«Gut für die Welt, aber nicht für uns»

Datensucht, Profitgier, Machtspiele: 223 Seiten interner E-Mails legen Facebooks Geschäftspraktiken schonungslos offen.

Der Skandal um Cambridge Analytica hat alles angestossen: Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste sich vor dem Europaparlament erklären.

Der Skandal um Cambridge Analytica hat alles angestossen: Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste sich vor dem Europaparlament erklären. Bild: Reuters

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Im Februar 2015 hatte Mike LeBeau Bedenken. Um seiner Sorge Nachdruck zu verleihen, schickte der Facebook-Produktmanager in einer Mail an Kollegen sogar die Schreckensvision einer kritischen Schlagzeile über den Konzern: «Facebook verwendet neues Android-Update, um auf noch erschreckendere Weise in deinem Privatleben herumzuschnüffeln.» Mit solchen Nachrichten werde man sich herumschlagen müssen, wenn Journalisten auf ihren Plan aufmerksam würden.

Als die Mail verschickt wurde, arbeitete das Entwickler-Team gerade an einem Update für Facebook, das dem Netzwerk auf Android-Handys weitreichende Befugnisse einräumen würde: Die App sollte auf SMS und die Anrufliste zugreifen und diese auf Facebooks Server laden. Wenn Facebook sehen darf, wer wen anruft, kann das Unternehmen zum Beispiel erkennen, ob der Gesprächspartner auch auf Facebook ist – und ihn als Kontakt vorschlagen. So vernetzt das Unternehmen Menschen anhand ihres Verhältnisses ausserhalb von Facebook – was diese vielleicht gar nicht wollen. Ein Patient etwa will ja nicht seinen Psychotherapeuten als Freund vorgeschlagen bekommen.

Mit diesem Manöver wollte LeBeau nichts zu tun haben. Er schrieb: «Wir haben nicht begriffen, dass es derart riskant sein würde.» Doch als Antwort bekam er nur: Das «Growth-Team», Facebooks Einheit, die für das Nutzerwachstum zuständig war, werde das Update durchziehen – und zwar ohne die Nutzer klar und deutlich zu informieren, wie weitreichend der Eingriff werde. Diese ernüchternde Antwort kam ausgerechnet vom «Privatsphäre-Beauftragten» des Konzerns, Yul Kwon, dem der Schutz von Nutzern eigentlich am Herzen liegen sollte.

Der Mail-Wechsel ist am Mittwoch bekannt geworden. Er ist Teil einer Sammlung interner E-Mails auf 223 Seiten, die einen seltenen Einblick in die strategischen Überlegungen eines der grössten Konzerne des Silicon Valley geben. Auch Mails aus der Chefetage sind darunter, von Konzernchef Mark Zuckerberg und Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.

Facebook klagt, die Mails seien aus dem Kontext gerissen

Veröffentlicht hat die Nachrichten der britische Parlamentsabgeordnete Damian Collins, ein Kritiker des Unternehmens. Sie stammen aus einem Gerichtsprozess zwischen dem App-Entwickler Six4Three und Facebook. Das Parlament hatte sich die Prozessakten im Rahmen der Aufklärung über die Hintergründe des Cambridge-Analytica-Skandals besorgt. In einer Stellungnahme erklärte Facebook: Die Mails stammten aus den Jahren 2012 bis 2015 und seien veraltet. Facebook habe sich massiv verändert und achte nun viel mehr auf Datenschutz. Zudem seien die Mails selektiv ausgewählt und aus dem Kontext gerissen.

Zuckerberg entschuldigt sich vor EU-Parlament: Der Facebook-Chef sprach im Mai in Brüssel vor. Video: AFP/Reuters

Die E-Mails geben Aufschluss darüber, wie rücksichtslos Facebook in seinen Anfangsjahren das Wachstum voran trieb. Sie zeigen, was sich hinter dem philanthropisch anmutenden Motto «die Welt vernetzen» verbarg: volles Bewusstsein für die Risiken des eigenen Geschäftsmodells, für das Facebook immer mehr Daten über Nutzer sammelte und vernetzte, um mehr Geld von Anzeigenkunden zu bekommen – dabei setzte das Unternehmen unter anderem auf sogenannte«dunkle Muster»(dark patterns). Dabei handelt es sich um manipulatives Design, mit dem Nutzer ausgetrickst werden sollen. So zeigen die E-Mails, wie Facebook aus Angst vor einem Imageschaden das Android-Update absichtlich so konstruierte, dass die Nutzer nicht klar vor den weitreichenden Zugriffsrechten gewarnt wurden.

Die Dokumente zeigen auch, wie Facebook gegen Konkurrenten vorging: Wer der Expansion im Weg stand, wurde blockiert oder gekauft.

Die Mails legen das Plattform-Modell der digitalen Ökonomie schonungslos offen: Facebook nutzte seine Macht gegenüber den Entwicklern kleiner Apps, die an das Netzwerk andocken wollten. Das Ziel: an immer mehr Daten zu kommen. Zuckerbergs Strategie war den E-Mails zufolge: Die Drittanbieter mussten alle Informationen, die Nutzer innerhalb ihrer Apps veröffentlichten, auch auf Facebook teilbar machen.

