Das Ende der Telefonbuchse naht

Die Swisscom hat eine Offensive gestartet, die das Aus bedeutet für die analoge Telefonie. In Zukunft bestehen alle Telecomdienste nur noch aus kleinen Datenpaketen, die übers Internet verschickt werden.

Die analogen Zeiten sind bald vorbei: Eine Frau benutzt ein Drehscheiben-Telefon. (Archivbild)

Die analogen Zeiten sind bald vorbei: Eine Frau benutzt ein Drehscheiben-Telefon. (Archivbild) Bild: Keystone

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Eigentlich war Anna Meier* aus einem ganz anderen Grund im Swisscom-Shop. Sie brauchte eine neue SIM-Karte für ihr Handy. Der Verkäufer aber nutzte die Gelegenheit, um ihr gesamtes Portfolio zu überprüfen – und kam zum Schluss, dass die 60-Jährige erhebliches Sparpotenzial hat. Bislang abonnierte sie Festnetzanschluss und Internetverbindung separat – und bezahlte dafür 100 bis 200 Franken pro Monat inklusive Gesprächsgebühren. Als Paket würden die beiden Dienste nur 89 Franken pro Monat kosten – Telefonate in alle Schweizer Netze inbegriffen. Dazu gäbe es ein Digital-TV-Angebot, und in den ersten drei Monaten würde Anna Meier nur die Hälfte des Preises zahlen müssen – also 44.50 Franken. Und als wäre das nicht überzeugend genug, bot ihr der Verkäufer zusätzlich eine Gutschrift von 100 Franken auf die nächste Rechnung an.

Wer hätte da nicht zugeschlagen? Was der junge Mann allerdings nicht erwähnte: Mit dem Kombiprodukt änderte sich für Anna Meier nicht nur die Rechnung – sondern auch die Technik. Statt wie bisher analog über das Kupfernetz zu telefonieren, werden ihre Gespräche neu in kleine digitale Pakete aufgeteilt, übers Internet verschickt und erst auf der anderen Seite der Leitung wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Das nennt sich VoIP (Voice over IP) und basiert – wie das Internet selbst – auf dem sogenannten Internetprotokoll (IP).

Stecker raus bis Ende 2017

Die Swisscom hat 2013 eine Offensive gestartet und verlagert seit einigen Monaten alle Kunden, die sich neu für ein Produktbündel aus Festnetz, Internet und TV entscheiden, automatisch auf diesen IP-Standard. Ende letztes Jahr war das bereits bei 200'000 Haushalten der Fall. Bis Ende 2017 sollen sämtliche gut drei Millionen Festnetzanschlüsse auf die IP-Technik gezügelt werden – «ohne Ausnahmen», wie die Swisscom in einer gestern veröffentlichten Analystenpräsentation schreibt. Eines der zentralen Ziele dieser Umstellung: «erheblich tiefere Betriebskosten». Um den Wechsel von analogen auf IP-basierte Dienste voranzutreiben, setzt die Swisscom auf einen Sales-Push – also verkaufsfördernde Massnahmen. Dazu gehören etwa Provisionen, wenn ein Shopangestellter ein Kombiprodukt verkauft.

Allerdings sind die tieferen Betriebskosten weder der einzige noch der wichtigste Grund dafür, wieso die Swisscom die Kombiangebote forciert. «Bündelangebote sind ein zentrales Instrument, um die Wechselbereitschaft der Kunden markant zu senken», sagt Swisscom-Chef Urs Schaeppi. Wer Fernsehen, Internet und Telefon über einen einzigen Vertrag von der Swisscom bezieht, dem fällt es wesentlich schwerer, zu Cablecom oder Sunrise zu wechseln. Die Swisscom macht heute bereits 25 Prozent des Umsatzes in diesem Geschäft mit Kombiangeboten – 424 Millionen Franken. Seit Ende 2009 steigt der Anteil jedes Jahr um 100 Millionen Franken.

Die Funkverbindung reicht nicht mehr ins Schlafzimmer

Was sich mit der Umstellung auf ein Kombiprodukt und damit von analog auf IP für die Kunden ändert, hat Anna Meier auf die harte Tour erfahren. Ihr Telefon war von einem Tag auf den anderen tot. Der Anschluss war ohne ihr Wissen umgestellt worden. Das Infomaterial, die nötigen Kabel und Stecker hatte ihr die Swisscom zwar zugeschickt. Allerdings ging sie davon aus, dass es sich bei den Paketen um die Geräte für das Digital-TV handelte – mit dessen Installation sie ihren Sohn betrauen wollte. Als ihr klar geworden war, was sich ereignet hatte, war es schon zu spät: Zurück zum alten System konnte sie nicht einfach so.

Die Folgen spürt Anna Meier bis heute – jedes Mal, wenn sie das blinkende Licht am Swisscom-Modem sieht oder das Telefon klingelt, wenn sie oben im Schlafzimmer ist. Mit der IP-Technik funktioniert das Telefon nämlich nur, solange das Modem eingeschaltet ist (und der Strom funktioniert). Und seit man das Telefon nicht mehr in die Telefonbuchse stöpseln kann, sondern über das Modem verbinden muss, hat sie im oberen Stock keinen Empfang mehr – die Funkverbindung reicht nicht vom Keller, wo Modem und Telefonbasisstation stehen, bis ins Schlafzimmer.

Beim Telefonieren merkt Anna Meier von der Umstellung allerdings nichts. Und sie spart tatsächlich jeden Monat Geld. Darum ist es halb so schlimm, dass ihr Verkäufer sie nicht richtig informierte. Denn laut Swisscom weisen die Shopangestellten jeden Kunden darauf hin, was die Umstellung auf IP-Technik bedeutet. Und auch im Brief, den Anna Meier nicht gelesen hat, wäre es gestanden: «Wichtig: Damit Sie über Ihr Festnetz telefonieren können, müssen Sie Ihr Telefongerät direkt am Router anschliessen.»

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 06.02.2014, 23:37 Uhr

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