Die lange Leitung der Eltern

Grossaktionäre von Apple fordern mehr Kontrollmöglichkeiten bei Smartphones, um die Kinder zu schützen. Der Ruf greift zu kurz: Gefordert sind die Eltern.

Digitaler Alltag: Die Nutzer von Hightechgeräten werden zunehmend jünger. Foto: Getty Images

Digitaler Alltag: Die Nutzer von Hightechgeräten werden zunehmend jünger. Foto: Getty Images

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Es ist die Horrorvorstellung vieler Eltern: Der Nachwuchs greift sich heimlich ein Smartphone, drückt ein bisschen rum und kriegt Gewalt oder Pornografie oder beides zusammen zu sehen. Auch In-App-Käufe für mehrere Hundert Franken sind gefürchtet. Bei Kleinkindern ist das mit einer Passwortsperre einfach zu verhindern. Doch wie grössere Kinder schützen? Kein eigenes Smartphone erlauben?

Mit dieser Strategie wäre man in bester Gesellschaft – der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs verbot seinen Kindern eigene Geräte. Das war aber vor sieben Jahren. Heute ist diese Methode praktisch unmöglich, der Pausenplatz-Druck zu hoch. «Aber alle haben ein Handy. Alle!», tönt es dann mit der Verzweiflung des sozial Ausgestossenen. Denn Kommunikationstechnologie ist in der Kindheit allgegenwärtig. Einer der erfolgreichsten Kinderfilme des letzten Jahres war «Emoji», der von menschlichen Emojis handelte, die im Innern eines Handys leben.

Das iPhone hat, im Vergleich zu Android, bei den Bedienungshilfen die Nase weit vorn. Video: Matthias Schüssler

Zwar gibt es schon länger Apps, die die Smartphone-Nutzung zu regulieren versprechen. Die Eltern können über solche Programme festlegen, was ihre Kinder mit dem Smartphone tun können und was nicht. Bloss sind diese Apps oft kompliziert einzurichten und lassen sich von den Kindern relativ leicht aushebeln. Deshalb haben zwei Grossaktionäre des iPhone-Herstellers Apple nun die Firmenleitung aufgefordert, etwas gegen den unkontrollierten Smartphone-Gebrauch bei jungen Menschen zu unternehmen. Apple solle diese bedrohliche Entwicklung endlich ernst nehmen, schrieben die Investoren in einem offenen Brief, und im Silicon Valley eine Vorreiterrolle spielen. Die Eltern sollten die Möglichkeit erhalten, die Nutzung der Geräte zeitlich zu beschränken und unerwünschte Inhalte zu blockieren.

Ein Zefall des Aktienkurses drohe

Ganz uneigennützig war der Schritt nicht: Falls der Konzern das Problem ignoriere, so die Verfasser, dann drohe nicht nur die Reputation der Firma Schaden zu nehmen, sondern auch ein Zerfall des Aktienkurses.

Statistiken geben den Überlegungen der Apple-Aktionäre recht. In der Schweiz nutzen Jugendliche ausserhalb der Schule im Schnitt während 4,4 Stunden Computer, Tablet oder Smartphone oder schauen fern. 98 Prozent der Teenager zwischen 12 und 19 Jahren haben ein eigenes Handy. Und die jugendlichen Nutzer werden immer jünger, viele Eltern kaufen bereits Zehnjährigen ein Gerät. Schliesslich ist die Zukunft digital, und auch der Familienalltag ist per Smartphone einfacher zu organisieren. Im Notfall ist man ausserdem stets erreichbar und kann über GPS den Aufenthaltsort des Kindes überprüfen.

Schlafstörungen und Depressionen

Bloss: Übermässiger Handykonsum – mehr als zwei Stunden pro Tag – kann bei Jugendlichen laut Studien Schlafstörungen und Depressionen auslösen und die Suizidwahrscheinlichkeit an­steigen lassen.

Die Forderung der Apple-Aktionäre führt auch zur Verantwortungsfrage. Inwiefern sind die grossen Hightech-Player für die Sicherheit von Kindern zuständig? Aus liberaler Sicht liegt die Verantwortung primär bei den Eltern; Verbote und Regulierungen nützen wenig. Und tatsächlich ist die Absicht, das Internet sauber zu halten, genauso realistisch, wie eine Grossstadt rund um die Uhr kinderfreundlich zu gestalten – zumal Politik und Gesetze nicht mit dem Fortschrittstempo der Digitalisierung mithalten können. Selbstregulierung über Verbände – etwa Altersempfehlungen auf Apps ähnlich jenen auf Videogames – klingt fortschrittlich, ist aber naiv: Gerade das Verbotene reizt die Jugendlichen ja.

Letztlich kann der heilige digitale Gral, Vernetzung und Sicherheit, nur über eine Kombination dieser Vorschläge gefunden werden. Wobei den Eltern wohl die Hauptaufgabe zufällt: Eingestehen, dass Smartphones nicht wie eine Urgewalt über unsere Familien hereingebrochen sind, der wir hilflos ausgesetzt sind – und stattdessen Aufklärung betreiben und Kinder befähigen, sich eigenverantwortlich im Netz zu bewegen. Die Regeln dazu haben Fachleute schon länger formuliert und publiziert. Jetzt müsste man sie einfach umsetzen.

Erstellt: 18.01.2018, 20:24 Uhr

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