Computer-Kunst mit einem Uraltformat

Vor 30 Jahren entwickelte Steve Wilhite mit GIF ein einfaches Format für digitale Bilder. Heute sind die kleinen Animationen so beliebt wie nie zuvor.

Der Urvater des GIF: Die Bewegungsstudien des Fotopioniers Eadweard Muybridge. Foto: Eadweard Muybridge Collection (Keystone)

Der Urvater des GIF: Die Bewegungsstudien des Fotopioniers Eadweard Muybridge. Foto: Eadweard Muybridge Collection (Keystone)

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Im Web von 2014 erinnert nicht mehr viel an die Anfänge. Die statischen Textwüsten haben sich zum multimedialen Schlaraffenland gewandelt. 1994 war ein blinkender Text das Maximum an optischer Stimulation. Heute lässt sich jede Gestaltungsidee technisch umsetzen.

Das GIF (Graphics Interchange Format) ist ein Grafikformat aus der Informatik-Steinzeit. Es hat nicht nur sämtliche Versuche überlebt, es abzuschaffen. Im Gegenteil: Es erfreut sich grösserer Beliebtheit denn je. Dieser Tage wurden erstmals The Gifys verliehen – ein Preis für die denkwürdigste GIF-Animation. Eine Werbeagentur in Los Angeles richtete den Preis aus und will das GIF als ­sozialen Kommentar und Kunstform ­gewürdigt wissen.

Das GIF-Format ist den Surfern der ersten Stunde in le­bendiger Erinnerung. Auf vielen un­fertigen Websites schaufelte ein kleiner Bauarbeiter neben einem Under-­Construction-Schild – und E-Mail-Adressen wurden mit einem drehenden @-Symbol gekennzeichnet.

Erste Bewegtbilder

Dabei ist das Format noch vor dem World Wide Web entstanden. Steve ­Wilhite hat es 1987 für den Einwähldienst Compuserve entwickelt. Es brachte nicht nur Farbe auf die Foren­seiten. Dank der effizienten Komprimierung konnten auch langsame Modems Bilder übertragen, die mehr als ein paar Pixel gross waren.

Nicht nur das: Ein ­«Interlacing» genannter Trick bewirkte, dass die Bildzeilen nicht sequenziell von oben nach unten übertragen wurden, sondern übers Bild verteilt. So erschien schon eine grobe Voransicht, wenn erst ein Bruchteil der Datei übertragen war.

Steve Wilhite bewies noch mehr Weitblick. Die Webdesigner sind ihm heute noch dankbar, dass er an Transparenz dachte. Sie konnten ihre Buttons, Navigationselemente und Logos auf unterschiedlichen Hintergründen platzieren, ohne sie farblich anpassen zu müssen.

Schliesslich – und das ist das offene Erfolgsgeheimnis – unterstützt GIF Animationen. Wie beim Daumenkino werden mehrere Einzelbilder hintereinander abgespielt. Die Animation konnte mehrfach oder unendlich wiederholt werden. Steve Wilhite bescherte der Netzgemeinde Bewegtbilder, als an ­Video noch nicht zu denken war. Diese kurzen, ewig loopenden Bildsequenzen sind längst ihr eigenes Medium, das von der Beschränkung lebt.

Mehr als einige Dutzend Einzelbilder finden in den Animationen nicht Platz. Eine Sequenz läuft wenige Sekunden, meistens aber nur Sekundenbruchteile. Das Resultat sind Kürzestfilme, die verblüffende Ähn­lichkeit mit den Serienaufnahmen von Eadweard Muybridge haben.

Der britische Fotopionier dokumentierte die Bewegungsabläufe von Pferden und Menschen und erfand zur ­Präsentation das Zoopraxiskop, das die im Kreis angeordneten Bilder an einer Stroboskoplampe vorbeiführt. Eadweard Muybridge spielte eine wichtige Rolle, als sich das stehende Bild zum be­­­weg­ten weiterentwickelte, und er ­beeinflusste die Wissenschaft und die bildende Kunst.

Das animierte GIF ist nicht nur sein eigenes Medium, sondern eine Kunstform für sich: «Es lässt uns anhalten und einem einzelnen Moment im Zeitfluss nachgrübeln», schrieb das «Wired»-­Magazin in einer Würdigung. Es fängt aber nicht nur Momente ein. Es erweitert auch abstrakte Darstellungen um die Dimension der Zeit. Auf Websites wie giphy.com werden Künstler wie Ryan ­Seslow vorgestellt, die Expressionismus, Surrealismus und Pop-Art mit dem ­Wackeleffekt verbinden.

