Facebooks Misere ist hausgemacht

Warum das soziale Netzwerk bei der Debatte um das Löschen auf verlorenem Posten ist.

Muss sich mit unerfreulichen Themen herumschlagen: Mark Zuckerberg.

Muss sich mit unerfreulichen Themen herumschlagen: Mark Zuckerberg. Bild: Reuters

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Wer die Abgründe des Menschseins kennen lernen will, der sollte sich bei Facebooks Löschteam bewerben. Als Moderator muss man Foltervideos, Kinderpornografie, Zeugnisse häuslicher Gewalt, Bilder von Terrorismus, Suizid und Aufrufe zu Mord, Rassismus und Hassreden, Diskriminierung, Tierquälerei und sogar Kannibalismus über sich ergehen lassen und innert Sekunden entscheiden, was verschwinden muss und was bleiben soll.

Der britische «Guardian» hat diese Woche die Regeln publik gemacht, die für die Löschteams gelten. Die Zeitung berichtet, dass Facebook Hunderte Handbücher, Tabellen und Flussdiagramme verwendet, um tagtäglich Hunderttausende solcher Entscheidungen zu treffen.

Zu nützen scheint es wenig. Trotz der Moderatoren werden immer wieder Fälle publik, wo Morde und Hinrichtungen live gestreamt werden. «Facebook hat die Kontrolle über die Inhalte verloren», zitiert der «Guardian» eine seiner Quellen: «Das soziale Netzwerk ist zu schnell zu gross geworden.»

Die Menge der Beiträge ist natürlich das Hauptproblem. Mark Zuckerberg und seine Mitarbeiter sind nicht um die Aufgabe zu beneiden, unter zunehmendem politischem Druck zwei Milliarden Nutzer im Zaum zu halten.

Regeln sind viel zu kompliziert

Doch Facebooks Misere ist auch hausgemacht: Facebooks wichtigstes Ziel ist, die Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten und alles zu unterlassen, was sie vertreiben könnte. Die Moderation soll möglichst unter dem Radar stattfinden. Das fördert die Wahrnehmung, dass man auf Facebook tun und lassen kann, was man will. Es ginge aber auch anders.

Die Löschregeln sind viel zu kompliziert. Das liegt daran, dass Facebook eine weitgehende Meinungsfreiheit nach US-amerikanischem Verständnis gewährleisten will. Deswegen sind auch Äusserungen erlaubt, die hierzulande keine Newswebsite als Nutzerkommentar tolerieren würde. Facebook macht zum Beispiel einen grossen Aufwand, ernst gemeinte Gewaltandrohungen von Aussagen zu unterscheiden, die aus Geringschätzung so dahingesagt werden.

Facebook ist nicht das Internet

So ist die Aussage «Lasst uns fette Kinder verprügeln» okay, weil sie ohne Konkretisierung keine wirkliche Absicht ausdrücke, sondern «nur ein heftiger Ausdruck von Abneigung und Frustration» sei. Das mag oft sogar stimmen, doch man hat im Netz keine andere Wahl, als das geschriebene Wort zum Nennwert zu nehmen – und dies als Gewaltandrohung zu ahnden.

Facebook fürchtet sich vor dem Vorwurf der Zensur. Doch Facebook ist nicht das Internet. Wenn im sozialen Netzwerk ein Kommentar gelöscht wird, ist die Meinungsfreiheit deswegen nicht in Gefahr. Zuckerberg hat als Hausherr seiner Plattform das Recht, Regeln aufzustellen und zum Beispiel einen zivilisierten Umgangston zu fordern oder Gewaltaufrufe abzulehnen.

Wem das nicht passt, der kann jederzeit auf Tumblr seinen Blog mit Monstrositäten jeglicher Art eröffnen oder auf 4chan abtauchen. Das macht solche Publikationen zwar nicht besser. Aber zumindest ist die Gefahr kleiner, dass ihnen jemand begegnet, der nicht auf der Suche nach Grenzwertigem ist.

Wenn ein Beitrag gelöscht wird, sollte das nicht euphemistisch als «Verstoss gegen die Gemeinschaftsstandards» geschehen. Facebook muss kommunizieren, gegen welche Regel verstossen wurde, und diesen Entscheid auch den Nutzern mitteilen, die den inkriminierten Beitrag zu Gesicht bekommen haben. Wenn ein Benutzer gesperrt wird, darf auch das publik werden.

Und schliesslich ist es Zeit, dass Facebook die eigene Mission hinterfragt. Ist es wirklich eine gute Idee, die ganze Welt vereinnahmen zu wollen? Das Unternehmen walzt so nicht nur die Vielfalt im Web platt. Es erzeugt auch die Notwendigkeit nach uniformen Meinungsäusserungen – am einfachsten über die sechs Standard-Smileys Like, Love, Lachen, Verblüffung, Trauer und Wut, weil anders die Menge an globalen Emotionen gar nicht mehr zu kontrollieren ist.

Es wird Zeit, Facebook zum Netz für lockere Kontakte zu re­di­men­si­o­nie­ren – und ernsthafte Debatten dort zu führen, wo die soziale Kontrolle noch spielt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2017, 16:35 Uhr

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