«Dr. Z» und der Geist des Silicon Valley

Jetzt kommen die smarten Autos. Dafür sind die Hersteller auf Google und Facebook angewiesen.

Elektrisch, vernetzt, autonom – und cool: Daimler-Chef Dieter Zetsche zeigt Angela Merkel an der internationalen Autoausstellung in Frankfurt den neuen «Smart Vision EQ».

Elektrisch, vernetzt, autonom – und cool: Daimler-Chef Dieter Zetsche zeigt Angela Merkel an der internationalen Autoausstellung in Frankfurt den neuen «Smart Vision EQ». Bild: Thomas Lohnes/Getty Images

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Wer hip sein will, trägt Turnschuhe auf der internationalen Autoausstellung in Frankfurt. So wie Daimler-Chef Dieter Zetsche. «Dr. Z», wie er sich nennen lässt, hat nach unzähligen Besuchen im Silicon Valley Anzug und Krawatte abgelegt. Seine Vision für Autos der nahen Zukunft: elektrisch, vernetzt, geteilt, autonom – und cool.

Damit steht er nicht allein: Auf der IAA wimmelt es von aufgestylten Elektro-Studien. Im Messetrubel um die «Tesla-Fighter» wird zweierlei gerne übersehen. Erstens: Die Stromer werden vom Alleinstellungsmerkmal zum Industriestandard. Zweitens ist Tesla sowohl Auto- als auch Digital-Firma. Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel aus dem Geist des Silicon Valley.

Die Tech- und IT-Firmen brauchen keine Messestände, um auf der IAA allgegenwärtig zu sein. Die Autoshow stehe ganz im Zeichen der Digitalisierung, jubelt Matthias Wissmann und verweist auf Google, Facebook, Qualcomm & Co. «Die Tech- und IT-Firmen suchen gezielt die IAA als Plattform.» Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) ist kein Turnschuhträger.

Trotzdem lässt er Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zur IAA-Eröffnung sprechen. Auch ein Plausch zwischen ihr und Dr. Z auf der Mercedes-Me-Convention darf nicht fehlen. Die Signale sind deutlich: Die Hundertjährigen der deutschen Autoindustrie wollen so trendig wirken wie die jungen Wilden von der amerikanischen Westküste.

Umsatzpotenzial von 576 Milliarden Euro

Vordergründig geht es um den Lifestyle der Generationen X, Y und Z. Sie sind mit dem Smartphone aufgewachsen und finden unvernetzte Endgeräte (Autos) doof. Damit lassen sich gute Geschäfte machen. Die Strategieberatung Accenture sieht ein Umsatzpotenzial von 576 Milliarden Euro für digitale Angebote rund ums Auto.

Bis 2030 sei allein bei Sharing- und Mobilitätsdiensten mit einem Umsatz von 344 Milliarden zu rechnen. Vernetzte Dienste und digitale Plattformen brächten bis zu 119 Milliarden und die Monetarisierung von Fahrzeugdaten 57 Milliarden Euro.

Noch sieht sich BMW als Marktführer beim Thema Digitalisierung: «Wir haben 8,5 Millionen vernetzte Fahrzeuge im Feld – mehr als alle anderen Autohersteller auf der Welt zusammen», betont BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich: Elektrifizierung und Digitalisierung seien die beiden grossen «Game Changer».

Die Chancen sind gewaltig, der Druck auch. Die Münchner wissen, dass sie alleine viel zu klein sind. «Wir haben deshalb Kompetenzen aufgebaut, Prozesse angepasst und intelligentes Partnering betrieben. Wir haben auf Angriff umgeschaltet, denn wir wollen unsere Führung in der Premiummobilität behaupten – gegen bekannte und neue Wettbewerber.»

Samsung wittert Morgenluft

Alt und neu? Freund oder Feind? Oft sind die Grenzen fliessend. Der Smartphone-Weltmarktführer Samsung hat den Autoelektronik-Spezialisten Harman gekauft. «Es ist eine Chance, eine ganze Industrie umzukrempeln, wie sie sich nur alle 100 Jahre bietet», sagt Young Sohn, Strategiechef von Samsung Electronics. Der Tech-Gigant testet bereits autonome Autos in Südkorea und Kalifornien.

Nach dem digitalisierten Büro und dem Smart Home rückt jetzt das vernetzte und autonome Auto in den Fokus. BMW will bis 2020 auf den neuen Breitband-Netzstandard 5G umstellen, «weil wir das auch als Vorleistung für autonomes Fahren brauchen», so Fröhlich.

Roboterautos könnten zum Smart Home auf Rädern werden – mit weitreichenden Folgen: Wer Freizeit, Familie und Freundeskreis über Facebook koordiniert und den Haushalt mit Hilfe von Sprachassistenten wie Amazon Alexa oder Google Home organisiert, könnte künftig auch einen voll umfänglichen Mobilitätsservice über solche Plattformen buchen.

Das Auto als Büro?