«Wir verkaufen keine Daten» war nach dem Cambridge Analytica-Skandal das Mantra des Unternehmens. Eine E-Mail von 2012 zeigt allerdings, dass Zuckerberg überlegte, ob er von App-Entwicklern nicht 10 Cent pro Nutzer und Jahr verlangen sollte. Dann könnten die zum Beispiel auf die Listen der Freunde ihrer Nutzer zugreifen, eine Option, die Datenschützer kritisch sehen. Und er sah es demnach als essenziell für sein Geschäftsmodell an, möglichst viele Quellen für Daten anzuzapfen: Dass App-Entwickler über Facebook Zugriff auf Nutzer des Konzerns bekommen, das «könnte gut für die Welt sein, aber nicht für uns, ausser die Menschen teilen Inhalte mit Facebook und diese erhöhen den Wert unseres Netzwerkes.» Sheryl Sandberg antwortete knapp: «Ich mag volle Gegenseitigkeit.»

Die Daten müssen frei zirkulieren, ist Facebooks Maxime

Von dieser Form von «Gegenseitigkeit» profitierte das Unternehmen stärker als jene App-Entwickler, die sich in Abhängigkeit von Facebook begaben. Die Apps sind gezwungen, ihren Nutzern zu ermöglichen, Informationen auf Facebook zu verbreiten. Die nutzt das Netzwerk ganz in Zuckerbergs Sinne, um Anzeigenkunden massgeschneiderte Werbeplätze auf den Bildschirmen der Mitglieder zu verkaufen. Facebook verweist darauf, dass diese Option für Nutzer freiwillig sei. Niemand werde zum Teilen der Informationen gezwungen.

«Wenn keiner Einwände hat, machen wir ihre Freunde-Schnittstelle heute dicht», schrieb Justin Osofksy. Zuckerberg antwortete: «Ja, mach das.»

Es war also von höchster Stelle gewollt, dass Daten frei zwischen dem Netzwerk und den verbundenen Apps zirkulieren; und ebenso, dass die externen App-Bauer Daten ihrer Nutzer nicht nach ihrem Ermessen vor Facebook schützen können. Dass durch diese Wechselwirkung das Risiko unkontrollierter Datenabflüsse und anderem Missbrauch stieg, wurde von hochrangigen Mitarbeitern zwar angemerkt, Zuckerberg tat das aber als unwahrscheinlich ab: «Ich glaube nicht, dass das strategische Risiko eines Datenlecks so gross ist wie du denkst», antwortete der Facebook-Chef lapidar. Wenige Jahre später geschah genau das: Im Fall Cambridge Analytica kopierten dubiose Drittfirmen und Entwickler unkontrolliert Massen an Nutzerdaten. Der Fall brachte Zuckerberg Anfang des Jahres Ladungen vor den US-Kongress und das EU-Parlament ein.

Die Mails zeigen auch, wie Facebook mit möglichen Konkurrenten umging. 2013 brachte Twitter seine App Vine auf den Markt, mit der Nutzer kurze Videos filmen und veröffentlichen konnten. Facebook schnitt die App den Dokumenten zufolge kurzerhand vom Datenstrom auf seiner Plattform ab. «Wenn keiner Einwände hat, machen wir ihre Freunde-Schnittstelle heute dicht», schrieb Justin Osofksy. Zuckerberg antwortete: «Ja, mach das.» Die Folge: Twitters Video-Projekt kam nicht mehr an die wertvollen Informationen, mit wem seine Nutzer auf Facebook vernetzt waren. 2016 gab Twitter bekannt, Vine nicht mehr weiterentwickeln zu wollen, der Dienst ist praktisch tot. Unternehmen wie die Dating-App Tinder oder die Unterkunfts-Plattform Airbnb, die Facebook nicht als Konkurrenten sah, bekamen den Mails zufolge dagegen privilegierten Zugang zu den Daten über «Freunde».

Spionage über gekaufte Firma

Aus den Dokumenten lässt sich auch erahnen, wie Facebook die Übernahme der Chat-App Whatsapp vorbereitete. Anfang 2014 kaufte Facebook Whatsapp für 19 Milliarden Dollar. In den Mails sind Teile einer Marktanalyse für den Zeitraum August 2012 bis März 2013 enthalten. Eine Grafik in der Präsentation zeigt, dass über Whatsapp zu diesem Zeitpunkt bereits 8,2 Milliarden Nachrichten verschickt werden – in der Mobilversion von Facebook dagegen nur 3,5 Milliarden Nachrichten. Das heisst: Whatsapp war schon auf vielen Mobilgeräten installiert und hatte deutlich aktivere Nutzer. Für Facebook ging es in diesen Jahren darum, sich von einer Web-Plattform in eine App zu verwandeln mit der sich Mobilgeräte der Welt erobern liessen. Whatsapp lief bereits auf vielen von ihnen.

Pikant ist die Art und Weise, wie Facebook an die Daten kam. Das Unternehmen hatte eine VPN-App namens Onavo gekauft. Mit der wollen sich Nutzer eigentlich gegen Überwachung schützen, indem sie beim Surfen ihren Standort verschleiern.

Facebook nutzte die übernommene App als eine Art Spionage-Werkzeug. Dass es sich um ein Facebook-Produkt handelt, das Nutzerdaten weitergibt, war nicht zu erkennen, erst im letzten Satz der offiziellen App-Beschreibung tauchte erstmals der Konzernname auf. Die Daten, wie sich Nutzer verhielten, liefen über die Server von Facebook und wurden vom Unternehmen ausgewertet. Facebook erklärte im Juni, dass es die Daten auswertet, um zu sehen, welche Produkttypen populär sind und wie Nutzer sie verwenden. Die Grafiken speisen sich aus diesen Onavo-Daten und verdeutlichen, warum Facebook in Whatsapp einen rasant wachsenden Rivalen sah – und sich für eine Übernahme entschied. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 21:41 Uhr

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