Interview

«Apple muss bald mit einer neuen Idee kommen»

Das Erbe der C64-Generation: Christian Stöcker über Apples Zukunft ohne Steve Jobs, lächerliche Verdummungsdiskussionen und Politiker, die nie Liebes-Mails erhalten haben.

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Christian Stöcker, Apple war in den letzten Jahren Ideentreiber der Computer- und Handywelt. Gibt es eine Apple-Zukunft ohne den zurückgetretenen Chef Steve Jobs?
Es wird für Apple nicht einfach, so viel ist sicher. In ein, zwei Jahren ist auch die Innovation Tablet-Rechner im Mainstream angekommen – so wie das Touchscreen-Telefon schon jetzt. Dann werden preiswertere Geräte mit ähnlichem Funktionsumfang den Grossteil des Marktes ausmachen. Apple muss bald mit einer neuen Idee kommen – es wird sich zeigen, ob das Unternehmen genügend Kreativkraft und Fokus aufbringen kann, um das zu erreichen.

Derzeit ist kein Next Big Thing – eine Erfindung wie das iPhone oder der iPod – in Sicht.
Genau. Allerdings war das ja immer die Stärke von Apple, das Next Big Thing aus dem Hut zu zaubern, das niemand auf der Rechnung hatte. Die nächsten Jahre werden in dieser Hinsicht hoch spannend.

Was halten Sie vom neuen Apple-Chef Tim Cook?
Cook ist ein Organisator, ein Controller, ein klassischer Manager. Er muss das Kreativpotenzial, das es bei Apple zweifellos gibt, genauso bündeln, führen und antreiben, wie Steve Jobs das getan hat.

Ist Jobs der grösste Nerd der Geschichte?
Nein, der vermutlich grösste Nerd der Geschichte ist Albert Einstein.

Einstein?
Er werkelte lange völlig unbeachtet vor sich hin, war sozial eher unangepasst, pflegte seine Spleens und Hobbys – man denke nur an die berühmte Geschichte von den identischen Anzügen für jeden Wochentag! –, hatte einen höchst eigentümlichen Humor, wenig Respekt vor Tradition und ein gerüttelt Mass an Überheblichkeit gegenüber Menschen, die er als dumm betrachtete.

Nerd ist ja so was wie ein Schimpfwort.
Nein, schon lange nicht mehr. Der Begriff «Nerd» als Chiffre für einen bestimmten Menschenschlag hat sich in meinen Augen eher in einen deskriptiven Begriff verwandelt. Man kann sich leicht etwas darunter vorstellen, man verbindet bestimmte Eigenschaften damit – und viele davon sind in unserer Gesellschaft höchst erwünschte Eigenschaften. Was nicht heisst, dass es nicht Menschen gibt, die den Begriff als Schimpfwort betrachten und benutzen. Ich würde das in der Tradition der Begriffsaneignungen sehen, schliesslich sind auch schon andere Schimpfwörter von den Beschimpften in mit stolz getragene Markenzeichen umgedeutet worden – man denke nur an den Begriff «schwul».

Grob unterteilt kann man zwei Nerd-Wellen ausmachen: die IBM-, C64-, DOS-Generation und die neue Web-2.0-Generation. Worin unterscheiden sie sich?
Für die erste Generation war der Umgang mit dem Digitalen ein Schritt in eine neue Welt. Alles musste hart erarbeitet werden, es gab wenig Hilfestellung und auch noch sehr wenige alltagstaugliche Anwendungsgebiete digitaler Technologie. Für einen heute 20-Jährigen war das Internet schon immer da, er kennt keine Welt ohne Handys, Spielkonsolen, MP3-Player. Er musste aber auch nie lernen, sich die Werkzeuge dieser digitalen Welt gegen Widerstände Untertan zu machen. Alles ist einfacher geworden und damit für eine viel breitere Gruppe zugänglich. Man muss heute kein Nerd mehr sein, um selbstverständlich mit Rechnern umzugehen.

