Beschleuniger der Verzweiflung

In den USA ist eine Debatte über soziale Netzwerke entbrannt: In welchem Ausmass fördern sie Aufstände wie in Ägypten?

Umstrittene Rolle von Facebook und Twitter in politischen Prozessen: Proteste gegen die ägyptische Regierung.

Umstrittene Rolle von Facebook und Twitter in politischen Prozessen: Proteste gegen die ägyptische Regierung. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor genau drei Jahrzehnten proklamierte der radikale amerikanische Poet und Musiker Gil Scott-Heron auf der Höhe des Vietnamkriegs, die Revolution werde «nicht im Fernsehen übertragen werden». Will man manchen amerikanischen Anhängern sozialer Medien wie Twitter und Facebook glauben, werden zeitgenössische Revolutionen zwar im TV übertragen, sind jedoch vor allem ein Ergebnis digitaler Netzwerke. Twitter und Facebook seien treibende Kräfte hinter Erhebungen wie in Tunesien und Ägypten oder derjenigen im Iran 2009.

«Der Gebrauch sozialer Medien», sagte etwa CNN-Talker Piers Morgan mit Blick auf die ägyptischen Barrikaden, sei «der faszinierendste Aspekt dieser Revolution». Und überall im amerikanischen TV klopfte man sich stolz auf die Schulter: Seht her, amerikanische Innovationen ebnen Freiheit und Menschenwürde den Weg! Der Kolumnist Frank Rich wollte davon freilich nichts wissen, ihm schien die vermeintlich getwitterte Revolution in Kairo sogar Ausdruck profunder amerikanischer Ignoranz: Die Anrufung von Twitter und Facebook, schrieb er, widerspiegle «einen simplen westlichen Chauvinismus – wie fabelhaft, dass zwei tolle amerikanische Erfindungen die unterdrückten, ungewaschenen Massen retten». Die Amerikaner hätten keine Ahnung von den Vorgängen, klinkten sich aber als angebliche Mitverursacher des Aufstands gegen die Despotie freudigst ein.

Repressionsmittel des Regimes

Derartige Selbstbeweihräucherung hatten amerikanische Kritiker des elektronischen revolutionären Bewusstseins schon bei der gescheiterten Erhebung gegen das Regime im Iran 2009 angeprangert. Denn kaum war ein Teil der iranischen Bevölkerung auf die Strasse geströmt, meldeten sich Leute wie der New Yorker Medienexperte Clay Shirky zu Wort und gewahrten in Teheran die Digitalisierung politischen Aufbegehrens: «Das ist es; das ist die grosse Sache; das ist die erste Revolution, die durch soziale Medien auf die Weltbühne katapultiert worden ist», jubelte Shirky.

Besonnenere Geister kamen freilich zu einem weniger euphorischen Befund: Twitter und Facebook konnten eine Bewegung beschleunigen, Auslöser aber waren und sind sie nicht. So konterte beispielsweise Richard Engel, der Arabisch sprechende Korrespondent des TV-Senders NBC in Kairo, die Verzückung seiner Kollegen über die Rolle sozialer Netzwerke mit dem Hinweis, der ägyptische Aufstand habe nichts mit ihnen zu tun, sondern gründe vielmehr auf dem Wunsch nach «Würde» und der Verzweiflung über Armut.

Die Kehrseite der elektronischen Agora

Für jene, die die Rolle des Internets überinterpretierten, war Kairo jedoch nur die Fortsetzung der Ereignisse von Teheran. Damals hatte Jared Cohen, ein Mitarbeiter des US-Aussenministeriums, der jetzt bei Google arbeitet, die Meinung vertreten, das Internet sei «der Ort, an dem die iranischen Jugendlichen alles sagen können, was sie wollen». Tatsächlich aber existierten zum Zeitpunkt des Aufstands lediglich 19 235 registrierte Twitter-User im Iran, also 0,027 Prozent der Bevölkerung. Überdies nutzte das Regime die sozialen Medien selber und fand schnell heraus, wer twitterte und die Erhebung zu organisieren half. In einem eben publizierten und viel beachteten Buch («The Net Delusion») bezichtigt Evgeny Morozov, ein aussenpolitischer Experte, die Twitter- und Facebook-Gläubigen, «taub» zu sein für die «sozial-kulturellen Subtilitäten und Unbestimmtheiten» einer politischen Situation. Morozov glaubt sogar, dass das Internet nicht notwendig zu politischer Emanzipation führe, sondern im Gegenteil von den Feinden der Freiheit als Repressionsmittel genutzt werden oder zu einer gefährlichen Entpolitisierung beitragen könne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2011, 08:11 Uhr

Artikel zum Thema

«Keine Diktatur der Welt kann Facebook stoppen»

Interview Die freie Welt feiert die Jugend aus Nordafrika, welche die «Tyrannen aus Tunis herausgetweetet» haben soll. Maghreb-Experte Hardy Ostry sieht dies differenzierter. Und er warnt vor Manipulationen in sozialen Netzwerken. Mehr...

Stürzen Twitter, Facebook und Mobiltelefone Mubarak?

Hintergrund Ob Iran, Tunesien oder Ägypten: Moderne Protestbewegungen mobilisieren die Massen mit Facebook, Twitter und SMS. Kein Wunder, dass Mubaraks Regime die Internet- und Mobiltelefonnetze stillgelegt hat. Mehr...

Internet, Handys und Twitter sind die neuen Waffen der Revolution

Exklusiv Die arabischen Autokraten sind besorgt. Sie befürchten, dass die tunesische Revolte auf ihre Länder übergreift. Zu ersten Demonstrationen ist es bereits gekommen. Mehr...

Blogs

Geldblog Bankensoftware-Lieferant Temenos mit Weitblick

History Reloaded Die enthauptete Spionin

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...