Vier Bücher für den Durchblick im digitalen Zeitalter

Manchmal erklärt die Fiktion die Welt besser als ein Sachbuch. Gelegentlich prägen sie sogar unsere Realität – wie diese Werke.

Wäre diese Maschine gebaut worden, hätte das Computerzeitalter womöglich 100 Jahre früher begonnen. Foto: Science Museum London

Wäre diese Maschine gebaut worden, hätte das Computerzeitalter womöglich 100 Jahre früher begonnen. Foto: Science Museum London

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Andreas Eschbach: «NSA – Nationales Sicherheits-Amt», Lübbe, 2018, 800 Seiten, 35.90 Fr.

Was passiert, wenn ein Unrechtsstaat auf moderne Informationstechnologie zurückgreifen kann? Diese Frage beschäftigt Andreas Eschbach in seinem jüngsten Buch «NSA». Die Nationalsozialisten herrschen über ein Volk, das fleissig Komputer (mit K geschrieben) und mobile Telefone benutzt, per Weltnetz kommuniziert und Termine und Tagebücher in Datensilos speichert.

Smartphones, Internet und die Cloud im dritten Reich? Das ist nicht so absurd, wie es klingt. Der englische Mathematiker Charles Babbage hat im viktorianischen England eine Rechenmaschine entworfen. Wäre diese Analytical Engine damals gebaut worden, hätte das Komputerzeitalter hundert Jahre früher anbrechen können. Eine kleine Spekulation des Autors – es hätte nur etwas mehr Geduld bei der britischen Regierung gebraucht, die es nach 19 Jahren leid war, eine ergebnislose Entwicklung zu finanzieren.

Big Data im dritten Reich

Was diese alternative Realität mit uns zu tun hat, braucht man nicht lange zu fragen. Die Reichsführung hatte die Weitsicht, ganz auf Big Data zu setzen und auch das Bargeld abzuschaffen. So spüren die Mitarbeiter des Sicherheitsamts NSA von ihrem Bürobildschirm aus untergetauchte Personen auf, indem sie in den elektronischen Transaktionen die Ausgaben für Lebensmittel ermitteln, daraus den Kalorienverbrauch errechnen und den mit der Haushaltsgrösse vergleichen.

Die beiden Hauptpersonen sind Helene Bodenkamp und Eugen Lettke. Beide treten sie während der 40er-Jahre in Weimar in das Nationale Sicherheits-Amt ein. Sie arbeitet als Programmstrickerin und schreibt Auswertungen für ihre Vorgesetzten. Er ist Analyst und soll in den amerikanischen Foren in Diskussionen eingreifen und Stimmung für die isolationistischen Kräfte machen, damit sich die USA möglichst aus dem Krieg in Europa fernhalten. Beide können auf die ganzen Datenbestände des Reichs zugreifen. Sie wissen, dass Streifzüge durch die Datensilos zu privaten Zwecken ein Kündigungsgrund sind. Doch dass sie selbst überwacht werden könnten, das kommt den Überwachern nicht in den Sinn.

Es kommt, wie es kommen muss: Helene forscht ihrer verschwundenen jüdischen Freundin nach und manipuliert, um versteckte Menschen zu schützen. Lettke treibt einen privaten Rachefeldzug voran, verschafft sich Macht über andere und persönliche Befriedigung. Dieser Datenmissbrauch im Kleinen – sogar, wenn er für das Gute passiert – ist menschlich, einleuchtend und nachvollziehbar. Und er macht den Missbrauch im Grossen umso erschreckender.


Dave Eggers «Der Circle», Kiepenheuer & Witsch, 2014, 560 Seiten, 31.90 Fr.

«The Circle» ist ein unterhaltsamer und flüssig zu lesender Roman. Er lässt einen verstehen, wie das Silicon Valley tickt. Denn die Wiege der Tech-Industrie hat eigene Gesetzmässigkeiten: Sie ist arrogant, geschichtsvergessen, selbstverliebt und kindisch. Und so widersprüchlich, dass es an Schizophrenie grenzt.

«The Circle» beschreibt ein fiktives Internet-Unternehmen: eine Kreuzung zwischen Google und Facebook. Bei dem tritt Mae Holland eine neue Stelle an. Sie ist tief beeindruckt vom Campus: Alles ist glänzend, wohlorganisiert und durchdacht. Und auch wenn Mae den langweiligen Job einer Kundenbetreuerin macht, so gefällt es ihr ausnehmend gut.

