Interview

«Auch Kinder stresst es, immer gleich antworten zu müssen»

Fast 80 Prozent der Schweizer Primarschüler haben laut einer Studie bereits ein eigenes Smartphone. Medienpsychologe Daniel Süss sagt, was es dabei zu beachten gilt.

Daniel Süss: «Freunde zu treffen ist für Kinder und Jugendliche immer noch die liebste Freizeitaktivität - trotz Smartphone.»

Daniel Süss: «Freunde zu treffen ist für Kinder und Jugendliche immer noch die liebste Freizeitaktivität - trotz Smartphone.» Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Laut der SWITCH-Studie für das Jahr 2013 besitzen 79 Prozent der befragten Primarschüler ein eigenes Smartphone oder Tablet. Eine sehr hohe Zahl.
Schweizer nutzen Smartphones im internationalen Vergleich generell sehr stark. Die Jugendlichen tun dies in noch höherem Masse und dieser Trend geht bis zu Primarschulkindern. Tablets sind aber erst in einem Drittel der Haushalte mit Kindern anzutreffen. Mit den Smartphones nimmt aber auch die eher unkontrollierte Nutzung zu. Denn das Kind hat das Handy ja dabei, wenn es unterwegs ist. Da ruft es nicht zu Hause an, und fragt, ob es das Internet nutzen darf.

Was bringt es den Eltern, wenn ihr Kind ein Smartphone hat?
Der Besitz eines Handys macht nicht nur die Kinder unabhängiger und mobiler, sondern auch die Eltern. Die sind häufiger unterwegs als früher und warten nicht immer daheim bis das Kind aus der Schule kommt. Per Handy können sie ihre Erziehungsaufgaben auch von unterwegs wahrnehmen. Sie schreiben dem Kind zum Beispiel: «Erledige noch dies» oder: «Bei mir wird’s ein bisschen später».

Gemäss der Studie gehen gut zwei Drittel der Schweizer Kinder und Jugendlichen täglich ins Internet. Sollten Eltern handyfreie Tage anordnen?
Smartphones werden von den Jugendlichen vermehrt zur Kommunikation genutzt, beispielsweise per WhatsApp. Mit einem Verbot würde man sagen: Es gibt Tage, an denen du nicht mit deinen Kollegen kommunizieren darfst. Ich bezweifle, dass das sinnvoll ist. Müsste man an diesem Tag dann jeweils das Festnetz benutzen? Wenn bei einem Kind der Mediengebrauch etwas zu stark zur unreflektierten Routine wird, sollte es auch mal einen fernsehfreien oder gamefreien Tag geben. Interessanterweise würde aber nie jemand einen lesefreien Tag bestimmen. Mit solchen Forderungen sind also immer auch Bewertungen der verschiedenen Aktivitäten verbunden.

Warum ist Kindern diese Kommunikation so wichtig? Sie sehen ihre Freunde doch jeden Tag in der Schule.
Das stimmt, aber dort müssen sie sich mit dem Schulstoff auseinandersetzen und können mit ihren Freunden nicht ständig über Hobbys oder Ähnliches sprechen. Und auch ausserhalb der Schule verbringen sie viel Zeit in sogenannten Zwangsgemeinschaften wie der Familie, also in Gemeinschaften, die sie nicht selbst ausgewählt haben. Die mobile Kommunikation erlaubt es den Kindern, trotzdem mit ihren selbst gewählten Freunden in Kontakt zu sein.

Aber auch viele Erwachsene wünschten sich mal Kommunikations- und Internetpausen.
Ja klar, man kann zum Beispiel die Ferien zu einer Off-Zeit machen. Das kann durchaus Sinn machen, um nicht ständig von Mails, SMS und Anrufen bombardiert zu werden. Das sollte man mit den Kindern auch thematisieren. Bei Interviews mit Kindern und Jugendlichen zeigte sich immer wieder, dass auch sie sich gestresst fühlen durch den Druck, immer sofort antworten zu müssen.

Was sagen Sie zu der Befürchtung, dass ein Smartphone für ein Kind so spannend ist, dass es sich für nichts anderes mehr interessiert?
Ich teile diese Angst überhaupt nicht. Schaut man sich Studien aus der Schweiz und dem Ausland an, ist die Freizeittätigkeit Nummer eins bei Kindern und Jugendlichen immer Freunde zu treffen, und zwar im echten Leben. Nur eine sehr kleine Gruppe von sozial nicht integrierten Kindern zieht sich in eine virtuelle Welt zurück. Aber auch dort sind sie zum Beispiel über Game-Communities mit anderen in Kontakt.

