Was die neusten Technologien taugen

Faltbare Bildschirme, 5G oder Streaming von Apple: In Las Vegas präsentiert die Tech-Branche ihre Innovationen. Ein Hype scheint reichlich verfrüht.

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In den ersten Januartagen inszeniert die Tech-Branche in Las Vegas eine gigantische Show. Sie zelebriert in der Wüstenstadt jene Errungenschaften, mit denen sie im neuen Jahr für Gesprächsstoff – und natürlich Umsätze – sorgen will. Die CES ist die weltgrösste Leistungsschau für Heim- und Unterhaltungselektronik.

Mehr als 4500 Aussteller seien dieses Jahr vor Ort, und mindestens 180'000 Teilnehmer würden erwartet, teilt der Veranstalter mit. Das wäre ein leichtes Wachstum gegenüber 2018. Der Chef des Onlinemagazins «The Verge» hat allerdings festgestellt, 2019 sei die «leerste, toteste CES», die er je besucht habe, ohne Schlangen vor Ausstellungsständen und ohne Verkehrsstau in Vegas.

An der Messe sind erstens Technologien zu sehen, die breit Fuss gefasst haben und auf Wachstumskurs sind. Zweitens solche, von denen sich die Hersteller wünschen, sie würden den Sprung aus der Nische schaffen. Die digitalen Assistenten gehören in die erste Kategorie: Sie waren letztes Jahr omnipräsent und haben auch dieses Jahr einen grossen Auftritt. Es gibt sie als vernetzte Lautsprecher und integriert in eine bunte Reihe von Haushaltsprodukten, bis hin zum Kühlschrank und der Waschmaschine.

100 Millionen installierte Assistenten

Seit bald drei Jahren kämpfen Alexa von Amazon und der Assistent von Google um die Vorherrschaft bei den sprachgesteuerten Geräten. Google hat die Präsenz gegenüber dem letzten Jahr noch ausgebaut. Denn es geht um viel Geld und viele Daten: Wer die Assistenten kontrolliert, besetzt eine Schlüsselstelle in den vernetzten Haushalten. Wie «Forbes» anmerkt, werden diese Geräte nach den Smartphones zu den nächsten grossen Lieferanten für vermarktbare Nutzer-Informationen werden.

Diese smarten, per Sprache steuerbaren Geräte verzeichnen ein strammes Wachstum. Unternehmensberater Deloitte hat berechnet, dass dieser Tage die Grenze von 100 Millionen installierten Geräten überschritten werden soll. Einerseits etablieren sich die digitalen Assistenten, andererseits werden neue Sprachräume erschlossen. Bislang sind sie in den englischsprachigen Gebieten verbreitet. Dieses Jahr sollen Chinesisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Japanisch dazukommen. In der Schweiz gibt es die Produkte bislang weiterhin nur inoffiziell als Grauimport.

Faltbare Handys

Zu den Hoffnungsträgern gehören dieses Jahr die (seit längerem herumgebotenen) faltbaren Bildschirme und Geräte. Samsung hat noch letztes Jahr ein Smartphone mit flexiblem Display angekündigt. Das Telefon, das unter dem Namen Galaxy F gehandelt wird, kommt frühestens im März für mutmasslich gegen 2000 Franken in den Handel, und es wird womöglich auch an der CES in Hinterzimmern gezeigt.

Auch andere Hersteller zeigen solche Geräte, beispielsweise der chinesische Hersteller Royole sein FlexPai. Die Tech-Experten sind sich uneins, was von biegsamen Displays zu halten ist: Manche halten es für möglich, dass sie für echte Innovationen sorgen, so wie vor einigen Jahren die Convertibles. Das Surfacebook von Microsoft oder die Yoga-Reihe von Lenovo lassen sich vom Laptop in ein Tablet verwandeln, was einem echten Bedürfnis entspricht. Genauso ist denkbar, dass die Geräte sich als Machbarkeitsstudien ohne echten Alltagsnutzen entpuppen.

Wird der Internetanschluss zu Hause überflüssig?