Sexszenen per GIF

Liebevoll von Hand gestaltete kleine Kunstwerke sind indes die Ausnahme. Im Internet dominieren Pixelmatsch und Trash. Der Gipfel sind die «porn GIFs». Sie komprimieren Sexfilmszenen aufs Wesentliche. Im jugendfreien Bereich gibt es als Kondensat von «America’s ­funniest home videos» Hunderttausend Varianten von hüpfenden Katzen und tanzenden Babys. Die animierten Kürzestfilme verkürzen den Zeitablauf, sodass sie uns an den Slapstick aus der Stummfilmära erinnern. Die Streifen von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Laurel & Hardy wurden ihrerseits etwas zu schnell abgespielt.

Ihren aktuellen Höhenflug verdanken die GIFs dem sozialen Netz. Auf Facebook sammelt man mit animierten Hin­guckern mehr Likes ein, als man es mit einem klug geschriebenen Statusupdate jemals könnte. Google Plus verschmilzt mehrere hochgeladene Serienfotos automatisch zur Animation. So entsteht ein GIF quasi von selbst. Das macht es leichter als in der Anfangszeit, wo man mit speziellen Editoren hantieren musste.

Das Prinzip der animierten GIFs hat auch neue Dienste im sozialen Web auf den Plan gerufen. Instagram setzt seit Juni 2013 auf Kurzvideos, die mit den üblichen Filtern verschönert werden. Der 2012 gegründete Videosharing-Dienst Vine wurde von Twitter übernommen und als «The next big thing» gehandelt. Die nach dem Stop-Motion-Prinzip funktionierenden Videos haben eigentliche Stars hervorgebracht. ­Jerome Jarre beispielsweise hat es mit seinen 6-Sekunden-Clips inzwischen auf 4,3 Millionen Followers gebracht. Er umarmt auf offener Strasse schnauzbärtige Männer und schreit «Woo Hoo» in die Kamera.

Vine und Instagram setzen auf echte Videos inklusive Ton. Mit der zusätz­lichen Auflösung und Qualität geht allerdings auch der Reiz verloren. Der Charme des virtuellen Daumenkinos liegt in seinen technischen Mängeln. Das GIF-Format kann (ohne Trickserei) nicht die ganze Farbpalette abbilden, sondern ist auf 256 Farben beschränkt. Um trotzdem ein grösseres Spektrum abzubilden, kommt das Dithering zum Einsatz. Es simuliert die fehlenden Farben durch Pixel-Kombinationen der vorhandenen. Was den typischen Look zur Folge hat.

Der Harry-Potter-Trick

Steve Wilhite hat mehr zur Ästhetik des World Wide Web beigetragen, als man sich gemeinhin vorstellt. Sein Format hat sich trotz lizenzrechtlicher Querelen und eines an sich überlegenen Nach­folgers (PNG) gehalten. Es wird dem Netz erhalten bleiben. Und: GIF-Animationen sind nicht mehr auf die virtuelle Existenz auf dem Computerbildschirm beschränkt – man kann sie nämlich inzwischen auch drucken. Der Lentikulardruck, den man von den Hologramm­postkarten her kennt, verleiht einem animierten GIF physische Präsenz. Ein solches Linsenrasterbild ermöglicht den Effekt, mit dem Harry Potter die Kino­zuschauer verblüffte: In der Zeitung für die Zauberer, dem «Daily Prophet», sind die Fotos in konstanter Bewegung.

Wilhite wurde 2012 für sein Lebenswerk mit einem Webby Award aus­gezeichnet. Das Wort «GIF» hat es auch in den Oxford Dictionary geschafft. Das veranlasste Wilhite allerdings zu Kritik. Als Aussprache ist gemäss Wörterbuch auch «gif» erlaubt. Dabei gibt es für ­Wilhite keinen Zweifel, dass man es als «tschif» ausspricht.

Eine kleine Auswahl via Giphy:

Quellen: whitehouse.tumblr.com , daingifs.tumblr.com, gifbay.com (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2014, 16:42 Uhr

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