20 Prozent der befragten Primarschüler sagten, ihre Eltern interessierten sich nicht dafür, was sie im Internet machen. 40 Prozent gaben an, es werde nicht kontrolliert, mit wem sie Kontakt haben. Wie kommt das?
Verschiedene Studien haben gezeigt: Je mehr Eltern das Internet selbst nutzen, desto sensibler sind sie für mögliche Risiken, denen ihr Kind ausgesetzt ist und achten darauf. Nutzen sie das Internet selten, sind sie auch häufig weniger interessiert daran.

Dann verschwindet dieses Problem bald? Die kommenden Eltern sind meist ja selbst schon mit dem Internet aufgewachsen.
Das Internet einfach zu kennen, reicht nicht. Es braucht auch ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind, damit diese mitbekommen falls es etwas Problematisches erlebt hat. Viele Eltern fragen sich, ob es ihrem Kind gut geht, es seine Leistungen in der Schule bringt, nicht übermüdet ist und so weiter. Ist dies der Fall können sie auch mehr Freiheiten zulassen. Je älter die Kinder werden, desto weniger angebracht ist eine zu starke Kontrolle. Wenn ich ständig sehen wollte, was meine 13- und 15-jährigen Kinder gepostet haben, würden sie dies als Beleg meines Misstrauens interpretieren.

Kontrollieren Sie die von Ihren Kinder geposteten Fotos?
Nicht regelmässig, aber wir haben sie auch schon zusammen angesehen und ich habe gesagt, ob ich ein Foto angemessen finde oder nicht. Oder dass sie zum Beispiel auch nicht ungefragt Bilder von anderen Personen veröffentlichen sollen.

Entsteht eine Generation von Selbstdarstellern wenn schon Primarschüler Fotos von sich auf Facebook posten?
Diese Selbstinszenierung nimmt in der ganzen Gesellschaft an Gewicht zu. Andererseits war sie für Jugendliche schon immer ein Thema. Auch früher schon standen sie stundenlang vor dem Spiegel und jetzt stehen sie einfach auch stundenlang vor dem Online-Spiegel. Es ist eine weitere Probebühne um Reaktionen zu testen und Dinge auszuprobieren.

Was, wenn man befürchtet, dass das Kind bei diesem Ausprobieren auf dem Smartphone zum Beispiel auf Pornos stösst?
Bei dieser Frage geht es nicht primär um die Medien, sondern um den Umgang mit Sexualität. Der beste Schutzfaktor ist, das Thema nicht zu tabuisieren und mit dem Kind altersgerecht darüber zu sprechen. So kann es, wenn es mit Pornographie in Berührung kommt, besser entscheiden, wie es damit umgehen will. Und es wird die Eltern auch eher ins Vertrauen ziehen, wenn es durch ungewollte Kontakte irritiert wurde.

Gehört also zu jedem geschenkten Smartphone auch gleich ein Aufklärungsgespräch?
Bei einem 7- oder 8-jährigen Kind ist das Risiko, dass es per Smartphone auf pornographische Inhalte stösst, nicht gross. Kinder suchen im Internet ja gezielt nach ihren Interessen, die gleichzeitig ihrem Entwicklungsniveau entsprechen. Ich würde dem Kind deshalb kein Thema aufdrängen, das bei ihm nicht aktuell ist.

Was raten Sie Eltern, die ihrem Kind kein Smartphone schenken wollen? «Alle anderen haben auch eins» ist bei fast 80 Prozent Handybesitzern ja nicht ganz falsch.
Bei diesem Argument muss man sich überlegen, ob man dem Kind tatsächlich vermitteln will, dem Gruppen- und Konformitätsdruck in der Gesellschaft immer nachzugeben. Wenn ein Kind sich ein Handy wünscht, sollte man in der Familie darüber sprechen, was der Nutzen sein könnte und welche Regeln es gäbe. Vielleicht ist zum Einstieg kein Smartphone, sondern ein klassisches Handy besser oder ein Abonnement speziell für Kinder, das eingeschränkte Internet-Funktionen hat, die man später lockern kann. Wenn das für die Familie geklärt ist, kann man diesem Wunsch zustimmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2014, 17:57 Uhr

Daniel Süss ist Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). (Bild: PD)

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