Die Kreditkarte der Visionäre

Apples neuster Coup bedarf besonderer Zuwendung – dahinter steckt ganz sicher ein perfider Plan.

Sind wir ihrer würdig? Die Kreditkarte wird bei Apple zum Event.

Sind wir ihrer würdig? Die Kreditkarte wird bei Apple zum Event. Bild: Tony Avelar/Keystone

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Diese Woche ist in den USA etwas geschehen, dessen Tragweite wir uns wohl kaum bewusst sind. Apple hat seine Kreditkarte auf den Markt gebracht. Das an sich klingt wenig revolutionär, doch der Tech-Konzern hat sich verraten – mit seiner Pflegeanleitung. «Weiss doch jeder: Auf keinen Fall mit Magneten in Berührung bringen, und gut ist», mögen Sie denken. Doch weit gefehlt, denn die Apple Card ist natürlich keine gewöhnliche Magnetstreifenkarte, mit der man bezahlt; wo denken Sie hin?

Nein, die Apple Card ist ein minimalistisches Kunstwerk aus Titan, kein schlichtes Mittel zur Zahlung. Es ist ein Objekt kultischer Anbetung, Material gewordener Spätkapitalismus. Denken Sie: Der Monolith aus «2001: Odyssee im Weltraum».

Entsprechend will es auch gepflegt werden. Es verlangt nach einer zweistufigen Reinigung, zuerst – und ich zitiere hier direkt aus dem Apple-Hauptquartier – mit einem weichen, leicht feuchten, flusenfreien Tuch, ganz zart, bitte; dann nehme man für die zweite Stufe ein Mikrofasertuch, befeuchte es mit Isopropylalkohol und streichle die Karte liebevoll sauber. Schnödes Spülmittel ist keine Option, das sollte sich von selbst verstehen.

Die Aufbewahrung dieser neuartigen Übermutter allen Plastikgeldes bedarf selbstverständlich besonderer Vorkehrung: Ihr altes, speckiges Lederportemonnaie ist der Apple Card ebenso unwürdig wie Ihre schlabbrige, ausgewaschene Jeans. Nur der Pöbel trägt seine niederen Zahlungselemente so mit sich herum. Die aufwendig beschichtete Titanscheibe will nicht einmal in deren Nähe gebracht werden – nicht auszudenken, sollte sie sich verfärben. Das ist jetzt zwar nur lose paraphrasiert, aber so ähnlich liess es die Firma in dieser Woche tatsächlich verlauten. (Eine Ironie der Geschichte: Apple-Gründer Steve Jobs, Gott hab ihn selig, war notorischer Jeans-Träger.)

Sie sehen das «bigger picture» nicht

Wenn Sie nun denken: «Ja, jetzt sind sie aber endgültig übergeschnappt da in Cupertino!», dann haben Sie vielleicht recht. Oder aber Sie sehen das «bigger picture» einfach nicht. Oder zumindest nicht so wie die Visionäre, die schon das Musikhören, das Telefonieren, das Computern und das Auf-die-Uhr-Schauen von der einfachen Tätigkeit in ein Event revolutioniert haben.

Denn natürlich ist Apple genial darin, durch scheinbare Designfehler dort Bedürfnisse zu schaffen, wo vorher keine waren. Denken Sie nur an den Kappes mit der fehlenden Kopfhörerbuchse ab dem iPhone 7, die einen Markt für Adapter kreierte. Das war nur ein Testballon, glauben Sie mir. Denn Apple hat ein Problem: Der Markt mit Smartphones, Tablets, Uhren ist irgendwann gesättigt, und was dann? Dann gilt es, neue Märkte zu erobern.

Das Spezialportemonnaie ist nur der Anfang

So ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Apple-Produkte ins Haus stehen, natürlich alle perfekt voneinander abhängig, Entschuldigung, miteinander harmonisiert. Demnächst beim autorisierten Händler Ihres Vertrauens: das Spezialportemonnaie nur für die Apple Card aus High-Tech-Nano-Gewebe für die konservative Kundin, für den urbanen Hipster die Karten-kompatible Hose mit dem passgerechten Sack. Die Hose ist perfiderweise aus einem einzigartigen Stoff, der nur mit Apples Waschmaschine gewaschen werden kann. Die wird nächstes Jahr schon vorgestellt, da bin ich mir ganz sicher.

Die Waschmaschine hat einen besonders schicken Stecker, der garantiert in keine Dose dieser Welt passt. Einen Adapter lässt sich Apple patentieren und bringt diesen nicht auf den Markt. Sie ahnen, wohin die Reise geht: iStrom, viel Spass beim Nachrüsten Ihres Hauses. Da fällt das Spezialwaschmittel für die Hose gar nicht mehr gross ins Gewicht. Und immerhin, dieser Apfelgeruch, den es verströmt – das bekommen so nur die Genies aus Kalifornien hin. Womit Sie das alles bezahlen sollen, fragen Sie sich? Dreimal dürfen Sie raten.

Erstellt: 23.08.2019, 21:21 Uhr

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