Die Diktatur der Social-Media-Nerds

Alles ist entspannt. Keiner ihrer Chefs scheint gesteigerten Wert auf Hierarchien zu legen, und überhaupt darf jeder beim Circle ein Individualist sein. Mit ihren knallharten Leistungsvorgaben kann Mae problemlos umgehen. Sie performt ausgezeichnet, und das bringt ihr Lob und Anerkennung ein.

Irritiert ist sie erst, als ihre Vorgesetzten ihr zu verstehen geben, dass sie nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Privatperson einzubringen hat. Der «participation rank» gibt an, wie sehr sich jemand mit «Smiles», «Frownes» und «Zings» – also Kommentaren, Postings, Interaktionen aller Art einbringt.

Das Buch entlarvt die Selbstverliebtheit und die mangelnde Selbstreflexion der Tech-Branche.

Maes «participation rank» ist hundsmiserabel. Deswegen muss sie bei ihren Chefs antraben, bei denen auch der gröbste Zusammenschiss noch nach freundschaftlicher Unterhaltung klingt. Offensichtlich sind sich diese Internet-Nerds trotz Nonstop-Kommunikation nicht gewohnt, Konflikte hart auszutragen. Auch Mae weiss nicht, wie sie mit ihrem Exfreund Mercer umgehen soll, der den Circle als Scheinwelt brandmarkt.

Das Buch entlarvt die Selbstverliebtheit und die mangelnde Selbstreflexion der Tech-Branche. Nichts wird hinterfragt – weil man nicht will und weil man nicht kann. Und weil man glaubt, dank der technischen Überlegenheit auch moralisch unangreifbar zu sein. Das ist ein Kurzschluss – aber einer, für den Nerds mit ihrer autistischen Realitätswahrnehmung anfällig sind. Das führt bei Dave Eggers dorthin, wohin es führen muss – zu einer digitalen Diktatur, wo ein System namens «Demoxie» die Geschicke des Staates bestimmt und Geheimnisse Lügen sind und Privatsphäre als Diebstahl betrachtet wird.

Das dürfte übertrieben sein: Auch unter den Nerds gibt es ein paar kritische Geister. Trotzdem ist es interessant zu wissen, dass die Erfinder der sozialen Medien vor ihren eigenen Abgründen nicht gefeit sind.


Ray Bradbury: «Fahrenheit 451», Diogenes, 2013, 320 Seiten, 15.90 Fr.

Die grossen Autoren der Science-Fiction haben die Zukunft nicht nur vorausgesagt, sondern auch herbeigeschrieben. Da ist Isaac Asimov, der 1942 drei Robotergesetze formulierte. Die verbieten es Maschinen, Menschen zu verletzen. Sie widerhallen im Bericht, den die britische Regierung 2017 zur Regulierung künstlicher Intelligenzen erstellt hat.

Da ist Altmeister Philip K. Dick, der mit dem als «Blade Runner» verfilmten Buch «Do Androids Dream of Electric Sheep?» den Namen für Googles Smartphone-Betriebssystem beigesteuert hat. Auch die Nexus-Smartphones, die Google ab 2010 entwickelt hat, beziehen ihren Namen aus Dicks Geschichte: Nexus 6 heisst dort die Baureihe eines Roboters in Menschengestalt, der hochintelligent, aber auch gefährlich ist und von Kopfgeldjägern erlegt wird. Was wahrscheinlich als Ehrerbietung gedacht war, hat die Tochter des Autors 2010 dazu gebracht, eine Markenrechtsklage gegen Google in Erwägung zu ziehen.

Eine Facebook-Vision aus den 50er-Jahren

Und da ist Ray Bradbury. Sein Buch «Fahrenheit 451» ist eines der bekanntesten Bücher, das der Menschheit eine dystopische Zukunft prophezeit. 1953 veröffentlicht, entwirft er eine Welt, in der Bücher verboten sind und sich die Leute von Videoschirmen berieseln lassen.