Kann man zwischen diesen Generationen Konfliktlinien ausmachen?
In meiner Altersgruppe gibt es viele Menschen, die mit Facebook oder Twitter rein gar nichts anfangen können, die jetzt schon Witze über die Smartphone-besessene Jugend machen. Die wahre Konfliktlinie aber verläuft zwischen der Generation C64 und den Älteren. Wer digitale Technologie nicht als Jugendlicher kennengelernt hat, kann diesen Rückstand kaum noch aufholen.

Die Heimcomputer-Geschichte hat mit dem C64 ihren Anfang genommen. Sie loben den Brotkasten in Ihrem Buch «Nerd-Attack» über den grünen Klee. Weil die IT-Welt so viel überschaubarer war? Oder besser und einfacher?
Sie war weder besser noch einfacher, im Gegenteil. Der C64 war quälend langsam, konnte im Vergleich zu heutigen Rechnern fast nichts, war ungemein umständlich zu bedienen und hatte praktisch keine Benutzeroberfläche, die diesen Namen verdient.

Das machte es aber umso befriedigender, wenn man damit etwas zustande brachte.
Ja, da geb ich Ihnen recht. Es gab Hindernisse zu überwinden wie beim Bergsteigen. Das ist eine Art Initiationsritus der digitalen Welt gewesen.

«Das Erbe der Generation C64 beginnt gerade erst, seinen historischen Einfluss zu entfalten», schreiben Sie in Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?
Die Menschen, die mit digitaler Technologie im Kinderzimmer aufgewachsen sind, sind heute maximal vierzig Jahre alt. Sie fangen gerade erst an, gesellschaftliche Führungspositionen zu besetzen. In zwanzig Jahren werden uns viele der Grundsatzdebatten von heute – über Videospiele, Social Networks, das vermeintlich verdummende Internet – absurd, lächerlich und obsolet erscheinen.

Sie haben eine kleine Tochter. Keine Angst, dass die elektronischen Medien Ihr Kind negativ beeinflussen?
Wer der Meinung ist, dass Medien auf die eigenen Kinder grösseren Einfluss haben als er oder sie selbst, sollte meiner Meinung nach seine Vorstellung von Erziehung hinterfragen. Kinder wurden schon immer von ihren Eltern auf dem Weg in eine komplexe, gefährliche Welt begleitet. Die Welt von heute ist vielleicht komplexer, aber keineswegs gefährlicher als früher. Wer eine tragfähige Beziehung zu seinem Kind hat und die digitale Welt halbwegs versteht, ist für diese Aufgabe bestens gerüstet.

Da sind die Politiker auf dem alten Kontinent aber anderer Meinung, beim Stichwort Internet denken auch Schweizer Politiker zuerst einmal an Kontrolle, Regulierung und Verbote. Wie erklären Sie sich diese Abwehrhaltung?
Eine einfache Erklärung gibt es nicht, aber es hat durchaus mit persönlicher Erfahrung mit digitalen Medien zu tun. Wer nie eine Liebes-E-Mail bekommen, nie mit einem Joystick in der Hand Freundschaften geschlossen, nie online Menschen mit dem gleichen Musikgeschmack getroffen hat, hat keinen emotionalen Zugang zu digitaler Technologie. Dies, gepaart mit dem jahrtausendealten Herabblicken auf die «Jugend von heute» führt zu einer Abwehrhaltung, die ich für gefährlich halte. Ganz Europa ist im Begriff, den Anschluss an die digitale Welt zu verpassen.

Harte Worte.
Fakt ist: Das Internet wird von den USA dominiert. Fakt ist: Von den 100 wichtigsten Websites der Welt stammt nur eine aus Europa: Bbc.com. Internet-Unternehmen, Elektronikhersteller, Softwarehäuser, all das stammt heute aus den USA oder Asien. Für Europa ist es überlebenswichtig, da mitzuhalten. Das geht aber nur, wenn man sich hier endlich von einer kulturpessimistischen Abwehrhaltung wegbewegt.

Christian Stöcker: «Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook» (DVA), 19.90 Franken bei Exlibris.ch

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2011, 10:34 Uhr

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Dr. Christian Stöcker (38) ist Psychologe und Ressortleiter Netzwelt bei «Spiegel online». 2010 erhielt er den Preis für Wissenschaftspublizistik der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

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