben weitere dazukommen.

Noch regieren die Nerds

Noch ist das Things Network eine Sache für Informatiker. «Hacker müssen jetzt die Infrastruktur bauen, das macht den Weg frei für die Nutzer,» sagt Casas. Hier soll auch die Kickstarter-Kampagne aus Amsterdam eine Brücke bauen. Die Hoffnung der Unterstützer ist eine Art Apple-Effekt: Die Niederländer wollen die bislang unhandliche und komplizierte Technik zugänglich machen – mit simpler Bedienung und ansprechenden Gerätedesigns.

Casas’ Engagement für ein öffentliches Funknetzwerk zielt vor allem darauf, Freiwillige zusammenzubringen, die in der Freizeit Programmier-Know-how und Technik zur Verfügung stellen. Sie organisieren sich über das Netz, in einem Slack-Forum, den Dienst Meetup und über Twitter-Konten wie ttn_zh oder iotzh.

Geld wollten sie mit dem Netz nicht verdienen, sagen die Hobbyisten um Casas. Vielmehr begeistert sie die Möglichkeiten einer vernetzten Umwelt. Die Anwendungen seien vielfältig: von Pflanzen, die melden, wenn sie gegossen werden wollen bis zu Velos, die bei Diebstahl Alarm schlagen. Casas ist überzeugt, dass die Ideen noch zahlreicher werden, sobald die Technik auch für Nicht-Informatiker zugänglich wird: «Es gibt so viel, das uns jetzt noch nicht einfällt.»

Die Schwarmfinanzierung des Things Network läuft noch bis heute Nachmittag um 13 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2015, 11:27 Uhr

Artikel zum Thema

Swisscom baut ein Mobilfunknetz für das Internet der Dinge

Das Internet der Dinge (IoT) ist das Internet der Zukunft: Anstatt Computer verbindet es «Dinge» wie Maschinen, Geräte und Installationen. Die Swisscom errichtet nun in Genf und Zürich ein erstes IoT-Netzwerk. Mehr...

Jetzt kommt das Android für Toaster und Kühlschränke

Google legt vor im Wettlauf um das Internet der Dinge. Wo der Konzern damit hinwill. Mehr...

Google sieht bald, «wenn Leuten ihr Toast verbrennt»

Mit dem Milliarden-Kauf der Firma Nest könnte Google bald Einblick in die Daten aus Millionen von Haushalten erhalten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...