Erstaunlich viele technische Fantasien Bradburys sind inzwischen Realität: drahtlose Lautsprecher namens Sea­shell Radios, die unterwegs wie heute die Bluetooth-Kopfhörer im Ohr getragen werden. Die TV-Geräte nehmen ganze Wände ein, so wie es heute Flachfernseher tun. Selbstlenkende Autos und Geldautomaten tauchen in dem Buch auf. Ebenso Roboterhunde, die das Google-Unternehmen Boston Dynamics heute in Echt baut. Und das Buch hat Bezüge zum Internet: Wenn eine Homepage aus rechtlichen Gründen gesperrt ist, geben Webserver den «HTTP 451»-Fehler aus.

Die «New York Times» schrieb, «Fahrenheit 451» sei das Buch für das Social-Media-Zeitalter.

Es gibt Leute, die dem Autor unterstellen, er habe sogar Facebook vorweggenommen. Der Protagonist beklagt, niemand würde mehr zuhören. Seine Frau würde bloss mit der Wand reden und ihr zuhören. Diese absorbierende Wand, das sei die «Facebook Wall», die persönliche Homepage. Die «New York Times» schrieb, «Fahrenheit 451» sei das Buch für das Social-Media-Zeitalter: «In einer virtuellen Welt wird der Bücherbesitz zu einem Akt der Rebellion. Wenn man ein gedrucktes Buch besitzt, dann kann das niemand tracken, hacken oder verändern.»


M. T. Anderson: «Feed», Walker Books, 2013, 320 Seiten, 19.90 Franken

«Eine gute Science-Fiction-Geschichte sollte nicht das Auto vorhersagen, sondern den Verkehrsstau.» Das Zitat stammt von Autor Frederik Pohl und es gilt umso mehr, wenn es nicht um banale Erfindungen wie das Auto, sondern um invasive Techniken wie die direkte Vernetzung von Mensch und Cyberspace geht. Wie der Geist ans Internet angeschlossen wird, ist eigentlich irrelevant – ob mit einem implementierten Computerchip oder durch Nanobots, die die Erinnerung manipulieren.

Den Chip im Kopf mit Anschluss ans Mobilfunknetz ist der technische Treiber bei Andreas Eschbachs Trilogie «Black Out», «Hide Out» und «Time Out». Die Nanobots finden sich in «Game Changer», der Geschichte von Douglas E. Richards, die sich um neurowissenschaftliche Präzision bemüht, wenn es um das menschliche Erinnerungsvermögen und dessen Schwächen geht.

Das Internet direkt im Kopf

Bei «Feed» von M. T. Anderson, einem rasanten Cyberpunk-Roman für junge Erwachsene von 2002, kommt wiederum ein Implantat zum Einsatz. Die allermeisten Amerikaner besitzen eines. Es verbindet sie mit dem Feednet, das dem Internet von 2019 recht ähnlich sieht: Es bietet Informationen, Unterhaltung und Virtual Reality.

Zusätzlich ermöglicht es telepathische Kommunikation. Und es spielt regelmässig Werbung aus, die wie die TV-Unterbrecherwerbung unvermittelt über die Nutzer hereinbricht. Eindrücklich ist das in der Hörbuch-Fassung, wo fiktive Spots den Erzähler abrupt unterbrechen.

«Feed» kritisiert ätzend das Konsumdenken und unkritische Nutzer.

Das ist natürlich eine ätzende Kritik am Konsumdenken, an übergriffigen und übermächtigen Konzernen und an unkritischen Nutzern, die alles ungefiltert in ihren Kopf lassen, wenn es bloss unterhaltend ist und die hedonistischen Triebe befriedigt.

«Feed» ist aber auch die Liebesgeschichte zweier Teenager, die nie eine Welt kennen gelernt haben, in der «die Menschen ihre Hände und ihre Augen benutzen mussten», wie der Protagonist Titus verblüfft konstatiert: «Die Computer waren damals ausserhalb des Körpers. Die Leute haben sie mit sich herumgetragen und in den Händen gehalten. So, als ob man seine Lunge in einer Aktentasche mit sich tragen würde, die man aufklappt, um zu atmen.»

Und auch wenn diese Dystopie die Zukunft (wahrscheinlich) krass überzeichnet, so überzeugt sie durch ihre Leichtigkeit und die authentische Schnoddrigkeit.

Erstellt: 15.01.2019, 19:33 Uhr

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