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Dem Menschen bleibt nur das Herz

In seinem neuen Buch «Die digitale Kränkung» zeichnet Matthias Zehnder ein pessimistisches Bild vom Verhältnis Mensch - Maschine.

Die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben: Garri Kasparow 1997 beim Match gegen Deep Blue.
Die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben: Garri Kasparow 1997 beim Match gegen Deep Blue.
Adam Nadel, Keystone

Am Ende wird alles gut: Nachdem der Mensch über Jahrhunderte gedemütigt wurde, zuerst von Maschinen, dann von der Digitalisierung, bricht ein neues Zeitalter an. Die Ära des Herzens. Denn das Emotionale ist das, was den Menschen ausmacht, was er als letztes Ass im Ärmel den seelen- und herzlosen Automaten und Algorithmen noch voraushat. Es ist ein versöhnlicher Lichtblick nach pessimistisch stimmenden einhundert Seiten.

Maschinen setzen den Menschen schachmatt – das ist die Essenz des Buches «Die digitale Kränkung» von Matthias Zehnder, erschienen bei NZZ Libro. Schachmatt zuerst einmal im ganz direkten Sinne: Zehnder steigt ein mit dem legendären Schachspiel von Garri Kasparow gegen Deep Blue im Jahr 1997, bei dem der Weltmeister empfindlich geschlagen wird. Der Autor kommt immer wieder darauf zurück; der entscheidende Match in dem königlichen Spiel, das lange Zeit den Menschen vorbehalten schien, ist Dreh- und Angelpunkt in seiner Konstruktion der Demütigung des Menschen durch die Maschinen und das Digitale über die Jahrhunderte.

Der Publizist zeichnet in seiner Abhandlung nach, wie der Glauben der Menschheit an die eigene Sonderstellung immer wieder erschüttert wurde: Zuerst durch Kopernikus, der das geozentristische Weltbild widerlegte, das die Erde und somit den Menschen im Zentrum des Universums sah. Des Weiteren durch Darwin, der den Menschen zum hoch entwickelten Affen degradierte; und zuletzt durch Freud, der das Unbewusste als das lenkende Element im Menschen postulierte.

Durch zuerst technische und später digitale Entwicklungen wurde der Mensch zudem immer mehr durch Maschinen ersetzt: Der Webstuhl, die Dampfmaschine, das Fliessband, der Computerchip machten Muskelkraft, Geschick und letztlich sogar Hirnschmalz überflüssig. Maschinen können die meisten Dinge besser und schneller erledigen als Menschen, an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter gibt die künstliche Intelligenz unsereins den letzten Rest – und fügt uns, Kasparow sei noch einmal bemüht, die ultimative Niederlage zu.

Als der Digitalisierung gegenüber grundsätzlich positiv eingestellter Zeitgenosse mag man Zehnders Buch Kulturpessimismus unterstellen – auf die Chancen, die sie bietet, geht er nur kurz ein: Gefährliche Arbeiten müssen nicht mehr von Menschenhand ausgeführt werden, automatisierte Arbeit ermöglicht eine neue Gesellschaft, vielleicht sogar einen ganz neuen Menschen.

Dass Maschinen auch lästige Aufgaben übernehmen oder dem Menschen Scham ersparen können – beispielsweise, wenn das Konto leer ist und der Geldautomat nicht über den buchstäblich armen Tropf urteilt, der da vor ihm steht –, arbeitet Zehnder dankenswerterweise heraus. Auch die Erkenntnis, dass der Mensch sich oft allzu freiwillig und leichtfertig in seine Position im Verhältnis zu Maschinen und Computern fügt, ja sogar aktiv begibt, ist eine elementare Folgerung des Autors.

Für diejenigen, die sich bereits mit der Digitalisierung beschäftigen, bietet «Die digitale Kränkung» mässigen Erkenntniszuwachs. Man stellt sich bei der Lektüre unweigerlich die Frage, ob man sich vielleicht zu wenig gekränkt fühlt.

Ans Herz gelegt sei das bei allem Anspruch flüssig geschriebene und gut zu lesende Buch allen, die sich einen ersten Überblick darüber verschaffen wollen, was die Digitalisierung mit dem Menschen anstellen kann. Für den positiven Lichtblick muss man «Über die Ersetzbarkeit des Menschen» (so der Untertitel) aber auch wirklich zu Ende lesen.

Matthias Zehnder: Die digitale Kränkung – Über die Ersetzbarkeit des Menschen. NZZ Libro, Basel 2019. 128 S., ca. 24 Fr.

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