Einen grossen Auftritt hat auch die neue Mobilfunktechnologie 5G. Sie wird mehr Tempo bringen und könnte für manche Nutzer den eigenen Internetanschluss zu Hause überflüssig machen. Auch hierzulande werden Mitte 2019 erste 5G-Netze in Betrieb genommen, doch bis sich die Technik auf breiter Basis etabliert, wird es noch dauern. Der Hype scheint reichlich verfrüht: «Auf der CES kriegt alles Bluetooth oder 5G verpasst», stellt das Fachmagazin «c’t» fest, «vom Wasserkocher, über die Zahnbürste bis zum Urintest».

Bei den Fernsehern gibt es einen Aufmarsch der 8k-Geräte, obwohl sich die Nachfrage in engen Grenzen hält. Die superfeine Auflösung mit 16-mal mehr Pixeln als beim herkömmlichen HD-Fernsehen ist nur bei sehr grossen Bildschirmen überhaupt erkennbar, und es gibt bislang fast keine Inhalte in dieser Qualität. Dennoch wollen die Hersteller beweisen, dass sie parat sind: Samsung zeigt ein Gerät mit Quantenpunkten. Die sollen das Farbspektrum erweitern.

Für einen kleinen Coup haben Apple und Samsung gesorgt. Die beiden Konzerne sind im Smartphone-Bereich Rivalen, doch beim Fernsehen spannen sie jetzt zusammen. Die Koreaner haben an der CES angekündigt, ihre smarten Fernseher würden neu mit der iTunes-App ausgestattet. Die erlaubt es, bei Apple gekaufte Filme und Serien wiederzugeben. Per Airplay 2 werden Fotos und Videos vom iPhone und iPad auf den grossen Schirm übertragen. Samsung-TV-Modelle von 2018 werden per Update nachgerüstet. Auch der kalifornische Hersteller Vizio, Sony und LG wollen Airplay 2 integrieren.

Apple will breiten Erfolg

Diese Öffnung erstaunt: Apple ist nicht dafür bekannt, anderen Unternehmen Zugang zum eigenen Daten-Universum zu gewähren. Wer partizipieren will, benötigte bis anhin die passende Apple-Hardware. Das war und ist ein Erfolgsrezept: Apple-Kunden sind treu, und die Clouddienste können sich einen exklusiven Status bewahren. Doch nun will Apple einige seiner Dienste über die eigene Hardware-Käuferschaft hinaus verbreiten. Zum einen Apple Music: Der Musikstreamingdienst läuft seit Dezember 2018 auch auf den Echo-Lautsprechern von Amazon. Schon etwas länger nutzbar ist er auf Android-Telefonen, für die es seit 2015 eine App gibt.

Die Öffnung, mit der Apple seine eigene Fernsehbox AppleTV konkurrenziert, dürfte mit den Streaming-Plänen des Konzerns zusammenhängen. Apple ist daran, einen Netflix-artigen Dienst für Filme und Serien aufzubauen. Offiziell angekündigt ist er nicht.

Doch das Unternehmen hat bereits Versuchsballone steigen lassen: Die Reality-TV-Serie «Planet of the Apps» wurde von Mitte 2017 bis 2018 produziert und wurde über Apple Music verbreitet. Ausserdem hat Apple im Juni letzten Jahres eine mehrjährige Partnerschaft mit der US-Talk-Ikone Oprah Winfrey angekündigt – für ein «Line-up mit Original-Inhalten von Apple». Und Apple-Manager Eddy Cue hat Serienprofis angeheuert, die vorher für Sony Pictures Serien entwickelt haben.

Kein Sex, keine Flüche

So wenig man bisher über den Dienst weiss, eines ist klar: Apple wird keine Serien wie «Game of Thrones» produzieren, in denen Sex und Gewalt herrschen. Im Gegenteil. Es wird kolportiert, Apple-Chef Tim Cook habe persönlich bei der Comedy-Show «Carpool Karaoke» eingegriffen.

Auf seine Anweisung hin mussten Flüche und unter der Gürtellinie angesiedelte Witze herausgeschnitten werden. Bloomberg prognostiziert, dass Apple seine Milliarden in familienfreundliche Komödien und gefühlsbetonte Dramen investiert.

Apples Streamingdienst könnte bereits im Frühjahr 2019 starten. Falls dem so sein sollte, dürfen sich die Zuschauer freuen: Es bedeutet, dass noch mehr Geld in hochwertige Produktionen fliesst, mit denen um unsere Gunst geworben wird.

Erstellt: 09.01.2019, 10:07 Uhr

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