Was tun, wenn ein 20-Jähriger einen Staat blossstellt?

Intimste Daten landeten im Netz, gehackt von einem Schüler. Solche asymmetrischen Cyberkriege wird es künftig ohne Ende geben. Das hat Folgen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kämpfe mit ungleichen Mitteln gehen selten gut aus. Bei den asymmetrischen Konflikten der Gegenwart sind es meistens die vermeintlich Stärkeren, die Verluste machen. Nationalstaaten, konventionelle Streitkräfte, Zivilgesellschaften. So ist das auch beim Angriff auf die digitale Sicherheit Deutschlands, hinter der ein Schüler steht. Er hatte Tausende private Dokumente von Politikern, Journalisten und Prominenten gehackt und online gestellt,

Käme der Angriff von einem Nationalstaat, wäre er ein kriegerischer Akt, auch wenn sich das Völkerrecht mit Fragen rund um Cyberkriegsfälle noch sehr schwer tut. Der Angriff wurde nicht von einem Staat oder einer Gruppe, sondern von einem 20-jährigen Einzeltäter lanciert. Was den Fall umso brisanter macht, weil er die Asymmetrie der Cyberkonflikte noch dramatischer illustriert, als es die Aufregung um unerlaubte Veröffentlichungen privater Daten und Fotos von Politikern und Prominenten erst einmal glauben macht.

Cyberangriffe überfordern alle drei der staatlichen Gewalten eines Rechtsstaates

Cyberangriffe überfordern gleich alle drei der staatlichen Gewalten eines Rechtsstaates. Die Exekutive tut sich schwer, solche Angriff abzuwehren, weil sie aus der Tiefe des digitalen Raums sehr plötzlich die Zentren der Gesellschaft treffen. Die Judikative steht auf verlorenem Posten, weil es bei digitalen Angriffen zum einen schwer bis unmöglich ist, Angreifer zu identifizieren. Zum anderen greifen die Gesetze immer noch zu kurz. Denn die Legislative hinkt mit ihren bedächtigen Zyklen der Konsensfindung beim gegenwärtigen technischen Fortschritt seit Jahren hinterher.

An diesem Missverhältnis zwischen Hackern, die mit geringstem Aufwand enorm viel erreichen können, und schwerfälligen staatlichen Institutionen wird sich nicht nur nichts ändern. Es wird sich auch noch verschärfen. Es ist zwar nicht so, dass man sich als Einzelner nicht schützen kann. Jeder kann Computerprogramme und Handyanwendungen auf dem neusten Stand halten, Kryptografie benutzen und vor allem gesunden Menschenverstand anwenden. Ein grosser Teil der Köder, die Hacker auslegen, um in fremde Netze einzudringen, erkennt man an den bizarren Netzadressen, windigen Anliegen oder allzu verlockenden Angeboten.

Der gegenwärtige digitale Fortschritt wird es Hackern in Zukunft noch leichter machen

Doch das alleine wird nicht reichen. Selbst Hillary Clintons Wahlkampfmanager John Podesta fiel auf eine Lockmail herein, die sich als Sicherheitswarnung von Google tarnte. Das erkannte nicht einmal der IT-Experte des Teams. Was dazu führte, dass brisantes Material der amerikanischen Präsidentschaftskandidatin an die Öffentlichkeit gelangte und gegen sie verwendet wurde.

Der gegenwärtige digitale Fortschritt wird es Hackern in Zukunft noch leichter machen. Künstliche Intelligenzen (KI), also Programme, die sich automatisch selbst verbessern und eigene Strategien entwickeln, werden noch plötzlicher, noch umfassender angreifen können. Dazu kommt die Entwicklung der Quantencomputer, die mithilfe der Quantenmechanik die Gesetze der klassischen Physik hinter sich lassen können und deswegen sämtliche Verschlüsselungsverfahren aushebeln werden, die auf klassischen Mathematikmodellen beruhen. Also derzeit alle.

Was also tun, wenn sich nicht einmal hochrangige Regierungsmitglieder der USA schützen können? Wie reagieren, wenn der technische Fortschritt die digitale Welt und ihre Infrastrukturen auf der einen Seite immer effektiver und allgegenwärtiger, aber gleichzeitig immer verwundbarer macht?

Cyberkriege müssen Nationen und Gesellschaften ohne Aussicht auf Sieg führen

Die Zivilgesellschaften werden sich im digitalen Raum auf asymmetrische Kriege ohne Ende einlassen müssen. Auch da kann man sich an der jüngeren US-Geschichte orientieren. Niemand erklärt nicht-militärischen Gegnern so gerne den Krieg wie amerikanische Präsidenten. So wie Lyndon B. Johnson 1964 der Armut, Richard Nixon 1972 den Drogen, George W. Bush 2001 dem Terror. Bei keinem dieser Konflikte ist ein Ende in Sicht. Gekämpft wird trotzdem.

Auch Cyberkriege müssen Nationen und Gesellschaften ohne Aussicht auf Sieg führen. Regierungen stehen trotzdem in der Pflicht, ihre Bürger vor digitalen Angriffen mit dem gleichen Aufwand zu schützen wie vor Terror, Seuchen oder Hunger. Das ist eine neue Grundaufgabe des Staates.

Langfristig wird digitale Bildung essenziell. Dafür gäbe es schon Wege. Nicht nur die Schulen sind in der Pflicht, auch die öffentlich-rechtlichen Medien. Ein erster Schritt aber muss ein offizielles Bekenntnis sein, dass sich die Regierungen der Gefahr nicht nur bewusst sind, sondern sie auch aktiv und langfristig bekämpfen werden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.01.2019, 10:15 Uhr

Artikel zum Thema

Das bringt das Tech-Jahr 2019

Kann Apple das iPhone-Geschäft wieder ankurbeln, und wie kann sich Samsung im Jubiläumsjahr Huawei vom Hals halten? Mehr...

Uneinigkeit bei der Cyberabwehr

Viele Unternehmen sind ungenügend gegen Attacken aus dem Internet geschützt. Der Bund will ihnen helfen – mit freiwilligen Massnahmen. Politiker zweifeln, dass das reicht. Mehr...

Soldaten installierten WLAN-Geräte – wo, scheint niemand zu wissen

Das VBS hat das Risiko fremder IT-Geräte untersucht – und in der Armee private WLANs und einen Mailserver gefunden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Politblog Das «Treffen der Extremen» in Bern

Die Welt in Bildern

Container voll mit Arbeit: Nachdem die Wahllokale geschlossen wurden, werden die Stimmen im Atrium des Raatshauses von Den Haag von Hand gezählt. (20. März 2019)
(Bild: NIELS WENSTEDT) Mehr...