«Apple-Hasser schweissen Apple-Jünger noch mehr zusammen»

Apple begeistert und nervt wie kein anderer Konzern. Das gründet laut Markenstratege Michael Brandtner in der untypischen Positionierung und dem öffentlichen Auftritt des Unternehmens.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn ein neues Produkt des kalifornischen Konzerns Apple auf den Markt kommt, scheinen die Mühlen der IT-Redaktionen für einen Moment lang still zu stehen. Alle Vorbereitungen wurden bereits Tage oder Wochen zuvor getroffen. Die Redaktoren sitzen vor ihren Computern, um die News und ersten Bilder so rasch wie möglich an die Leserschaft zu bringen. Hintergrundberichte werden für den nächsten Tag angedacht und vorbereitet, Pressestimmen eingeholt und Testmuster bei der lokal zuständigen Agentur bestellt.

Es ist ein bisschen wie bei einem Champions-League-Finale oder einem anderen Grossereignis. Die Leser-Nachfrage ist kaum zu stillen und als Medium kann man es sich nicht mehr leisten, nicht über Apple zu berichten.

Wie eine Religion

Seit der iPhone-Vorstellung im Jahr 2007 ist jede grössere Apple-News mediales Gold wert. Derartige Emotionen ist man selbst als ständiger Foren-Kontrolleur sonst nur von Predigern beliebiger Glaubensrichtung, politischen Aktivisten oder Anhängern eines Sportklubs gewohnt.

Das lässt sich von immer neuen Zugriffsrekorden, genauso wie von waghalsigen Prototyp-Enthüllungen ablesen. Doch es gibt kaum einen besseren Indikator für den enormen Hype rund um Apple-Produkte als das Brodeln unterhalb der Medienberichte. Hier jubeln die einen Steve Jobs neuen «Gaben» zu, während die anderen die Früchte des Herrn im Rollkragenpulli anzweifeln. Von den Gegenparteien als «Fanboy» und «Basher» bezeichnet, schlagen sich hier Leser mit Anspruch nicht zu selten wegen einem Apfel verbal die Köpfe ein:

«Ich hab nichts gegen Apple. Ich mag nur nicht das ‹ich bin so klug und toll, weil ich Apple habe›-Getue, obwohl die Geräte idiotensicher sind.» – Chris P. (Forumseintrag)

Apple scheint wie kein anderes IT-Unternehmen zugleich zu begeistern und aufzuregen. Dass sich die Foren-Nutzer an die Gurgel springen, gründe laut Markenstratege Michael Brandtner in der untypischen Positionierung und dem öffentlichen Auftritt des Konzerns.

«Der iPod hat für Apple mehr gemacht als Apple für den iPod»

«Apple war schon immer das Anti-Computer-Unternehmen. Das begann beim Namen, der für eine Hightech-Marke ungewöhnlich ist, und setzte und setzt sich in den Produkten (einfach, designig) bis hin zum Werbeauftritt fort. Apple war so schon immer die Antithese zur herkömmlichen IBM- und Microsoft-Welt, also zum Mainstream. Damit hat man extrem polarisiert und sich so auch eine extrem treue Fangemeinde geschaffen», erklärt der Experte. Der Hype wurde aber erst mit dem MP3-Player iPod ausgelöst. Damit rettete sich Apple nicht nur aus der Krise, sondern auch aus der ewigen Nische. «Der iPod hat für Apple mehr gemacht als Apple für den iPod», meint Brandtner.

«Was wäre Apple ohne Microsoft? Was wäre Microsoft ohne Apple? Vielen Dank an Bill Gates und Steve Jobs für ihr Lebenswerk!» – Christian S. (Forumseintrag)

Die Polarisierung führt nach sich, dass selbst Privatpersonen, die keinen ersichtlichen Vorteil daraus ziehen, vehement für ein Produkt oder eine Marke einstehen. «Das schaffen in der Regel nur ganz wenige Marken und auch nur solche, die wirklich polarisieren, also eine spezielle Zielgruppe extrem ansprechen, um so die Masse auszugrenzen», verweist Brandtner auf Apples Marktstrategie.

Beide Parteien werden immer stärker

Dadurch sei es auch nicht verwunderlich, dass die Stimmen der Kritiker und Skeptiker derart laut ausfallen. «Aktion erzeugt in der Regel immer Gegenaktion. Das ist menschlich. Wenn eine Seite sehr massiv für oder gegen etwas auftritt, dann bildet sich in der Regel eine Gegenpartei. Dadurch werden in der Regel beide Parteien stärker.» Das Resultat sei ganz klar: «Apple-Hasser schweissen die Apple-Jünger noch mehr zusammen.»

«DAS iPhone. DAS Mass aller Dinge. DAS Statussymbol, bam oida! Das sind die Gründe warum ich kein iDings brauch.» – Markus K. (Forumseintrag)

«Weils die schönsten, innovativsten und simpelsten Geräte sind.» – Rainer F. (Forumseintrag)

Es ist auch eine Diskussion ohne Aussicht auf Konsens, da «Basher» wie «Jünger» mit leidenschaftlicher Sturheit aneinander vorbeiargumentieren. Während Kritiker monieren, für Apple-Produkte würde man «mehr zahlen, obwohl das gleiche drin stecke» und der Kunde würde durch die Simplizität «eingeschränkt», sehen selbst ernannte Apple-Fans genau darin ihre Liebe zu Mac und Co. begründet.

