«Assanges Plan ist zerstört»

Der Deutsche Per Hinrichs ist einer der wenigen, der im Wikileaks-Fundus stöbern darf. Nach welchen Kriterien tut er das? Gibt es es ethische Richtlinien und was würde der Journalist nicht publizieren?

«Als Journalist macht man sich schon Sorgen»: Der Schweizer Rudolf Elmer (rechts) überreicht Julian Assange eine Bankdaten-CD.

«Als Journalist macht man sich schon Sorgen»: Der Schweizer Rudolf Elmer (rechts) überreicht Julian Assange eine Bankdaten-CD. Bild: Reuters

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Durch ein Leck bei Wikileaks hat die norwegische Zeitung «Aftenposten» Zugriff auf den Fundus der Enthüllungsplattform und teilt sein Wissen bereitwillig. Unter anderem mit den Zeitungen «Die Welt» und «Welt am Sonntag». Ihr Politredaktor Per Hinrichs hat sich in den vergangenen Wochen – in Zusammenarbeit mit den Korrespondenten der WELT-Gruppe - in den Redaktionsräumen von «Aftenposten» durch die Depeschen gewühlt.

Per Hinrichs, Julian Assange ist sehr verärgert, dass seine Organisation Wikileaks die Kontrolle über das ihr zugespielte Datenmaterial verloren hat. Können Sie seinen Frust nachvollziehen?
Das ist für Julian Assange natürlich sehr ärgerlich: Sein Plan ist zerstört, er hat keine Kontrolle mehr über die Depeschen, die Wikileaks zugespielt wurden. Aber Mitleid habe ich deswegen nicht mit ihm.

Glauben Sie, dass sich das Image der USA durch die Veröffentlichung der Depeschen verändert?
Die Meinungen gehen hier sehr weit auseinander: Der «Guardian» beurteilt die Rolle der USA sehr kritisch. Wir, also die Redaktionen der WELT-Gruppe, haben da eine andere Sichtweise und können diese Interpretation nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Wir sind fast erstaunt, in welchem Ausmass Washington in weiten Teilen der Welt eine umsichtige Aussenpolitik verfolgt.

Das erstaunt in der Tat. Wo genau agieren die USA umsichtig?
Zum Beispiel bei ihrem Einsatz für Menschenrechte im Mittleren Osten. Und beim Problem der Weiterverbreitung von Atomwaffen. Die USA versuchen alles, aber wirklich alles, um zu verhindern, dass der Iran die Atombombe bauen kann.

Auch hier verfolgen die USA Interessenpolitik...
...aber es ist in erster Linie Europa, das sich vor einem nuklearen Iran fürchten muss. Und wäre die Aussenpolitik Washingtons immer nur wirtschaftlich gesteuert, wie Kritiker immer wieder behaupten, würde sie niemals diesen enormen Aufwand betreiben.

Der Schweizer Wikileaks-Informant Rudolf Elmer ist schuldig gesprochen worden und sitzt in Untersuchungshaft. Nach Einschätzung eines Zürcher Gerichts besteht gegen den Ex-Banker ein dringender Tatverdacht, das Schweizer Bankgeheimnis verletzt zu haben.
Ich bin kein Jurist, ich kann das nicht beurteilen. Als Journalist macht man sich aber schon Sorgen, wenn Personen wie Elmer oder auch der US-Informant Bradly Manning so hart angefasst werden. Denn für unsere Arbeit sind diese Informanten natürlich ausgesprochen wichtig.

Wikileaks hat so einiges ins Rollen gebracht, Sie profitieren – wie Sie selber zugeben – von diesen Enthüllungen. Bedeutet dies, dass Sie die Rolle von Wikileaks uneingeschränkt loben?
Was heisst «uneingeschränkt loben»? Entscheidend ist, dass wir dabei die gleichen Kriterien und ethischen Richtlinien beachten, die für alle anderen Quellen auch gelten, Persönlichkeitsschutz und die Sicherheit von Menschenleben spielen hier eine wichtige Rolle. Dabei konzentrieren wir uns nicht auf persönliche Anmerkungen, die irgendwelche Diplomaten über irgendwelche Politiker gemacht haben, sondern auf politisch relevante Informationen.

Was würden Sie nicht publizieren?
Angenommen, wir kommen in den Besitz von Bankdaten Privater – ich sehe nicht, wo hier ein öffentliches Interesse besteht. Und dann gilt selbstverständlich der Schutz der Privatsphäre. Von Land zu Land gibt es jedoch unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf die Privatsphäre. In Norwegen etwa herrscht bei den Steuerdaten totale Transparenz. Jeder kann ganz einfach, völlig legal, in Erfahrung bringen, wie viel Einkommen der Nachbar versteuert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2011, 10:17 Uhr

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Der 39-jährige studierte Historiker Per Hinrichs ist Politik-Redaktor für «Die Welt» und «Welt am Sonntag» Zuvor arbeitete er unter anderem sieben Jahre als «Spiegel»-Redaktor.

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