«Apps haben langfristig keine Chance»

Wie sieht das Internet der Zukunft aus? Technologieexperte Joachim Graf prophezeit ein offenes Netz mit Browsern, die als Betriebssystem fungieren. Software wird an Bedeutung verlieren.

Noch stimmen die Zahlen: Keynote von Steve Jobs zum iPhone und App Store im April.

Noch stimmen die Zahlen: Keynote von Steve Jobs zum iPhone und App Store im April.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das renommierte Online-Magazin «Wired» sorgt mit einer provokanten These für Diskussionen: Das Internet ist tot, stattdessen werden spezialisierte Apps auf verschiedenen Plattformen den Browser ablösen. Gerade die kleinen Programme fürs iPhone sind ein Milliardengeschäft, andere Hersteller ziehen nach. Für Zukunftsforscher und Technologieexperte Joachim Graf ist die App-Wirtschaft hingegen nur ein vorübergehendes Phänomen – geschlossene Systeme wie der App Store werden seiner Meinung nach in Zukunft keine Chance mehr haben.

Apple verdient gut mit Apps fürs iPhone und das iPad, sie sind ein Milliardengeschäft, viele Unternehmen setzen auf die kleinen Programme als Einnahmequelle. Trotzdem prophezeien Sie das Ende der Apps. Warum?
Ich vergleiche Apps mit dem Commodore 64. Solche geschlossenen Systeme wie Apples App Store sind zwar kurzfristig erfolgreich, haben aber auf lange Sicht keine Chance.

Warum?
Bleiben wir bei Apple. Etwa 70 Prozent aller Handynutzer besitzen kein iPhone. Warum soll ich mich auf Anwendungen konzentrieren, die nur 30 Prozent nutzen? Bei vielen Apps – zum Beispiel von Verlagen – frage ich mich zudem, weshalb man diese programmiert, wenn bereits eine Mobilversion existiert. Apps, die nur das Webangebot einbinden, haben keine Zukunft. Oft muss das Unternehmen dann noch mehrere Plattformen bedienen. Das kostet viel Geld und ist betriebs- und volkswirtschaftlicher Unfug. Die App-Geschäftsmodelle, die finanziell funktionieren, sind überschaubar – meist handelt es sich um Spiele.

Die Nutzung von Apps kann aber komfortabler sein als der Zugriff mit dem Smartphone auf die mobile Seite.
Ja, solange es noch keine vernünftige Mobilanwendung gibt. Doch mit der Technologie HTML5, die sich in den kommenden zwei Jahren durchsetzt, wird sich dies völlig verändern – sie wird Apps überflüssig machen. Als Nutzer ist mir die Darstellung auch ziemlich egal, es muss einfach funktionieren, und ich will mir auch nicht hundert Apps runterladen. Schon heute sind einige Apps überflüssig, wie ich am Beispiel der Xing-App selber erfahren habe: Weil diese nicht mehr richtig funktionierte, surfte ich mit dem Smartphone die mobile Seite an und stellte fest, dass diese mehr bietet als die iPhone-App.

Was folgt auf die Apps mit ihren geschlossenen Systemen?
Die Zukunft gehört offenen und browserbasierten Lösungen. Deren Anwendungen sind nicht mehr an eine Plattform oder Website gebunden. Es wird keine Rolle mehr spielen, mit welchem Gerät ich zugreife. Jeder kann sich an diese Open-Source-Lösungen andocken und eine gute Idee umsetzen. Davon profitieren Entwickler und Kunden. Der Browser könnte beispielsweise das Betriebssystem sein, welches man mit beliebigen Funktionen erweitern kann.

Was bedeutet diese Entwicklung für gestandene Softwarehersteller wie Microsoft?
Software wird nicht mehr die heutige Bedeutung haben, klassische Betriebssysteme verschwinden. Microsoft mit Windows und dem Officepaket muss sich ernsthaft Gedanken um die Zukunft machen. Bereits heute wird der Konzern von Open-Source-Lösungen wie Open Office unter Druck gesetzt. Noch hat das Unternehmen keine Lösung parat. Es gibt nur wenige Firmen dieser Grössenordnung, die sich neu erfinden können. IBM hat dies beispielsweise geschafft und erkannt, dass das Geschäftsmodell im Service, der individuellen menschlichen Arbeitskraft liegt.

Offene Systeme, Browser als Betriebssystem: In welche Richtung wird sich das Internet auch noch entwickeln?
Das Web hat die Art, wie wir leben und kommunizieren, verändert. Wir tun dies heute viel schneller und direkter. Der Kunde wird in Zukunft noch viel mehr mitreden bei Fragen, was und wie produziert wird. Ein grosses Thema wird zudem die sogenannte Augmented Reality sein, die digitale Darstellung von Informationen in der Umgebung, wie wir es schon heute von einigen Smartphone-Anwendungen kennen. In Zukunft wird mir meine Brille einblenden, wo ich hin muss. Das ist nur ein Beispiel, wie Informationen generell immer dezentraler abrufbar sein werden. Es spielt keine Rolle mehr, wo wir uns bewegen und welches Gerät wir dabei haben.

Welche Chancen geben Sie den drei IT-Riesen Google, Apple und Microsoft in der Web-Zukunft?
Google dürfte mit seiner Suchmaschine weiter wichtig bleiben. Das Konzept Apple, welches sagt, was gut für einen ist, wird weiter funktionieren – wenn auch nicht global, dafür bei einer gewissen Anzahl «Gläubiger». Hier ist die Kontrolle über Hardware weiterhin ein Geschäftsmodell. Und Microsoft? Das Unternehmen hat derzeit die schlechtesten Karten, aber beliebig viel Geld.

Was muss der Softwarekonzern tun?
Sie meinen, ausser das überforderte Topmanagement abzulösen? Zur Zeit bemühen sie sich, in der Cloud erfolgreich zu sein – aber auch hier herrscht starker Wettbewerb.

Erstellt: 25.08.2010, 10:07 Uhr

Joachim Graf.

«Der Preis geht gegen Null»

Verlage setzen grosse Hoffnungen auf Apps.

Ihnen geht es nicht besser, nur weil es jetzt das iPad gibt. Sie sollten nicht weiter die Last auf sich nehmen, Apps fürs iPhone, Nokia, Android und fürs Web – und für alles, was da noch kommt, entwickeln und pflegen zu lassen.

Sondern?

In erster Linie müssen sie sich von der Idee des Paid Content verabschieden. Das Internet bietet beliebig viel Content. Und wohin geht der Preis? Gegen Null.

Wie lautet die Alternative?

Paid Service. Der Nutzer zahlt für die Suchmaschinenoptimierung seines regionalen Firmeneintrags, die Teilnahme an einer Veranstaltung oder an einem lokalen Single-Treff oder für ein tagesaktuelles Pilzsucher-Google-Maps-Mashup. Das setzt aber voraus, dass man weiss, was Nutzer wollen. Das hat Verlage in den letzten 150 Jahre noch nie wirklich interessiert. Das Internet bietet hier die einmalige Chance – und so kann man massgeschneiderte Lösungen erarbeiten.ah

Kommentare

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...