Es ist kein Zufall, dass Chinas Internetriesen Alibaba, Tencent und Baidu massiv in moderne Mobilität investierten. Auch Büro-Veteranen wie Microsoft entdecken das Auto neu: Die Exchange-Mail-Software für Unternehmen hielt im neuen BMW 5er Einzug.

Auf der Cloud-Plattform Microsoft Azure hat BMW seine Connected-Dienste innerhalb von neun Monaten in drei Kontinenten (China, USA, Europa) und 29 Ländern ausgerollt. Microsoft verfügt schon heute über die 100 Millionen Digitalkunden weltweit, die BMW, Mercedes und VW für das Jahr 2025 anpeilen.

«Produktivität während der Fahrt ist für uns ein zentrales Zukunftsthema», sagt Thom Brenner, Entwicklungschef für digitale Dienste bei BMW: «Spätestens wenn das Fahrzeug automatisiert fährt, wird das Auto zum exklusiven Arbeitsplatz und voll vernetzten Besprechungsraum mit Zugriff auf alle Geschäftsdaten.»

BMW will seine Autos zu Paketstationen umfunktionieren

Das rollende Büro ist erst der Anfang. Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, will BMW in den nächsten Tagen eine vertiefende Partnerschaft mit Amazon bekannt geben: Lieferungen aller Art können mit einem Digital-Code im Kofferraum abgelegt werden. Das Pilotprojekt für diesen Einkaufsservice hatte BMW bereits Anfang des Jahres auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas getestet. Die Order läuft über den Sprachassistenten Amazon Alexa, der in den USA bereits mit mehr als 15'000 Diensten verknüpft ist.

Das neue Zauberwort heisst ortsbasierte Dienste. Gefragt ist eine möglichst intelligente Verzahnung von lokalen Angeboten mit der Informationsfülle des Internets. Damit sind nicht nur strukturierte Daten wie die Texte auf Websites gemeint. Wesentlich bedeutender wird eine Flut unstrukturierter Daten wie Bilder, Videos und Kommentarschnipsel beispielsweise aus sozialen Netzwerken.

Welche Suchmaschine dominiert, wenn alles mit allem vernetzt ist? Klar ist momentan nur, dass die Tech-Giganten ihre Vormachtstellung mit Milliardeninvestitionen in die künstliche Intelligenz weiter ausbauen.

Facebook wird zum Navigationssystem für die voll vernetzte Welt

Schon zeichnen sich konkrete Geschäftsmodelle rund um die individuelle Mobilität ab. Facebook will seine zwei Milliarden Nutzer noch enger mit der Umwelt vernetzen: Unter dem Namen «Places Graph» bieten die Kalifornier seit August den freien Zugang zu ortsbasierten Funktionen in über 140 Millionen Orten der ganzen Welt an. Restaurants, Parks, Einzelhändler, lokale Unternehmen – was immer man wissen möchte, ist in diesem globalen «Branchenbuch» sofort verfügbar. Besucher erfahren mit wenigen Fingertips auf dem Smartphone nicht nur die Adressen, Fotoansichten und aktuellen Angebote, sondern auch die Facebook-Kundenbewertungen.

Dank seiner schieren Grösse wird das soziale Netzwerk so zum Navigationssystem für die voll vernetzte Welt. Auch Google entwickelt seinen Kartendienst Maps zur Geschäftsplattform für analoge und digitale Dienste weiter.

BMW und Daimler haben zehn Jahre gebraucht, um mit ihren Mobilitätsdiensten jeweils rund drei Millionen Nutzer zu erreichen. Damit verfügen sie erstmals über eine direkte Kundenschnittstelle ohne den Autohandel als Filter. Geld werfen die Plattformen aber immer noch nicht ab. Deshalb wollen die Stuttgarter mit dem Portal «Mercedes me» 1,2 Millionen angemeldete Nutzer stärker einbinden.

«Im vierten Quartal werden wir den Sprachassistenten ‹Frag Mercedes› einführen», kündigt Digital-Chefin Sabine Scheunert an. Der sprachgesteuerte Assistent (Chat-Bot) soll Neuwagen in ihrer ganzen Komplexität verständlicher machen. Über den Cloud-Partner, der den gleichzeitigen Start in Deutschland und weiteren Ländern ermöglicht, schweigt sich Scheunert aber noch aus.

Wacker suchen die Autohersteller immer neue Verbündete in der digitalen Welt. Doch kaum eine der Partnerschaften ist exklusiv. Die Tech- und IT-Firmen sammeln immer neue Automarken für ihre Dienste. Hassliebe klingt durch, wenn Klaus Fröhlich von «intelligentem Partnering» und zugleich von «Angriffsmodus» spricht. Früher hatten führende Marken einen Vorsprung von Jahren. In der digitalen Welt schrumpft die Vorreiterrolle auf Wochen oder Monate zusammen. Sie reicht kaum weiter als bis zum nächsten Software-Update des vernetzten Autos.

Erstellt: 17.09.2017, 20:40 Uhr

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