Digitaler Treibstoff

Künstliche Intelligenz ist gut für die Wirtschaft. Ist sie auch gut für die Bürgerrechte?

Künstliche Intelligenz soll künftig europäischen Werten entsprechen: Ein Roboter der Universität Zürich. Foto: Doris Fanconi

Künstliche Intelligenz soll künftig europäischen Werten entsprechen: Ein Roboter der Universität Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Am Weltwirtschaftsforum in Davos geht es für die Öffentlichkeit vor allem ums Klima – aber auch die künstliche Intelligenz wird von der Elite in den Alpen verhandelt. Denn da gibt es eine mythische Zahl, die seit einiger Zeit kursiert: Um 15,7 Billionen Franken soll die künstliche Intelligenz, kurz: KI, spätestens ab 2030 das globale Bruttosozialprodukt jährlich erhöhen. Durch mehr Konsum und Einsparung von Arbeitsplätzen.

Egal, was man von solchen Prognosen hält, kommt so eine Zahl in Umlauf, kann aus einer neuen Technologie eine ökonomische Naturgewalt werden. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der KI werden jedenfalls allumfassend sein.

Die EU-Kommission hat dazu schon mal ein Weissbuch verfasst, und auch in der Schweiz sollte man es lesen. Denn die Autoren gehen kundig und optimistisch an das Thema KI heran. Das wird viele überraschen, welche die EU-Kommission als Epizentrum fortschrittsfeindlichen Regulierungswahns ansehen. Doch der Entwurf hat im Blick, dass wir hier in Europa bei der Entwicklung und Anwendung aufholen müssen. Denn die positiven Effekte von KI in der Medizin, der Logistik, in der Qualitätskontrolle oder der Bekämpfung der Erderwärmung könnten enorm sein.

Eine Software, die Menschen identifizieren kann, wäre ein mächtiges Instrument für die Geheimdienste.

Die Weltmarktführer USA und China haben das längst erkannt. Der Text fordert nun, dass bei der Entwicklung von KI europäische Werte und Prinzipien gewahrt bleiben. Europa mag bei der wirtschaftlichen Entwicklung digitaler Technologien notorisch hinterher sein. Den Einfluss der EU auf die Tech-Welt und ihr Ansehen bei vernünftigen Menschen darf man aber nicht unterschätzen. Über die europäische Datenschutz-Grundverordnung wurde erst weltweit geflucht. Inzwischen entwickelt sie sich zum internationalen Standard. Tech-Pioniere preisen sie als wegweisend. Gerade weil mit KI Daten zur Gefahr für den Einzelnen werden.

Was zum Beispiel mit Bürgerrechten passieren kann, enthüllte ebenfalls in diesen Tagen ein Bericht der «New York Times» über die Firma Clearview AI. Die hat bei US-Behörden und aus dem Internet drei Milliarden Bilder von Menschen zusammengesammelt und diese Datenbank mit einer KI gekoppelt, die innerhalb von Sekunden Menschen identifizieren kann. Polizei- und Sicherheitsbehörden wie das US-Ministerium für Heimatschutz oder das FBI wären potenzielle Kunden. Für US-Bürger bedeutete der Einsatz dieser Technologie das Ende des Datenschutzes.

So gefährlich wie radioaktive Stoffe

Bisher kannte man eine solch flächendeckende Nutzung von Gesichtserkennung für die Bevölkerungskontrolle aus China. Doch auch bei uns experimentieren Polizeikorps mit solchen Methoden. Dafür gibt es gute Gründe. Auch in Ländern aber, deren Rechtsstaatsverständnis eher mit dem europäischen im Einklang stehen, reicht ein leichter Rechtsruck in der Regierung, um in bislang rechtsstaatlichen Organen finstere Kräfte freizusetzen. Das zeigt das Beispiel der US-Einwanderungsbehörde ICE, die sich unter Trump zum brutalen Rollkommando gewandelt hat.

Das EU-Weissbuch fordert deswegen ein Moratorium für solche Methoden. Das ist eine vernünftige Vorsichtsmassnahme, auch wenn ja sein mag, dass künstliche Intelligenz mit Intelligenz nichts zu tun hat. KI ist nichts anderes als der nächste Entwicklungsschritt der Datenverarbeitung, der vor allem komplexe Rechenvorgänge wie die Analyse von Datenmustern automatisiert und dabei durch Maschinenlernen immer besser wird.

Was solche Prozesse auslösen können, wird gerade am Beispiel Facebook intensiv diskutiert. Das soziale Netz ist mit niedrigschwelliger KI darauf getrimmt, die Zeit der Nutzer auf der Seite und damit die Nutzerdaten und den Profit der Firma zu maximieren. Das ist per se nicht verwerflich. Nebenwirkungen waren jedoch die Erosion der politischen Diskurse und die Verstärkung gesellschaftlicher Spaltungen. Ausserdem beeinflussen soziale Netzwerke das Verhalten ihrer Nutzer. Die Untersuchungen, welche Auswirkungen das auf Wahlen hatte, sind erst am Anfang.

All dies beschleunigt die künstliche Intelligenz. Die Daten jedes Einzelnen sind dabei der digitale Treibstoff. Die verfolgte Journalistin Maria Ressa, die in ihrer Heimat, auf den Philippinen, die Erosion der Demokratie und der Bürgerrechte beobachtet, warnte deswegen: «Daten sind nicht das neue Öl. Sie sind das neue Plutonium.» So wirkungsvoll, so gefährlich wie dieser radioaktive Stoff.

Erstellt: 22.01.2020, 21:56 Uhr

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