Mehr als nur Name und Design bieten

«Apple hat aus Sicht der Apple-Jünger immer Substanz und war mehr als nur Name und Design. Das begann mit der einfachen Bedienung, dem aus Sicht der Apple-Jünger besseren und absturzsichererem Betriebssystem», erläutert Brandtner. Die viel besprochene Design-Frage falle natürlich auch ins Gewicht, werde aber mehr von der Gegenseite forciert.

«Apple-Fans sind von ihren iPods, iPhones und iPads begeistert und reden meistens über irgendwelche Features vom Touchscreen bis hin zu den vielen Apps. Es ist die Gegenseite, die versucht, Apple rein auf Design und Markenname zu reduzieren. Das bedeutet aber für Apple, dass man auch in Zukunft eben für die Apple-Jünger immer mehr als nur Name und Design bieten muss.»

Ich kann diese ganzen Apple-Basher einfach nicht mehr sehen/hören, was die für einen Stutz (sic) zusammen labern ist einfach nicht mehr auszuhalten. Die sollen froh sein, dass Apple das iPhone entwickelt hat, denn sonst würde es heute kein Android,... bzw. nicht das Android geben, wie wir es kennen... keinen App Store, keine ausgereifte Multitouch Bedienung usw... – Patrick S. (Forumseintrag)

Der Drang zum Mainstream bedeutet für Apple auch, dass man sich künftig an eine neue Rolle gewöhnen muss und mit Veränderungen in der Kundenbasis zu rechnen hat. «Apple muss heute doppelt vorsichtig sein: Je breiter die Apple-Fangemeinde wird, desto grösser wird die Gefahr, dass diese Fangemeinde mainstreamig und damit schwächer wird», gibt Brandtner zu bedenken.

Zu viele Geschäftsfelder

Zugleich müsse der Konzern künftig mit mehr Bedacht vorgehen, wenn es um die Erschliessung neuer Märkte gehe. «Apple stösst aus meiner Sicht mit seinen vielen ‹i›-Innovationen in zu viele Geschäftsfelder vor. Jetzt ist es die eine Seite, immer neue Geschäftsfelder zu erobern. Die andere ist, dass man diese auch weiterentwickeln und verteidigen muss. Hier besteht die Gefahr, dass sich Apple in Zukunft einfach mit zu vielen ‹i›s verzettelt.»

«Dann erkläre mir bitte, warum ich Mac verwenden sollte statt Windows?» – Christian S. (Forumseintrag)

«Warum? Hast schon einmal einen verwendet? Wahrscheinlich nicht, denn sonst würdest du nicht nach dem Warum fragen.» – Patrick S. (Forumseintrag)

Wie lange die Schlacht zwischen «Fanboys» und «Bashern» noch weitergeht, wird also stark davon abhängen, wie lange es Apple schafft, diese Polarisierung aufrechtzuerhalten. «Sollte Mini (was natürlich nicht passieren wird) einmal so viele Autos verkaufen wie VW, dann ist das Flair des Andersseins weg», verdeutlicht Brandtner das Problem.

Was, wenn Apple noch erfolgreicher wird?

Aus der Vergangenheit weiss man, wie schnell der Trubel um eine Marke erlöschen kann. «Wenn solche Marken (zu) erfolgreich werden, also mainstreamig werden, besteht die Gefahr, dass auch diese Markenaura verlorengeht. So ist auch Sony nicht mehr das, was es früher – etwa zu Walkman-Zeiten – einmal war.» So gesehen, müsse «Apple heute eigentlich über jeden Apple-Basher froh sein, weil diese die Apple-Jünger einen und vereint halten».

Die Gründe, weshalb Leser Apple-Beiträge kommentieren, sind vielseitig und oft steckt weit mehr dahinter als lediglich die eine oder andere Präferenz. Vom «beruflich Vorbelasteten», über den «passionierten Provokateur», den «enttäuschten Apple-Jünger» bis hin zum «Pragmatiker » treffen die unterschiedlichsten Teilnehmer in den sich manches Mal über Dutzende Seiten erstreckenden Diskussionen aufeinander. Einig ist man sich dabei selten. (Zsolt Wilhelm, derstandard.at)

Erstellt: 25.08.2010, 08:05 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Gefühle, die Apple schafft, wirken wie eine Volksdroge»

Für den renommierten Designprofessor Paolo Tumminelli ist das Apple-Telefon eigentlich ein «simples Stück Kunststoff». Doch Steve Jobs schaffe es wie keiner, irrationale Bedürfnisse der Konsumenten zu wecken. Mehr...

500 warteten im Regen auf das iPhone

Die Apple-Jünger haben sich vor dem Store an der Bahnhofstrasse aufgereiht und stehen an, um ein neues Smartphone zu ergattern. Mehr...

«Apples Rivalen müssen mit günstigen Preisen Druck machen»

Fast täglich künden Hersteller Tablets an. Wie stehen ihre Chancen? Und was heisst dies für Konsumenten? «Das iPad», sagt Analyst Gabriel Bartholdi, «könnte wie das iPhone zum Standard werden.» Mehr...

Bildstrecke

Volksdroge Apple

Volksdroge Apple Inhalte sind bei Smartphones wichtiger als Funktionalität und Design.

Bildstrecke

Apple auf die Schippe genommen

Apple auf die Schippe genommen iPhone 4 oder iPad: Im Web werden die Produkte des IT-Konzerns immer wieder verulkt.

Der Österreicher Michael Brandtner berät seit 1996 nationale und internationale Klienten bei der strategischen Ausrichtung von Marken und Unternehmen. Seine Klienten kommen aus über 50 Branchen vom internationalen Konzern über mittelständische Unternehmen bis hin zu Bildungseinrichtungen und Verbänden.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...